Lebensraum Wüste in Gefahr

Dürre, Umweltzerstörung und Landflucht verändern alte Kulturen

Klimawandel beschleunigt kulturellen Wandel. Wo der Regen ausbleibt, verdorren die Böden und damit verlieren die Nomaden, deren Herden auf Weideland angewiesen sind, ihr Vieh. Den Bauern verdirbt ihre Ernte. Wo die Wüsten sich ausbreiten, sind Menschen die Verlierer, deren Vorfahren oft seit Generationen mit den Sandmeeren gelebt haben.

Das Wüstenvolk der Tubo hat seine Heimat im geheimnisvollen Tibesti Gebirge, im heutigen Tschad, nahe der Grenze zu Libyen. Westlich davon beginnen die von den konkurrierenden Tuareg beherrschten Wüstenregionen. Sie reichen über die Sahelzone bis zu den Waldgebieten jenseits des Niger und zu sagenhaften Städten wie Timbuktu, das seine Blüte im 16. und17. Jahrhundert erreichte.  Ein uraltes Netz von Karawanenwegen durchzieht die Sahelzone. Die Römer kannten es bereits. Die meisten Routen verlaufen in Nord-Südrichtung. Nur wenige Wege führen von Osten nach Westen. Kamele waren der entscheidende Machtfaktor des Fernhandels. Er verband die reichen Mittelmeerregionen im Norden mit den Völkern und  Märkten jenseits der Sahelzone. Salz und Hirse, Gold und Sklaven waren Grundlagen des Handels.

Dürre, die Geißel der Sahelzone

Dürre in der Sahelzone
Dürre in der Sahelzone: selbst die kleinsten Wasserlöcher sind versiegt

Längst haben Straßen die alten Pisten ersetzt und Lastwagen übernehmen die Transporte. Noch gibt es sie, die Karawanen der Tubo und der Tuareg. Doch anhaltende Dürre beschleunigt die Entwicklung. Wasserlöcher und Brunnen versiegen. Für den Herbst 2012 befürchten Experten für die Sahel Zone eine ähnliche Katastrophe wie sie sich weiter im Osten, in Somalia, vor den Augen der Weltöffentlichkeit seit Jahren ereignet. Nach drei extrem trockenen Jahren seit 2005, zeichnet sich eine verheerende Hungerkatastrophe ab. Verschärft wird die Lage in Mali durch Aufstände modern bewaffneter Tuaregs, die bis vor Kurzem in Libyen als Söldner für Gaddafi kämpften. An ihrer Seite stehen islamische Milizen. Ein Terrorregime droht.

Hilfstransporte können zur Zeit nicht in den Norden Malis. Hunderttausende von Flüchtlingen suchen Schutz vor Krieg und Trockenheit im Nachbarland Burkina Faso. Das Land ist arm, selbst von der Dürre betroffen und von Hilfslieferungen reicher Länder abhängig. Doch fehlende Infrastruktur und organisatorische Mängel lassen Experten der Welthungerhilfe daran zweifeln, ob ihre Transporte Einheimische und die Flüchtlinge vor Ort rechtzeitig erreicht. In Mauretanien und in Niger sieht es nicht besser aus. In Niger haben sich allein im vergangenen Halbjahr die Lebensmittelpreise verdoppelt. Flüchtlinge aus benachbarten Krisenstaaten, Landflucht und die Rückkehr Ausgewanderter aus den von Unruhen erschütterten Staaten im Mittelmeerraum lassen die Notlager anschwellen.

Landflucht fördert Megastädte

Lagos
Megacity Lagos in Nigeria Quelle: dpa

Gewalt, Dürren und Unwetter zerstören die wirtschaftliche Existenz der Landbevölkerung und treiben immer mehr Menschen in die Städte. Überall auf der Welt entstehen Slums an den Rändern großer Städte und lassen sie zu Megastädten mit Millionen von Einwohnern anwachsen. Eine Studie der UN kommt zum Ergebnis, dass der Klimawandel diese Entwicklung beschleunigt. Eine Entwicklung, die droht, auf gefährliche Weise aus dem Ruder zu laufen. Die neuen Megacitys wachsen unkontrolliert. Sie erstrecken sich oft hunderte von Kilometern; ohne Plan, Infrastruktur und meist ohne funktionierende Verwaltung. Viele Länder geraten so in einen Teufelskreis von unkontrollierter Landflucht, Armut und Umweltzerstörung.

Je schneller die neuen Städte wachsen, desto größer ist auch das Risiko, dass sie selbst von einer Katastrophe betroffen werden. Die Wasserversorgung ist schwierig. Oft fehlen ausreichende Entwässerungsanlagen. So verkommen kleine Flüsse und Wasserläufe, die eigentlich im Boden versickern sollten, zu verdreckten Kanälen, die sich bei Regen in reißende Ströme verwandeln und vernichten, was ihnen im Wege steht. Nach Erkenntnis der UN wird allein in Indien die Zahl der Stadtbewohner in wenigen Jahren um 500 Millionen Menschen ansteigen.  Die Weltorganisation versucht mit finanziellen Hilfsprogrammen für die ärmsten Länder gegen zu steuern. So genannte "Graswurzelprojekte" sollen Menschen auf dem Land halten; die Selbstversorgung und die Lebensmittelproduktion fördern.

Wichtiges Signal

Politiker und Experten sind sich einig: Das Recht auf Nahrung muss Vorrang haben vor den Interessen der Finanzindustrie. Die Spekulation mit Nahrungsmitteln gefährdet den sozialen Frieden auf der Welt und trifft besonders die ärmsten Staaten. Doch wer wirft den Hut in den Ring und wagt es, sich anzulegen mit der mächtigen, international handelnden Lobby von Banken und kapitalstarken Großinvestoren? So einig sich die Staatengemeinschaft der UN im Grundsatz ist, so zerstritten und uneinig erweist sie sich, wenn es um konkrete Ziele und ihre Durchsetzung geht. 20 Jahre Weltklimakonferenz haben die Handlungsunfähigkeit der Gemeinschaft hinreichend erwiesen. Es scheint, als sei sie auch bei kommenden Katastrophen wie zum Beispiel der erneuten Dürre in der Sahelzone allenfalls zur Nothilfe gerüstet.

Einen Ausweg weist die in Deutschland begonnene Energiewende, die den Schutz des Klimas vorantreibt. Zu ihrer Durchsetzung zeichnen sich strategische Allianzen zwischen Forschung, Wirtschaft und Politik ab. Wege, die zum Erfolg führen könnten. Das wäre ein wichtiges Signal für andere Bereiche. Einer Allianz zum Klimaschutz und zur Energiewende könnten Initiativen zum Umbau der Landwirtschaft und zum Schutz von Meeren und Wäldern folgen. In dieser Hinsicht richten sich große Erwartungen an den kommenden Weltklimagipfel im Dezember 2012 in Katar. Es besteht die Hoffnung, dass die politischen Führungsmächte in der Staatengemeinschaft ihre Bedenken zurückstellen. Und dass sie Vorreiterrolle übernehmen für globale Ziele, die helfen, den Wandel für die unterschiedlichen Völker verträglich zu gestalten.

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