Medienstreit um Erstbesteigung

Diplomatische Lösung

Am 2. Juni 1953 säumen Menschenmassen in London die Straßen, warten auf die Königin. Über Lautsprecher erfahren sie vom Sieg im Himalaja. Für die Nation Großbritannien bekommt die Erstbesteigung schnell eine hohen Stellenwert: Die Presse verklärt sie zur Morgenröte eines neuen, elisabethanischen Zeitalters. In Indien sehen es die Menschen anders, ein Konflikt bahnt sich an.

Die Aufregung, dass ein Inder, ein einfacher Sherpa, den Triumph mit Edmund Hillary geteilt hat, gibt dem Nationalstolz des unabhängigen Indien enormen Auftrieb. Gönner spenden Geld, damit die Familie von Tensing nach Katmandu fliegen kann. Sie sollen den feierlichen Moment mit dem zurückkehrenden Team teilen. Aber während Helfer um die Stadt herum Festzelte aufbauen, entbrennt in den Medien ein heftiger Streit. Wer hat den Gipfel des Everest wirklich als erster erreicht - Hillary oder Tenzing? Für die indische Presse besteht kaum Zweifel: Sie spricht ihrem Landsmann den Ruhm zu.

Tenzing unter Druck

Erschöpft vom Everest und dem langen Marsch zurück nach Katmandu, geraten die Expeditionsteilnehmer mitten in den Disput. Die Journalisten wollen wissen, wer als erster auf dem Gipfel stand. Tatsächlich stand Hillary vor Tenzing auf dem höchsten Schneehaufen des Gipfels, nur ein paar Schritte von Tenzing entfernt, nicht wirklich von Bedeutung. Aber sie setzen Tenzing weiter unter Druck. Eine Gruppe von vier Leuten aus Indien bedrängen den Sherpa mit der Bitte um ein Autogramm. Tenzing lässt sich zeigen, wie man Autogramme gibt, und unterschreibt schließlich. Es ist eine Erklärung: "Ich habe den Gipfel als erster erreicht - gezeichnet Tensing". Was folgt, sind die offiziellen Feierlichkeiten - und die Revanche der Briten.

John Hunt gibt eine Pressekonferenz, auf der er gefragt wird, ob Tenzing seiner Meinung nach ein guter Bergsteiger ist. Er antwortet, "Oh ja, ja, er ist ein sehr guter Bergsteiger, aber man kann ihn nicht wirklich mit den großen Alpinisten vergleichen". Die Reporter rennen zum Sherpa: "Hunt sagt, Sie seien kein sehr guter Bergsteiger". Tenzing erwidert: "War denn schon ein anderer sieben Mal am Everest?"

Die Wogen glätten sich

In der britischen Botschaft in Katmandu erhält Hillary den diplomatischen Rat, seinen Bericht über die Erstbesteigung umzuschreiben. In der ersten Fassung steht wörtlich: "Ich ging mit Steigeisen den Grat entlang und trat dann auf den Gipfel des Everest." Die korrigierte Passage lautet: "Ein paar mehr Schläge mit dem Eispickel in den festen Schnee und wir standen auf dem Gipfel". Offiziell gebührt der Sieg nun beiden und während das Team durch Indien reist, glätten sich die Wogen. Aber erst die persönliche Intervention von Premierminister Nehru überzeugt den irritierten Tenzing davon, die anderen nach Europa zu begleiten.

Am 3. Juli 1953 landen die Helden endlich in London, fünf Wochen nach dem sensationellen Triumph auf dem Dach der Welt. Zahlreiche Empfänge folgen, Medaillen werden verliehen, aber das Lächeln hat zwischen Berg und Themse-Metropole sein Strahlen eingebüßt. An den gnadenlosen Hängen des Mount Everest haben die britischen Alpinisten und die Sherpas zusammengehalten. Zurück auf dem Boden der Zivilisation wäre es Politikern und Medien beinahe gelungen, die harmonische Einheit zu zerstören, die den Traum von der Erstbesteigung wahr werden ließ.

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