Märchen & Sagen

Schneewittchen und der Mord in Brüssel

"Terra X: Märchen & Sagen (1) - Schneewittchen und der Mord in Brüssel": Schneewittchen liegt in einem gläsernen Sarg.

Dokumentation | Terra X - Märchen & Sagen

Ob Schneewittchen, die Sterntaler oder der Rattenfänger: So phantastisch viele dieser Märchen auch klingen, so beruhen die meisten doch auf historischen Fakten.

Datum:
Sendungsinformationen:
Im TV: ZDFneo, 04.08.2016, 03:00 - 03:45
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2005
Altersbeschränkung:
Freigegeben ab 6 Jahren

Märchen sind die Sprache der Seele, heißt es. Sie sind wie Träume, die im Unterbewusstsein nachwirken. Ähnlich wie Bibelgleichnisse enthalten sie Botschaften, die bis in die Wirklichkeit hineinreichen. Welche verschlüsselten Botschaften stecken in den Märchen?

"Es war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab. Da saß eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und nähte. Und wie sie so nähte und nach dem Schnee aufblickte, stach sie sich mit der Nadel in den Finger, und es fielen drei Tropfen Blut in den Schnee.

Und weil das Rote im weißen Schnee so schön aussah, dachte sie bei sich: Hätt' ich nur ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie das Holz an dem Rahmen! Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das war so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz und ward darum 'Schneewittchen' genannt. Und wie das Kind geboren war, starb die Königin."

Und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Schneewittchens Stiefmutter, von eifersüchtiger Natur und gesteuert von krimineller Energie, konnte die erblühende Schönheit der jungen Prinzessin nicht ertragen und trachtete ihrem Schützling nach dem Leben.

Den weiteren Fortgang des Märchens, das die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm 1812 veröffentlichten, kennt jedes Kind - von Tokio bis Toronto, von Kapstadt bis Kopenhagen.

Dem Fall Schneewittchen ist der hessische Heimatforscher Eckhard Sander auf der Spur. Im Stadtarchiv von Bad Wildungen, einem idyllischen Ort unweit von Kassel, entdeckte er aufschlussreiche Handschriften aus dem 16. Jahrhundert. Darunter ein Dokument über "Fräulein Margaretha von Waldeck", die wegen ihrer einzigartigen Schönheit über die Landesgrenzen hinaus bekannt war.

Auch sie wuchs unter der strengen Hand einer Stiefmutter auf. Im Alter von etwa 16 Jahren schickt ihr Vater, Graf Philipp IV. von Waldeck, das anmutige Mädchen an den kaiserlichen Hof von Brabant ins heutige Brüssel. Als Hofdame sollte sie sich auf dem politischen Parkett beweisen und als Gattin einem stattlichen und mächtigen Prinzen in sein Schloss folgen. So verlässt Margaretha ihre Heimat Hessen und reist über das Siebengebirge einer ungewissen Zukunft entgegen.

Zunächst scheint alles nach Plan zu verlaufen: Rauschende Feste und Begegnungen mit Kavalieren aus dem europäischen Hochadel sind dokumentiert und belegen, Margaretha war eine umworbene Dame der Gesellschaft. Sie erhielt sogar kostbare Geschenke vom spanischen Thronfolger Philipp II. und seinem Rivalen, dem niederländischen Grafen Egmont. Tändeleien, die ihr bald zum Verhängnis werden sollten.

In besorgten Briefen nach Hause berichtet die Grafentochter von den Schwierigkeiten in Brüssel und von ihrer zunehmend schlechter werdenden Gesundheit. Schließlich stirbt Margaretha im zarten Alter von 21 Jahren. Erstaunlicherweise hinterlässt sie ein brisantes Testament, verfasst in zittriger Schrift. Daraus wird deutlich: Ihren nahen Tod hat die junge Frau geahnt.

Wurde sie aus dem Weg geschafft, weil Philipp von Spanien ernsthaft daran dachte, sie zu heiraten und damit eine nicht standesgemäße Verbindung einzugehen? In der Heimatchronik von Waldeck jedenfalls taucht der Vermerk auf, dass Margaretha vergiftet wurde.

Gemeinsam mit den Briefen an die Eltern sind die Dokumente für Eckhard Sander ein sicherer Hinweis darauf, dass Eifersucht, Intrige und Verrat das frühe Ende der Hofdame besiegelten.

Zwei schöne Frauen - zwei Schicksale. Doch was haben sie miteinander zu tun? Den Stoff für ihre Hausmärchen bezogen die Brüder Grimm in der Regel aus Erzählungen von Informanten aus der jeweiligen Region. Die schreibfreudigen Grimms notierten die Quellen stets in Anmerkungen, so auch beim Schneewittchen.

Die Geschichte von Margaretha könnten sie von Dorte, der späteren Frau von Wilhelm Grimm, von Marie Hassenpflug oder Pfarrer Ferdinand Siebert erfahren haben. Dorte kurte regelmäßig in Wildungen, Marie Hassenpflug und Pfarrer Ferdinand Siebert lebten in unmittelbarer Nähe zum Schloss der Grafen zu Waldeck.

Auch andere Motive im Märchen gehen auf reale Gegebenheiten in Hessen zurück - so die Zwerge auf die Kinderarbeit in den staubigen Bergwerken rund um den Kellerwald.

Botschaften aus der Wirklichkeit also, die verschlüsselt Eingang finden in die Welt der Märchen. Losgelöst von Zeit und Raum werden sie zu Sinnbildern für moralische Werte. Als Leitfaden über der Dichtung steht der Kampf "Gut gegen Böse", der zumindest im Fall Schneewittchen zum Happy End führt.

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