Lazzaretto nouvo

Die erste moderne Quarantänestation der Welt

Venedig, durch seine Auslandkontakte immer wieder von der Pest bedroht, hatte eine fortschrittliche Lösung gefunden, die schrecklichen Folgen der Seuche einzudämmen. Davon zeugt der Bebauungsplan einer ganz besonderen Insel: Lazzaretto nuovo, die erste moderne Quarantänestation der Welt.

Umgeben von Wasser konnte getan werden, was auf dem Land nur mit großem Aufwand möglich war: Verdachtsfälle - noch vor Ausbruch der Krankheit - so lange zu isolieren, bis jegliches Risiko ausgeschlossen war.

Umfassende Befugnisse



Auf die Insel leitete man die Menschen um, die aus Pestgebieten nach Venedig einreisen wollten. Matrosen, Kapitäne, aber auch Passagiere Kaufleute, Pilger, selbst Botschafter und hohe Würdenträger: Niemandem wurde die Quarantäne erspart. Vom Haus des Inselkommandanten sind nur mehr die Grundmauern und die Zisterne erhalten. Der Kommandant hatte umfassende Befugnisse. Als Richter konnte er Urteile fällen, die auf der Stelle umgesetzt wurden: Fluchtversuche ließ er mit dem Tode bestrafen.

Insel als Zeitkapsel

Die große Lagerhalle für die Fracht ist vollständig erhalten. In der Halle hinterließen die unfreiwilligen Gäste der Insel Nachrichten auf den Wänden: Graffities aus dem Mittelalter, geschrieben von Seemännern, von Händlern, wie auch von den Wachsoldaten. Sie berichten von der Langweile, von Heim- und von Fernweh. Oft sechs, manchmal sogar acht Wochen waren Besatzung und Passagiere auf der Insel gefangen.


Heute ist die Insel eine Art Zeitkapsel. Hier wachsen Pflanzen, die ursprünglich nicht nach Europa gehörten. Sie wurden als Samen mit der Fracht aus dem Orient eingeschleppt. In den Küchenabfällen machen Archäologen einen interessanten Fund: Eine Auster. Die Schalen sind nicht nur deshalb so außergewöhnlich, weil sie belegen, wie gut die Verpflegung war, sondern vor allem, weil diese Austernart heute ausgestorben ist.

Erfolg ohne Gefahren

Die Verdrängung heimischer Tier- und Pflanzenarten als Folge der Globalisierung ist kein modernes Phänomen. Es begann bereits mit dem Frachtverkehr im Mittelalter. Venedig war über seine Schifffahrtslinien mit einem großen Teil, der damals bekannten Welt verbunden. Mit jedem einlaufenden Schiff bestand die Gefahr, dass auch "blinde Passagiere" in die Lagune kamen. Neben Tieren und Pflanzen, auch Krankheiten. Die Quarantäne-Insel war für die Metropole eine Möglichkeit, das Risiko zu minimieren.


Im Vergleich zu Städten auf dem Festland gab es in Venedig 20 Prozent weniger Pesttote. Die modernen Gesundheits- und Quarantänebestimmungen sicherten der Stadt Erfolg im Fernhandel ohne die Gefahren, die dieser mit sich brachte. Vermutlich verdankte es Dürer dem Lazzaretto Nuovo, dass es während des halben Jahres, das er in Venedig verbrachte, keine Pestepedemie gab und er in Ruhe und Sicherheit seine Studien anstellen konnte.

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