Mächtig im Land, ohnmächtig im Privaten

Ketzerverfolgungen und Katharinas Verbannung vom Hof

Der neue Favorit des Königs für die Nachfolge von Kardinal Wolsey ist der Humanist Thomas Morus. Durch seine Schriften über Theologie und Staatstheorie gilt er als der wichtigste Denker Englands. Kann er die Probleme von Heinrich lösen?

Thomas Morus' berühmtestes Werk ist die "Utopia", in der er einen idealen Staat beschreibt. Hier sollen alle Güter gleich verteilt sein und deshalb statt Krieg und Verbrechen Friede, Weisheit und Toleranz herrschen.

Außergewöhnliche Fähigkeiten

Aber nicht das ist es, was den König dazu bewegt, Morus zum neuen Lordkanzler zu machen - sondern seine außergewöhnlichen Fähigkeiten, die er bisher als Diplomat und Jurist in den Diensten des Königs bewiesen hat. Außerdem schätzt Heinrich Morus' umfassende humanistische Bildung. Gemeinsam haben die beiden Männer ihr Interesse für Bücher, theologische Streitgespräche und für die Astronomie.

Welle der Ketzerverfolgung

Morus ist eine überraschende Wahl für das Amt des Lordkanzlers - immerhin ist er ein Gegner von Heinrichs Scheidung. Doch Heinrich wählt den Humanisten aus triftigen Gründen. Erstens ist Morus seit 75 Jahren der erste weltliche Lordkanzler - und das befriedigt die Antikirchlichen im Parlament. Zweitens ist er ein strenggläubiger Katholik und das - so hofft Heinrich - könnte den Papst wieder auf Englands Seite ziehen.
Morus ist dankbar für die Gunst des Königs. Er weiß aber auch, wie zerbrechlich dessen Freundschaft ist: "Wenn mein Kopf ihm ein Schloss in Frankreich einbrächte, er würde ihn abschlagen", soll er einmal gesagt haben. Während Morus' Kanzlerschaft beginnt eine Welle der Ketzerverfolgung. Heinrich will dadurch jeden Widerstand gegen seine Politik brechen. Unter Folter werden Geständnisse erpresst. Schweren Herzens übernimmt Morus die Verantwortung für diese Prozedur, aber Ketzer, davon ist auch er überzeugt, dürfen nicht geschont werden.

So mächtig Heinrich im ganzen Land ist, so ohnmächtig ist er im Privatleben. Immer noch wartet Heinrich auf Anne Boylen, doch seine Geduld ist am Ende. Inzwischen hat er schon sechs Jahre vorsichtig taktiert, immer neue Pläne ersonnen, um die Scheidung von Katharina im Einklang mit der Kirche zu erreichen: vergeblich. Jetzt will er Tatsachen schaffen: Die Königin wird vom Hof verbannt. Sie muss ihren Schmuck an ihre Nachfolgerin abgeben.

Über Nacht um Jahre gealtert

"Sämtliche Unwetter dieser Erde scheinen sich immer nur über mir zu entladen", schreibt sie an ihren Neffen, Kaiser Karl. Eine Vertraute berichtet, sie sei über Nacht um Jahre gealtert. Ab diesem Tag muss Katharina in strenger Isolation in einem Schloss weitab von London leben und wird Heinrich nie wieder sehen. Schnell sind die Anhänger Katharinas und der Papst über Heinrichs Willkürakt informiert. Werden sie sich mit ihrer Entmachtung abfinden?
Anne ist nach sechs Jahren Taktierens am Ziel ihrer Wünsche. Jetzt gibt sie sich dem König hin. Denn sie kann sicher sein, dass er sie zu seiner Königin machen wird. Mit oder ohne Zustimmung des Papstes, das ist Heinrich inzwischen egal. Seine Favoritin wird schon bald schwanger. Endlich bekommt er seinen Thronfolger. Mit 40 fühlt sich Heinrich jung wie nie zuvor, die Liebe gibt ihm Kraft. Er reitet viel und spielt leidenschaftlich Tennis, ein Spiel, bei dem er den Höflingen mal wieder seine Überlegenheit demonstrieren kann.

Modespiel "Royal Tennis"

Auch in Hampton Court lässt Heinrich eine Tennishalle bauen. Es ist die älteste Ballspielhalle der Welt, die noch in Betrieb ist. Hier wird das klassische "Real" oder "Royal Tennis" gespielt, das in seiner Kompliziertheit, abgesehen von der Punktzählweise, wenig mit dem Wimbledon-Tennis von heute gemein hat. Nur eine eingeschworene Gemeinde versteht die Regeln dieses Spiels - das Modespiel zu Zeiten Heinrichs.

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