Manipulierte Seiten

Erst die Zerlegung der Logbücher lüftet ein Geheimnis

Um an die größten Schätze in den Kellern der Staatsbibliothek von Sydney zu kommen, sind mehrere Unterschriften nötig. Dennoch fragen Forscher aus aller Welt immer wieder nach den selben zwei Bänden, die in Sydney wie der Heilige Gral gehütet werden. Es sind die Logbücher des Bounty-Commanders William Bligh.

Logbuch der Bounty Quelle: ZDF

1902 wurden sie der Bibliothek von Blighs Urenkel geschenkt - ein Schlüssel zur wahren Geschichte der Bounty. Im Auftrag der Staatsbibliothek hat Anthony Zammit die beiden Logbücher der Bounty restauriert - und ist dabei einem historischen Betrug auf die Spur gekommen. Natürlich kennt Zammit die Legende der Bounty seit seiner Kindheit. Bücher und Hollywoodfilme zeichneten Bligh als unerbittlichen Tyrannen, der seine Leute bis aufs Blut reizte. Die Meuterei auf der Bounty wurde zum Inbegriff des gerechten Aufstands gegen einen Despoten. Doch stimmt diese Legende?

Zentrale Beweisstücke

Um zu erfahren, was damals wirklich geschah, haben Forscher immer wieder den zweiten Band der Logbücher aufgeschlagen - vor allem jene Seiten, auf denen Bligh die Nacht der Meuterei beschreibt. Nach mehr als 200 Jahren gab das historische Stück schließlich im wahrsten Sinne des Wortes nach: Die Bindung brach und die dann folgende Restauration offenbarte ein lange gehütetes Geheimnis. Selbst ausgewiesene Experten wie Paul Brunton hatten die Indizien zuvor stets übersehen. Dabei kennt Brunton die Bücher in- und auswendig. Die Bounty-Logbücher sind die offizielle Chronik der Reise - von Bligh unterwegs selbst geschrieben. Als Schiffsdokument wurden die Logbücher zum zentralen Beweisstück in zwei Kriegsgerichtsprozessen - gegen die Meuterer und gegen Bligh selbst.

Untersuchung des Bounty-Logbuchs Quelle: ZDF

Restaurator Anthony Zammit hat den Logbüchern bei seinen monatelangen Arbeiten ein Geheimnis entlockt. Trotz des historischen Wertes scheint es ein ganz normaler Routinefall: Bei Band 2, in dem Bligh die Meuterei schildert, hat sich der Buchrücken verzogen und die Bindung gelöst. Einzelne Seiten brechen bereits an den Kanten. Zammit zerlegt die Bücher mit größter Vorsicht, um sie exakt so wieder zusammenzusetzen, wie sie vor über 200 Jahren der Admiralität ausgehändigt wurden. Bei der Inspektion erregt ein schlichter Tee- oder Kaffee-Fleck Zammits Verdacht. Zwischen zwei befleckten Seiten gibt es eine Seite ohne Fleck, der Text geht aber einfach weiter, auch die Handschrift und das Papier sind identisch. Es scheint, als ob Seiten nachträglich eingefügt wurden.

"Der Tag der Meuterei" gefälscht

Doch wer konnte dies getan haben - und warum? Hat am Ende Bligh selbst sein Logbuch nachträglich verfälscht? Um das historische Beweisstück nicht zu ruinieren, muss Zammit untersuchen, was genau manipuliert sein könnte. Jeder Bindfaden und jedes Staubkorn kann nun zum Indiz werden. Für Zammit steht nach den ersten Untersuchungen eines fest: Ausgerechnet der Eintrag vom 28. April 1789 gehört zu den nachträglich korrigierten Seiten - der Tag der Meuterei auf der Bounty.

Mit Mikroskop und chemischen Analysen setzt Anthony Zammit seine Detektivarbeit fort. Vor allem die Prüfung der Handschrift verrät, dass die gefälschten Seiten von William Bligh selbst stammen. Auch Papiersorte, Wasserzeichen, Sandkörner, Staubpartikel, Tee-, Kaffee- oder Tintenflecke sprechen eindeutig dafür.

Weitere Anzeichen der Manipulation

Doch nicht auf jeder fortlaufenden Seite dieser Sektion findet sich derselbe vulkanische Sand. Ein Anzeichen, dass die Seiten nachträglich von Bligh ersetzt wurden. Auch PH-Wert-Analysen und die Untersuchung von Federkiel-Partikeln zwischen den Seiten weisen in diese Richtung. Doch auch wenn Bligh im Logbuch notiert, seine Offiziere hätten ihn "zum Äußersten getrieben", nennt er nur Steuermann Fryer und Zimmermann Purcell als Missetäter. Alle anderen Namen sind getilgt. Die jungen Herren gelten als Zöglinge einflussreicher Gönner. Hat William Bligh deswegen sein Logbuch manipuliert?

Untersuchung des Logbuchs Quelle: ZDF

Alle nachträglich eingefügten Seiten zeigen nicht nur eine andere Britannia mit drei statt zwei Ringen unter der Krone. Die Buchstaben, die Papier-Hersteller damals wie eine Signatur benutzten, sind nur auf diesen Seiten ebenfalls anders. Damit steht fest, dass Bligh nachträglich Seiten eingefügt hat. Völlig offen bleibt allerdings die Frage: Wann genau, wo und warum?

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