Leidenschaftlich und beharrlich

Charles Goodyear oder wie aus Kautschuk Gummi wurde

Kautschuk ist der Wunderstoff des frühen 19. Jahrhunderts - mit einem Makel: Im Sommer ist er zäh und klebrig, im Winter friert und bricht er. Doch Charles Goodyear, getrieben von einer fast manischen Leidenschaft, entlockt der rätselhaften Substanz in nicht enden wollenden Versuchsreihen ihre Geheimnisse. Er entdeckt die Vulkanisation und hinterlässt der Welt ein heute unentbehrliches Material: Gummi.

Charles Nelson Goodyear wird am 29. Dezember 1800 in New Haven, Connecticut, als erstes von sechs Kindern von Amasa und Cynthia Goodyear geboren.

Erste Erfolge als Geschäftsmann

Dem aufgeweckten Sohn eines Landwirts und Eisenwarenhändlers ist eine Karriere als Geschäftsmann praktisch vorbestimmt. Mit 17 Jahren beginnt er eine Ausbildung im Handelshaus Rogers & Brothers in Philadelphia. Dort wird Charles von der allgemeinen Aufbruchsstimmung infiziert.

1821 kehrt er zunächst nach Connecticut zurück, um im elterlichen Betrieb zu arbeiten. Bereits zu diesem Zeitpunkt träumt er von einem Laden, indem er seine eigenen Produkte verkaufen kann. 1826 ist es dann soweit. Mittlerweile verheiratet und Vater einer Tochter, eröffnet er zusammen mit seinem Vater und Bruder Henry einen Eisenwarenhandel, der sich zunächst viel versprechend entwickelt. Goodyear nimmt Kredite auf, expandiert, spekuliert und investiert unter anderem in zwei Erfindungen. Jede neue Idee, jede neue Erfindung ist interessant für ihn. Er will keine Gelegenheit verpassen.

Rückschläge und Misserfolge

Doch Ende der zwanziger Jahre wendet sich das Blatt. Viele von Goodyears Kunden bezahlen ihre Rechnungen nicht. Die Euphorie vergangener Jahre ist verflogen und die allgemeine wirtschaftliche Lage schwierig. Goodyears Gläubiger verlangen ihr Geld zurück. Die Familie muss fast ihren gesamten Besitz, auch die Farm in Connecticut, verkaufen, um wenigstens einen Teil der Schulden zurückbezahlen zu können.


Bald ist Charles klar, dass er seine Schulden niemals mit Lohnarbeit tilgen kann. Er beschließt, Erfinder zu werden. 1832 meldet er mehrere Patente auf Eisenwaren an, die aber auch nicht den gewünschten Erfolg bringen. Die Lage verschlimmert sich weiter. Er und seine Frau haben mittlerweile drei Kinder zu versorgen. 1933 kann Goodyear seine Gläubiger nicht mehr vertrösten und muss erstmals ins Gefängnis.

Rettung durch Kautschuk


Auf einer Geschäftsreise entdeckt er in Manhattan den Stoff, der seine Träume und Visionen beflügelt: Kautschuk. Von nun an setzt er alles daran, die Substanz von ihren Mängeln zu befreien. Die winzige Küche der Familie funktioniert er zum Labor um. Eine mehr als fünfjährige Experimentierphase beginnt. Seinen Gläubiger gegenüber beteuert er immer wieder, der Durchbruch stehe kurz bevor, und dann seien gigantische Geschäfte in Sicht. Goodyear "infiziert" seine Umgebung mit seinen Ideen. Niemand, so scheint es, kann ihm widerstehen.


Seine Mission bringt ihn ab 1836 dauerhaft nach New York, wo er mit seiner zehnjährigen Tochter in einer winzigen Dachkammer lebt und mit Kautschuk experimentiert. Er meldet ein Patent an, kann einen Geldgeber finden und eröffnet eine kleine Fabrik für Gummischuhe. Doch eine weitere Wirtschaftskrise 1836 zerstört die neu aufgekeimten Träume. Trotz dieses Rückschlags lässt sich Charles Goodyear nicht beirren. Auf einer seiner zahlreichen Reisen lernt er Nathaniel Hayward kennen, ein weiterer Kautschuk-Fanatiker. Er überredet den Analphabeten, ein Patent auf seine Methode anzumelden und es ihm zu überschreiben. Im Jahr 1839 gelingt ihm der entscheidende Schritt und er entdeckt die Vulkanisation.

Der schlechteste Geschäftsmann der Welt

Das nächste Jahrzehnt, indem die Goodyears aufgrund der neuen Entdeckung zumindest nicht dauernd Hunger leiden müssen, ist von zermürbenden Rechtsstreitigkeiten mit dem Kautschukmagnaten Horace Day bestimmt. Zunächst geht es um den Wettlauf, wer zuerst Goodyears Methode der Vulkanisation als Patent anmelden kann. Hier reüssiert Goodyear 1844. Ihm wird das Patent Nummer 3633 zugesprochen.


1850 fährt er nach Europa und präsentiert auf der ersten Weltausstellung in London seine Vision - eine Welt aus Gummi. Das Publikum ist begeistert.

Das Erbe eines Visionärs

Doch der Erfinder kann diese Begeisterung nicht in bare Münze umsetzen. Außerdem verschlingen weitere Gerichtsprozesse Unsummen. Auch mit seiner Gesundheit geht es in den 1850er Jahren immer weiter bergab. Die endlosen Versuchsreihen mit giftigen Substanzen fordern ihren Tribut. Am 1. Juli 1860 stirbt Charles Goodyear im Alter von 60 Jahren.

Seiner Familie, deren Leben er so oft riskiert hat, hinterlässt er 200.000 Dollar Schulden - dem Rest der Welt eine revolutionäre Entdeckung ähnlich bedeutend für den technischen Fortschritt wie die der Dampfmaschine.

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