Linien der Erlösung

Meditation und Erneuerung

Seit der Spätantike in Europa fast in Vergessenheit geraten, taucht das Labyrinth im Mittelalter plötzlich wieder auf. In den großen französischen Kathedralen erhielt das Symbol einen festen Platz. Die Linien zu durchschreiten versprach Erlösung und ersetzte den Armen die Pilgerreise ins Heilige Land.

In den gotischen Kirchen weist der Eingang des Labyrinths immer nach Westen - in Richtung des Todes. Von dort drängten auch die Mächte des Bösen ins Gotteshaus.

Wirksame Barriere

Damals dachten die Menschen, Geister könnten nur geradeaus fliegen. Die Windungen des Labyrinths sollten eine wirksame Barriere bilden und den heiligen Ort vor Schaden bewahren. Die Wurzeln der christlichen Variante reichen weit zurück - in heidnische Vorzeit.

    Labyrinth-Forscher Gernot Candolini über die christliche Auslegung des Theseus-Mythos: In der Zeit der Entstehung des Christentums war natürlich die griechische Mythologie sehr präsent, und die Christen haben immer verschiedene Mythen in anderen Völkern verstanden als Vorbereitung auf die Heilsgeschichte. Und so ist auch dieser Theseus-Mythos verstanden worden als eine symbolische Geschichte für die Rettung des Menschen. Und so haben sie Theseus wie Christus interpretiert, der uns aus dem verschlungenen Labyrinth des Lebens rettet und uns am Faden der Liebe zu neuem Leben führt.

Das christliche Symbol entwarfen Mönche, angeregt vom Zahlenspiel gotischer Philosophie. Als Grundmuster jener Weltsicht gilt das eindrucksvolle Labyrinth von Chartres. Elf Kreise zieht das gotische Zeichen. Die Elf steht für die Unvollkommenheit des Menschen. Vollkommen wäre die Zwölf, die Anzahl der Apostel und der Monate.

Kosmische Bezüge

Auf kosmische Bezüge weisen die 28 Kehren des Labyrinths in der Kathedrale von Chartres hin. Sie zwingen den Gläubigen, 28 Mal die Richtung zu wechseln. Die Punkte entsprechen den Tagen des Mondmonats und markieren gleichzeitig das christliche Kreuz. In Chartres hat die berühmte gläserne Rosette über dem Westportal exakt dieselbe Größe wie das Bodenlabyrinth. Beide liegen gleich weit entfernt von der Schwelle des Eingangstores.

Die Pilger, die heute noch aus aller Welt nach Chartres kommen, erleben den tieferen Sinn des gotischen Labyrinths. Zuerst führt der Weg direkt auf die Mitte zu. Die Suchenden wähnen sich schnell am Ziel. Doch dann biegt die Bahn plötzlich ab. Die Wendungen werden unübersichtlich. Sie mahnen zur Umkehr, zum Überdenken des Lebens. Die frommen Wanderer gehen die vierzigfache Entfernung der direkten Distanz vom Rand bis zum Zentrum. Vierzig ist die Zahl der Läuterung. Moses führte die Israeliten vierzig Jahre durch die Wüste. Jesus fastete vierzig Tage - so die Bibel. Der Pfad ist ein Abbild der Lebensbahn. Die Menschen begegnen sich, gehen aneinander vorbei in verschiedene Richtungen und haben doch alle das gleiche Ziel.

Neue Varianten

In immer neuen Variationen der gleichen Grundform kommen Labyrinthe dem Bedürfnis der Menschen nach Meditation und Erneuerung entgegen. Noch heute lockt das Finger-Labyrinth am Domportal von Lucca in Norditalien zum Innehalten und Staunen. Was früher der Vorbereitung auf religiöse Einkehr und Läuterung diente, führt heute als Spaß im selbstvergessenen Spiel mit dem Auf und Ab der Linie zum Erlebnis befreiender Heiterkeit.

Im nordfranzösischen Amiens findet das gotische Zahlenspiel seine Krönung. Aus der Kreisform von Chartres konstruierten die Künstler ein Achteck. Die Acht steht in der christlichen Symbolik für Auferstehung und Wiedergeburt.

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