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Märchenfigur und Adelstochter

Heimatforscher findet Parallelen zum Märchen

Im Märchen der Brüder Grimm ist die garstige Stiefmutter Auslöser dramatischer Ereignisse um Schneewittchen. Die missgünstige Frau zwingt das Mädchen in eine ungewisse Zukunft, fernab der Familie. Ein tragisches Schicksal, das Geschehnisse in der nordhessischen Grafschaft Waldeck widerspiegelt.

Davon ist zumindest Heimatforscher Eckhard Sander überzeugt. Er fand überraschende Übereinstimmungen zwischen Schneewittchen und der Familiengeschichte der Grafen von Schloss Alt-Wildungen.

Herrschaftliche Residenz

Sie lebten im 16. Jahrhundert, hoch oben über der Stadt Bad Wildungen in einer herrschaftlichen Residenz. Das Oberhaupt der Dynastie ist Philipp IV., genannt der Schöne, ein stattlicher Mann mit eigenem Kopf. Er heiratet Margarethe von Ostfriesland. Sie bringt elf Kinder zur Welt. Nach der Geburt des letzten stirbt die Gräfin am 22. Mai 1533 im Wochenbett.


Zunächst zieht eine Amme die kleine Margaretha auf. Als das Kind vier Jahre alt ist, nimmt sich der Vater eine neue Gemahlin. Sie wird Margarethas Stiefmutter. Mit der Geburt einer Tochter und dem Tod der Mutter beginnt auch das Märchen von Schneewittchen. Die Königin aber stirbt kurz nach der Geburt ihres Wunschkindes. Und Schneewittchen, wie das Mädchen heißt, wächst unter der strengen Hand einer Stiefmutter heran. Die neue Frau des Regenten ist eine betörende Erscheinung, doch voller Stolz und Hochmut. Sie besitzt einen magischen Spiegel, den sie ständig befragt. Spieglein, Spieglein an der Wand - wer ist die Schönste im ganzen Land? Der Zauberspiegel antwortet stets wahrheitsgetreu. Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land.

Missgunst und Eifersucht

Die Stiefmutter zeigt sich zufrieden. Denn sie könnte es nicht ertragen, wenn jemand hübscher wäre als sie. Doch genau das sollte eintreffen. Die Jahre vergehen und nd das Mädchen reift heran. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Missgunst und Eifersucht die Atmosphäre im Schloss vergifteten. Denn Schneewittchen erblüht zu einer jungen Frau von außerordentlichem Liebreiz. Das engelgleiche Aussehen der Titelheldin - äußeres Zeichen für die Reinheit ihrer Seele und Vorbild weiblicher Tugend.
Auch Margaretha von Waldeck entspricht jener Vorstellung. Im Schoß der Familie genießt die Adelstochter eine behütete Kindheit. Auf sie wartet ohne Zweifel eine verheißungsvolle Zukunft. Ihre edle Gestalt, ihre Herkunft und eine standesgemäße Erziehung machen Margaretha zu einer guten Partie, wie zeitgenössische Quellen ahnen lassen.

Im Stadtarchiv von Niederwildungen entdeckt Eckhard Sander eine Reimchronik aus dem 16. Jahrhundert. In der Handschrift ist eine Pestepidemie, der erste Hexenprozess und Notizen aus der Reformationszeit verzeichnet - bedeutende Ereignisse aus der Region. Dazu zählt auch der Besuch von Margaretha bei ihrem Vater im Jahr 1551. In jener Zeit lebt die schöne Adlige am kaiserlichen Hof in Brüssel.

Schönheit als Verhängnis



Margaretha von Waldeck und Schneewittchen aus dem Märchen - beiden Frauen sollte ihre Schönheit zum Verhängnis werden. Und beide mussten - jung und unerfahren - ihr Elternhaus verlassen. Für Schneewittchen fiel die Entscheidung, als eines Tages der unbestechliche Ratgeber der Königin eine neue Wahrheit verkündete. Auf die Frage: Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?, antwortet der Spiegel: Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.

Von da an schwebte das Mädchen in Lebensgefahr. Wie das Verhältnis von Margaretha zu ihrer Stiefmutter war, verraten die Dokumente nicht. Bekannt ist nur, dass die Grafentochter schon als Teenager von zu Hause weggeschickt wird. Als Ehrenjungfer bei Maria von Böhmen und Ungarn soll sie in der Residenz von Kaiser Karl V. in die Gesellschaft eingeführt werden. Mit im Gepäck eine heikle Mission. Die Familie erwartet von ihr, dass sie sich in einer diplomatisch brisanten Angelegenheit einsetzt.

Mit den Waffen einer Frau

Wie Briefe belegen, tobte zwischen dem protestantischen Hessen und dem katholischen Brüssel ein Religionsstreit. Dabei war Landgraf Philipp der Großmütige von Karl V. festgesetzt worden. Die Hoffnung der von Waldecks, die Freilassung des Gefangenen zu erwirken, ruhte nun auch auf den zarten Schultern der jungen Gesandten. Margaretha vertraut auf die Waffen einer Frau. Und ihr Ziel, Philipp II. von Spanien, gilt als ausgewiesener Lebemann und Weiberheld. Wenn es für sie eine Chance gibt, den Landsmann zu retten, dann nur über den leichtsinnigen Sohn des Kaisers. Mit gemischten Gefühlen nimmt die brave Tochter Abschied von der vertrauten Umgebung - und von ihrer Kindheit.

Dafür bleibt Schneewittchen keine Zeit. In Todesangst flieht es in den dunklen Wald - dicht gefolgt vom Jäger, der es im Auftrag der Stiefmutter töten soll. Der Wald mit seinen wilden Tieren ist ein unheimlicher Ort, doch zugleich auch ein Hort der Zuflucht, manchmal sogar vor dem Tod.
Ein dichter Forst, der Kellerwald, gehörte einst zum Besitz der Grafen von Waldeck. Der Wildreichtum machte das Gebiet berühmt und berüchtigt. Und lieferte womöglich den Schauplatz für die verzweifelte Odyssee von Schneewittchen.

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