Louvre der Steinzeit

Tausende Felsbilder in der Schlucht von Archei

Nach 14 Tagen liegt das erstes große Ziel vor der Expedition: die Ausläufer des Ennedi, eines gigantischen Gebirgsmassivs, das in Europa nahezu unbekannt ist. Vom Staubwind umtost, entstehen bizarre Erosionsruinen, wie mit einem Sandstrahlgebläse freigelegte Sedimente des Urozeans, der hier vor 500 Millionen Jahren wogte.

Höhlenmalereien Quelle: ZDF

Stefan Kröpelin erreicht diesen faszinierenden Ort zum fünften Mal. Am Fuße des Gebirges bauen sie ihr Lager auf. Den Wüstenfahrern eröffnen sich ganz neue Dimensionen existentieller Erfahrung. Wie ein Tag im Ozean der Ewigkeit erscheint das eigene Leben. Da Licht und Zelte meilenweit zu sehen sind, muss das Schlaflager gut versteckt liegen.

Wiege der Menschheit?

Könnte hier im Vorland des Ennedi die Wiege der Menschheit liegen? Gingen in dem Wadi unsere ersten Ahnen auf die Jagd? Paläo-Anthropologen hoffen, am Gebirgsmassiv neue Erkenntnisse über die Entwicklungswege des Menschen zu gewinnen. Auch Kröpelins gesammelte Daten zur Klima- und Umweltgeschichte können dazu beitragen.

Schneller als gedacht, gerät der Konvoi in ein Weichsandfeld. Doch bei einer Überraschung soll es nicht bleiben. Während die Mannschaft bemüht ist, den Geländewagen wieder in Gang zu bringen, nähern sich völlig unbeobachtet Wüstenbewohner: der Sultan von Archei, Herrscher über dieses Territorium, wirkt verärgert. Die Expeditions-Crew hat sich bei ihm noch nicht gemeldet. Tschadische Begleiter versuchen zu vermitteln und weihen den Sultan in das Vorhaben ein. Der Stammesfürst warnt energisch vor großen Gefahren, überall sei mit Rebellen und Räubern zu rechnen.

Höllische Passage

Mit gemischten Gefühlen konzentrieren sich Kröpelin und sein Team auf die höllische Passage durch Minenfelder. Mitten in der Wüste stehen absurde Hinterlassenschaften unserer Zeit: Libysche Panzer aus dem Tschadkrieg der siebziger und achtziger Jahre. Ohne Sprit, liegen geblieben in der Glut, boten sie selbst dem Gegner beste Angriffsflächen. Moderne Relikte eines grotesken Grenzstreites im Niemandsland. Zu Gaddafis Nachlass gehören außerdem riesige Minenfelder, tödliche Sprengfallen tief im Sand. Die geringste Spur-Abweichung kann den Tod bedeuten - wie schon für viele vor ihnen.



Die Expedition nähert sich einem Wunder der Natur, einem mächtigen, geheimnisvollen Felsenlabyrinth mitten in der Wüste. Nomaden kommen von überall her in diese verwunschene Schlucht von Archei.

Im Canyon öffnet sich ein Fenster zur Urzeit - das schaurig kehlige Brüllen der Kamele bei ihrer Tränkung mit Brackwasser hallt die engen Felswände hinauf, als bedrohten Saurier einander, die es hier im Jura vor Millionen Jahren gab. Ein Blick in die Abgründe der Erdvergangenheit. Nahe den Kamelen tauchen tatsächlich Abkömmlinge von Archosauriern auf - die Krokodile des Ennedi. Nomaden und Kamele wissen, wann Vorsicht geboten ist. Zur Genügsamkeit verdammt, haben hier Vettern vom Nilkrokodil in der Isolation 5000 Jahre Trockenheit überdauert.

Gewaltiges Nachschlagewerk

Die Natursäle offenbaren nicht nur eine Schatzkammer ungeahnter Wildtiere. Überall in dem riesigen Archipel sind tausende Felsbilder der frühen Menschheitsgeschichte zu entdecken. Der Geologe sieht in den weltweit einzigartigen Bildern natürlich nicht nur Kunstschätze, sondern vor allem ein gewaltiges Nachschlagewerk zur Klima- und Umweltentwicklung.




Die archaisch magische Lebenswelt prähistorischer Urmenschen scheint hier nie vergangen zu sein. Ihre Felsbilder beschwören Fruchtbarkeit, bekämpfen Krankheiten und bannen existentielle Ängste. Wie die Steinzeit-Menschen im Tschad, glaubten auch die Ägypter an die magische Kraft ihrer Bilder. Hatten die Bewohner Kontakt mit dem Niltal? Hier wie dort finden sich dieselben Zeichen früher Zivilisation. Durchquerten Völker die endlos scheinende Sahara? Die Hinweise dafür mehren sich.

Altpharaonische Karawanenroute

Als vor 5000 Jahren die Austrocknung der Wüste voranschritt, verließen sie ihren verdorrenden Garten Eden und folgten vermutlich einer Kette sagenhafter Oasen bis nach Ägypten. Die Karawanen wanderten ins Niltal, wo es noch Wasser und üppiges Grün gab. Anders als bisher bekannt, trugen viele afrikanische Stämme zur Gründung der ägyptischen Hochkultur bei. Nach neuesten Funden führte auch eine altpharaonische Karawanenroute Richtung Tschad. Sie zog sich vom Niltal über die Oase Dachla hinunter bis zum Gilf Kebir.



Die schlauen Ägypter hatten Wasserdepots angelegt. "Abu Ballas" nennt man das Kruglager - es gehört ebenso zu den sensationellen Hinweisen auf eine uralte Handelsstraße wie dieser Fels, viele hundert Kilometer entfernt vom einstigen Machtzentrum am Nil. Hier entdeckte man die Namen von Pharao Cheops und seinem Sohn. Der Arm des Regenten reichte folglich bis in die menschenleere Wildnis, die damals nur mit Eseln durchquert werden konnte. Rätselhaft bleibt, wohin diese Route am Ende führte und wer ihr folgte. Längst gilt die Annahme, dass diese Trasse von Ägypten bis ins Herz des Schwarzen Kontinents verlief.

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