Land der "brennenden Boote"

Zeitreise in die Vergangenheit Amerikas

Von Alaska im Norden bis zum ewigen Eis Feuerlands erstreckt sich der Doppelkontinent über 14.000 Kilometer. Im südamerikanischen Urwald suchen die Wissenschaftler aus Deutschland nach Anhaltspunkten, die Dillehays Theorie bekräftigen.

Die südwestlich von Monte Verde liegende Insel Chiloé ist das erste Ziel des Teams. Hier ist der Urwald seit Tausenden von Jahren unberührt. Gesteinsproben ergeben, dass sich auf der Insel vor langer Zeit ein Gletscher befunden haben muss. Die Forscher suchen die Endmoräne, das heißt die maximale Ausdehnung des einstigen Eisschilds. Diese Moränen sind Geröllmassen, die durch die Gletscherbewegung aufgetürmt wurden und nach dem Abtauen der Eismassen zurückblieben.

Empfindliche Schnecken

Die Untersuchungen ergeben, dass die Eisfläche so groß war, dass sie auch das Gebiet um den Monte Verde bedeckte. Doch die entscheidende Frage ist die nach dem Zeitpunkt der Vereisung. Frank Riedel entdeckt auf Chiloé winzige Süßwasserschnecken der Gattung Chilina. Sie benötigen zum Überleben eine verhältnismäßig warme Umgebung. Wo sie lebten, gab es kein Eis und keine Gletscher.

Urzeitliche Katastrophe

Aussterbende Kunst

Seit wann die Schnecken auf Chiloé vorkommen, verrät die DNS der Tiere. Mit Hilfe einer Methode, die erst vor wenigen Jahren entwickelt wurde, stellt Riedel fest, dass die Winzlinge seit weit über 30.000 Jahren hier leben, die Gegend um Monte Verde seitdem also eisfrei ist. Somit war menschliches Leben an der Südwestküste Chiles tatsächlich bereits lange vor der Wanderung über die ausgetrocknete Beringstraße möglich.


Am feinen Sandstrand Chiloés suchen die Forscher nach weiteren Beweisen für Dillehays Theorie. Nach wenigen Spatenstichen ist den Forschern klar, dass die Sandmengen keine normalen Dünen sind. Sie müssen von einer gewaltigen Naturkatastrophe stammen. Der Potsdamer Geologe Sven Nielsen findet ein Indiz, das die Vermutung des Teams bestätigt: Er fördert aus der Hochuferzone eine versteinerte Tiefseeschnecke zutage, deren Alter er auf etwa 20 Millionen Jahre schätzt. Sie muss durch einen Tsunami aus den weit von den Küsten entfernten Meerestiefen geholt und an Land geworfen worden sein.







Tsunamis kommen in dieser Uferregion seit 20 Millionen Jahren immer wieder vor. Die Evolutionsbiologin Asta Audzijonyte von der Universität Helsinki ist der Meinung, dass die Ureinwohner an den Küsten diesen Katastrophen allerdings durchaus standhalten konnten. Die verheerenden Folgen wie 2004 beim Tsunami vor Indonesien seien aufgrund eines intakten Ökosystems ausgeblieben. Korallenriffe und Küstenwälder konnten die Wucht der Flutwelle abfedern.


Auch an Nahrung gab es keinen Mangel. Die fischreichen Gewässer waren ein optimales Jagdrevier für die Steinzeit-Amerikaner. Zum Fischfang nutzten sie Einbäume, die sie aus den dicksten Stämmen des Urwalds fertigten. Noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts lebten viele der Indios hauptsächlich auf dem Wasser. Das Leben spendende Feuer ließen sie nie ausgehen - sie transportierten es sogar auf ihren Booten. Der erste europäische Seefahrer, der den südlichsten Zipfel des Kontinents erreichte, Fernando Magellan, war vom Anblick der "brennenden Boote" derart fasziniert, dass er das Gebiet "Feuerland" taufte.

Heute beherrschen nur noch wenige Indios die Kunst des Kanubaus. Mit einigen von ihnen rekonstruiert Frank Riedel in einer Woche Handarbeit einen der urzeitlichen Einbäume. Eine "Probefahrt" ergibt, dass er für die Fahrt in den küstennahen Regionen geeignet ist, eine Reise über die offene See dagegen wäre Selbstmord. Über das Meer konnte die Südspitze Amerikas nur mit den größeren, legendären Rindenbooten erreicht werden. Doch die kennt hier keiner der Indios.




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