Kyinda auf dem Karasis?

Bisher unentdeckte Burgruine im Taurusgebirge

Der türkische Archäologe Mustafa Sayar erfährt von einer versteckten Burgruine auf dem Karasis, einem Berg im Taurusgebirge. Doch einen solchen Fund hält Sayar in der archäologisch gut erschlossenen Türkei für fast ausgeschlossen.

Vier große Diadochenreiche teilten sich bis 276 vor Christus das Alexandererbe. Zwischen den Ptolemäern mit Alexandria, den Attaliden mit der Hauptstadt Pergamon und den Seleukiden mit Antiochia liegt der Berg Karasis.

Strategisch ausgezeichnete Lage

Zusammen mit seinem Freund und Kollegen, dem Leiter des Deutschen Archäologischen Instituts in Istanbul, Adolf Hoffmann, macht sich Sayar zunächst zur Erstbesichtigung via Hubschrauber auf zum Karasisgebirge. Wie ein Wächter ragt die Felsnadel des Karasis in die kilikische Landschaft. Strategisch eine ausgezeichnete Lage. Wie aus dem Nichts tauchen Ruinen auf. Der ganze Bergrücken scheint mit Mauern überzogen. Es ist wie ein Wunder, dass sie bisher nicht entdeckt wurden. Immer mehr Gebäude tauchen auf. Eine gigantische Halle direkt über dem Abgrund.


Der Karasis ist eine archäologische Sensation, die Fragen aufwirft. Zunächst stehen die historischen Fragen: Wozu diente diese Burg, wer hat sie gebaut, was für ein Ziel war mit dieser Burganlage verbunden?
Mustafa Sayar stellt mit einheimischen Bauern eine Expedition zusammen. Der Aufstieg zum Gipfel ist steil und unwegsam. Verschwommen lassen sich die aus der Luft entdeckten Burgmauern auf der Spitze ahnen. Oben angekommen, eröffnet sich der Expedition ein Archäologentraum: Meterhohe Mauern, phantastisch erhaltene Türme, perfekt bearbeitete Steinquader.

Legendäres Kyinda

Mustafa Sayar kann es nicht fassen, dass so eine Anlage sich Jahrhunderte vor den neugierigen Blicken der Wissenschaft verstecken konnte. Ist hier das legendäre Kyinda, das der antike Geograph Strabon beschrieben hatte als: " ... die Bergveste Kyinda, derer sich einst die Makedonischen Könige als Schatzkammer bedienten." Doch von einer "Schatzkammer" will Adolf Hoffmann erst einmal nichts wissen. Dem Bauforscher geht es um die Enträtselung der Gesamtanlage.


Am Fuß des Karasis stößt er auf einen verborgenen Eingang. Ein aus feinsten Steinquadern gebauter Gang führt nach unten. Der gemauerte Licht- oder Entlüftungsschacht ist über zehn Meter hoch und aufwändig konstruiert: das kann kein normales Kastell sein. In einer Nische befinden sich Rußspuren. Vielleicht wurde die Mauervertiefung vor zwei Jahrtausenden für Öllampen genutzt.
Das Bauwerk wird immer interessanter, je tiefer Hoffmann vordringt. Die Decke ist auf ungewöhnliche Weise gewölbt und aus doppelt gelegten schweren Platten errichtet. Vielleicht doch der Zugang zu einer "Schatzkammer", die so massiv gesichert war? Der einzige Schatz, den Hoffmann findet, ist Wasser. Dies muss das Quellenhaus sein, das die Burg mit dem Lebenswichtigsten versorgte.

Wehrhaftes Bollwerk

Nur mit modernster Geotechnik sind die gewaltigen Ausmaße der Anlage zu überschauen. Die Forscher auf den Mauerkronen bekommen Unterstützung vom Helikopter. Aus der Luft wird der gesamte Berg photogrammetrisch erfasst. Gelingt es so, die Steine zum Sprechen zu bringen, das antike Kyinda-Rätsel zu lösen? Eines ist den Wissenschaftlern schnell klar: Die Burg auf dem Karasis war ein ungemein wehrhaftes und fast unmöglich einzunehmendes Bollwerk.

Kyinda, die Bergveste der makedonischen Könige, wo sie ihren Staatsschatz aufbewahrten, wie Strabon, Verfasser der 17-bändigen "Geographica", berichtet. Doch noch ist nichts bewiesen. Zur Identifizierung der Burg sucht Mustafa Sayar hoffnungsvoll nach einer Inschrift, die über die Bauzeit, den Bauherrn und vor allem den Namen der Burg Auskunft gibt.

Symbol der Macht



Ein Elefantenrelief ist die erste Botschaft aus der Vergangenheit, die Sayar entdeckt. Elefanten sind die "Wunderwaffe" der Antike. 326 vor Christus besiegt Alexander den indischen König Poros und erbeutet dessen Kriegselefanten. Sie werden zu einem Symbol der Macht. Der Diadoche Seleukos, einer von Alexanders Nachfolgern, macht den Elefanten zu seinem Wappentier, lässt ihn auf Münzen prägen. Das Elefantenrelief ist für den Professor ein klarer Hinweis: Die Seleukiden waren die Bauherren der Burg am Karasis.

Der griechische Geschichtsschreiber Diodor berichtet von den "... in Kyinda verwahrten Geldmitteln, die sich auf 10.000 Talente beliefen." Das sind 200 Tonnen reines Silber. Mit der heutigen Kaufkraft verglichen ein Milliardenwert. Schatzjäger hatten es zu allen Zeiten auf dieses sagenhafte Vermögen abgesehen.
Ein Ziel der fieberhaften Suche ist das Grab des Diadochen Seleukos. Die Archäologen haben seine letzte Ruhestätte noch nicht gefunden. Sie wird in der Nähe der Felsennekropole von Seleukia Pieria vermutet. Seit Jahrhunderten haben Grabräuber den Boden umgewühlt.

Lukrativer Handelsraum

Durch die Trieren, die Hightech-Schiffe der Antike, wurde das Mittelmeer zu einem Hauptverkehrsweg. Um Zugang zu diesem lukrativen Handelsraum zu bekommen, gründete Seleukos die Hafenstadt Seleukia Pieria. Doch die schnellen Schiffe waren auch eine Bedrohung. Mit ihnen konnte der Feind plötzlich vor dem Pier von Seleukia auftauchen. In den Zeiten der Diadochenkriege lagerte deshalb niemand seine Staatskasse in einer Hafenstadt.

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