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Der Totenkult der Chachapoya war rätselhaft

Sie erinnern an Kliffhäuser, die wie Schwalbennester hoch oben an steilen Gebirgshängen heften. Alt-Peru-Spezialist Federico Kauffmann-Doig stieß 1966 zum ersten Mal auf diese Rundbauten, mitten in den Anden. Sie sind keine Vogelnester, sondern Totenstätten für die Verstorbenen der Chachapoya.

Geringes Wissen über das Andenvolk

Schädel eines verstorbenen Chachapoya
Schädel eines verstorbenen Chachapoya Quelle: ZDF

Es sind verblüffende Funde, wie diese, die die Welt der Wissenschaft erfreut: Nach einer Brandrodung tauchte 1996 am Ostabhang der peruanischen Anden eine Begräbnisstätte auf. Sie enthielt mehr als 200 gut mumifizierte Leichen und Grabbeigaben. Die Nekropole war vorher nicht aufgefallen, weil sie rund hundert Meter oberhalb des Kondorsees tief in einer Felswand thront und kaum zugänglich ist. Die Steinhäuser, Chullpas genannt, ragten tief in das Gestein hinein.
Nur über das Dach konnte man sich Zugang verschaffen. Doch Polizei und Wissenschaftler waren nicht die Ersten vor Ort. Grabräubern gelang es nach der Entdeckung, ein paar Mumien zu verkaufen. Die Mehrzahl blieb aber den Archäologen zur Untersuchung.

Menschengestaltige Lehmsarkophage
Lehmsarkophage der Chachapoya Quelle: ZDF

Tests ergaben, dass es sich um die Überreste der von den Inkas mit vernichteten Chachapoyas handelt. Ein Sensationsfund, denn auch nach vierzig Jahren Forschung weiß man nur wenig über das Andenvolk. So konnten die Archäologen ihr Wissen zumindest über die Totensitten der rätselhaften Nebelkrieger erweitern.

Lebensraum mit Toten geteilt

Entdeckungen wie diese zeigen, dass die in Klans organisierten Chachapoya einen vielfältigen Totenkult betrieben. Einfache Leute begruben sie in ihren Wohnhäusern bei der Familie. Krieger wurden dagegen in menschengestaltigen Sarkophagen bestattet - in besonderer Lage an Felswänden unterhalb der Siedlungen wie bei den Kondorsee-Mumien von 1996.

Eindrucksvolle Ausblicke

Von hier aus hat man einen guten Rundblick auf das Tal und den See. Die Bauherren der Grabstellen wollten ihren Toten scheinbar eine schöne Aussicht gewähren. Indizien für diese Vermutung liefern auch andere Totenstätten wie die Stätte Revash. Auch hier hatten die Chachapoya ihre Krieger und Häuptlinge als Knochen- oder Mumienbündel in kleinen Lehmhäusern beigesetzt, die hoch oben in der Felswand, direkt unter einem schützenden Vorsprung, stehen.
Die Ortswahl der Mausoleen an eindrucksvollen Plätzen war vermutlich eine Huldigung an die Toten und nicht - wie die Inka glaubten - die Nähe zum Reich des Kondors, der in der Mythologie der Inka eine wichtige Rolle spielte. Hinweise auf Feste, an denen die Chachapoya die Toten verehrten, unterstreichen dies: An bestimmten Tagen im Jahr nahmen sie die Mumien aus den Grabstellen heraus und stellten sie auf Kammern, damit sie über das Land schauen konnten.

Steinerne Grabstätte der Chachapoya
Grabstätte der Chachapoya Quelle: ZDF

Die mumifizierten Leichen nähten die Nebelkrieger in Säcke ein. Auf sie stickten sie zum Teil Gesichter und Muster. Die Mumien umhüllten sie mit einer weiteren Lage Stoff und legten sie dann in Särge, die sie kegelförmig aufstellten.

Haltung eines Fötus

Charakteristisch für Mumien der Chachapoya ist, dass sie in einer Hockstellung zusammengebunden sind. In diese Stellung wurden die Verstorbenen vor der Erstarrung gezwängt.
Wissenschaftler erklären sich die Haltung mit der Form eines Fötus, der zur Wiedergeburt bereit ist. Die Chachapoya glaubten an ein Leben nach dem Tod - aber nur, wenn der Körper unversehrt blieb. Deshalb war auch die Mumifizierung Teil der Begräbnisriten.

Stummer Schrei statt Totenruhe

Allerdings strahlen viele der Mumien keine Ruhe aus. Ihr Gesicht scheint den Besucher vielmehr mit weit aufgerissenem Mund und an den Ohren eng anliegenden Händen anzuklagen - als wenn der Verstorbene in einem letzten Schrei gestorben wäre.

Das erschreckende Aussehen fiel schon Alt-Peru-Spezialist Federico Kauffmann-Doig auf. Nicht zuletzt dank ihm kennt man die eigentümlichen Begrabungsstätte der Nebelkrieger. Seit 1965 war Kauffmann-Doig, bis vor Kurzem noch Botschafter der Republik Peru in Deutschland, in vielen Expeditionen auf den Spuren der Nebelkrieger. Er vermutete, dass es sich in einigen Fällen um Geopferte handelte, die ihren Herren im Jenseits dienen sollten. Vielleicht flehten die Mumien auch die Götter um Regen an.

Indizien für Menschenopfer

Die Funde liefern auch immer wieder Indizien für Menschenopfer. Unter den Mumien von 1996 befand sich beispielsweise die eines jungen Mädchens. Ein großer Bluterguss an ihrem Kopf deutete darauf hin, dass sie Opfer eines grausamen Rituals wurde, vermutlich den Göttern geopfert wurde. An anderen Stellen fanden Forscher Knochen von Babys. Ihre Schädel wiesen deutlich sichtbare Frakturen auf.

Dass all diese Grabstätten erhalten geblieben sind, grenzt an ein Wunder. Dank ihres trockenen, natürlich klimatisierten Umfelds im Schutz der Felsen sind sie gut erhalten - ein Glück für die Wissenschaftler. Doch vor ihnen waren meist schon andere da: Grabräuber, die trotz der meist einfachen Grabbeigaben immer auf der Suche nach Kostbarkeiten waren. Möglicherweise hatten zuvor die Inka die Totenruhe auch schon gestört. Deshalb bleiben die Funde Teile eines größeren Puzzles.

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