"Märchen und Sagen sind unsterblich"

Interview mit dem Märchenexperten Dr. Norbert Humburg

Dr. Norbert Humburg, geboren 1937 in Hildesheim, war von 1977 bis 2001 Museumsdirektor im Landkreis Hameln-Pyrmont. Der gelernte Verlagsbuchhändler studierte Volkskunde, Kunstgeschichte, Philosophie und Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. 1976 promovierte er dort mit einer Dissertation über "Städtisches Fastnachtsbrauchtum in West- und Ostfalen".


ZDFonline: Was fasziniert Sie an dem "Rattenfänger von Hameln", mit dem Sie sich besonders intensiv beschäftigen?


Dr. Norbert Humburg: Ein amerikanischer Wissenschaftler hat mir die Faszination dieser Geschichte einmal so erläutert: Erstens gibt es keine Gesellschaft, die auf ihre Kinder nicht achten sollte. Wenn man nun 130 Kinder verliert, dann ist das schon eine Katastrophe. Zweitens ist die Welt dort, wo es Ratten in Überzahl gibt, in der Regel nicht in Ordnung. Und drittens muss man Verträge einhalten - und die Leute von Hameln haben einen Mann betrogen.

Diese drei Aspekte zusammen machen die "Rattenfänger"-Geschichte weltweit interessant und bekannt. Hinzu kommt: Die Rätselhaftigkeit des Ausgangs der Geschichte - es verschwinden spurlos Leute - gibt es eigentlich nur im Märchen und niemals in der Sage. Eine Sage versucht immer so auszusehen wie ein Wirklichkeitsbericht, und das ist in diesem Falle überhaupt nicht festzustellen. Ein anderer Wissenschaftler aus Amerika sagte: Verbrechen und Geheimnis machen die Faszination dieser Sage aus - und das glaube ich auch.


ZDFonline: Märchenmotive sind weltweit verbreitet. Woran liegt es, dass die Menschen diese seit Jahrhunderten weitererzählt haben?


Dr. Humburg: Die menschliche Gesellschaft, egal in welchem Kulturkreis, ist grundsätzlich interessiert an Stoffen, die unerklärliche Phänomene irgendwie deuten - warum es donnert, warum es blitzt, warum es regnet, warum es Erdbeben gibt. Zudem war in der Vergangenheit das Interesse an Erzählungen und Erklärungen, die nicht unbedingt stichhaltig waren, aber die doch eine Erklärungsmöglichkeit gaben, sehr viel größer als heute.


ZDFonline: Wurden also die Phantasiegebilde, die im Märchen entstanden sind, nach Ihrer Einschätzung durch die Realität inspiriert?


Dr. Humburg: Sie können durch die Realität inspiriert sein, aber sie müssen es nicht. Denn die Motive sind weltweit verbreitet, was bedeutet, dass die Urvorstellungen und Ursehnsüchte der Menschen auf der ganzen Welt die gleichen sind. Aus der Armut herauszukommen durch übernatürliche Wirkungen, durch Zauberei, durch Magie, durch Glück, durch Geschenke, durch Gottes Hilfe - das lässt sich eigentlich katalogisieren. Es sind Sehnsüchte - und die gibt es natürlich auf der ganzen Welt.


ZDFonline: Sind in Märchen und Sagen historische Quellen versteckt?


Dr. Humburg: In den Sagen sind sicherlich historische Quellen versteckt. Bei den Märchen bestätigen die Ausnahmen die Regel. Man kann in den Märchen Tatsachen entdecken, die aber niemals den Bezug so deutlich herausstellen, wie es die Sage tut. Es gibt kaum eine Sage, bei der man das Gefühl hat, na ja, das ist einfach so daher erzählt. Und bei den Märchen ist es eben so, dass weltweite Motivindexe wirksam und immer wieder zu neuen Erzählungen ausgestaltet werden.


ZDFonline: Wenn man einem Märchen oder einer Sage auf den Grund zu gehen versucht und nach historischen Quellen forscht - welche Erkenntnisse kann man da gewinnen?


Dr. Humburg: Wenn wir ein Märchen wirklich durchloten bis in die tiefsten Tiefen hinein, wird man Erkenntnisse gewinnen können, bei denen immer wieder die Frage bleibt: Reicht das für den Historiker aus, für den nur die beweisbaren Fakten zählen? Ich bin sehr interessiert und freue mich immer darauf, wenn ich wieder neue Interpretationen höre, sehe, lese. Es ist eine akribische Forschung, die aber immer an einen Punkt kommt, über den auch der ernsthafteste Märchenforscher nicht hinausgelangt - das würde ja sonst auch das Märchen als solches in Frage stellen. Auch wenn der Forscher meint, er habe jetzt wirklich das Geheimnis bis in die tiefsten Tiefen ausgelotet, müssen wir, wenn wir ganz ehrlich sind, sagen, das ist mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit so gewesen, aber ein Prozent bleiben wir uns schuldig.


ZDFonline:Unterschätzt man Märchen und Sagen als historische Quelle?


Dr. Humburg: Manchmal werden sie unterschätzt und es heißt einfach nur, 'na ja, das sind nur Märchen und Sagen'. Dann gibt es wieder Forscher, die die Märchen und Sagen jetzt wirklich als ernsthafte historische Quellen wahrnehmen wollen. Dies können wir aber im strengen Sinne nicht, da die mündliche Tradition, die ja gelegentlich auch von der Geschichtsschreibung zitiert wird, oft eben im Nebulösen bleibt.


ZDFonline: Und wie kann man Märchenforschung dann betrachten?


Dr. Humburg: Man kann und muss die Märchenforschung als eine durchaus ernsthafte Disziplin betrachten, solange sie sich nicht in tollkühnen Spekulationen ergeht. Die Märchenforschung geht den Fragen nach, woher kommt diese Erzählung, woher kommt das Motiv, doch damit sollte sie sich begnügen, denn es handelt sich um Erzählungen, die historische Gegebenheiten mit verweben, die aber nicht als geschichtliche Zeugnisse mit Beweiskraft gelten können.


ZDFonline: Würden Sie dennoch dafür plädieren, dass man die Erforschung der Märchen weiter vorantreibt?


Dr. Humburg: Man sollte es vorantreiben und ich denke, es wird immer wieder Generationen geben, die sich mal mehr, mal weniger dem Thema zuwenden. Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn selbst erlebt, dass die Disziplinen, die sich mit dem Märchen beschäftigen, also Philologie und Volkskunde vor allen Dingen, aber auch Geschichte, mitunter das Thema hintangestellt hatten, und dann, nach einiger Zeit, war es plötzlich wieder da.


ZDFonline: Woran liegt es, dass das Interesse an Märchen immer wieder neu erwacht?


Dr. Humburg: Märchen tauchen auf und verschwinden wieder aus dem allgemeinen Interesse - das ist ein Phänomen, das ich nicht definieren kann. Es wäre eine eigene Disziplin oder eine eigene Forschung zu fragen, warum gewisse Erzähltraditionen zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich behandelt werden. Offensichtlich ist es so, dass manche mehr materiell ausgerichtete Epochen sich um diese Dinge weniger kümmern als andere Zeiten. Aber das ist absolut nicht verbindlich.


ZDFonline: Welche Zukunft haben Märchen und Sagen?


Dr. Humburg: Märchen und Sagen haben die Zukunft, unsterblich zu sein.


ZDFonline: Werden sie verändert werden oder genau so bleiben?


Dr. Humburg: Es wird ein bestimmter Märchenschatz, ein Sagenschatz so bestehen bleiben - denken Sie an die Brüder Grimm. Das sind Geschichten, die immer wieder so erzählt werden, wie wir sie seit Urgroßmutters Zeiten kennen.


ZDFonline: Lockt es Sie, einem Märchen-Geheimnis auf die Spur zu kommen?


Dr. Humburg: Natürlich lockt es mich. Aber ich glaube, wenn ich das Geheimnis des Rattenfängers entdecken würde, dann würde ich es niemandem sagen.

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