Merkwürdiges Phänomen

Kinderkreuzzüge in Deutschland und Frankreich

In der Herzog August Bibliothek im norddeutschen Wolfenbüttel befinden sich mittelalterliche Handschriften, die von geheimnisvollen Ereignissen im Jahre 1212 berichten. Auch der Bericht, den der Mönch Alberich von Troisfontaines nach Erzählungen des Augenzeugen Rupert aufschrieb.

Im Zeichen des Kreuzes seien die Kinder nach Jerusalem aufgebrochen, um das Heilige Land zurückzuerobern. Eltern hätten sie eingesperrt, dennoch seien sie dem selbsternannten Messias Nikolaus hinterhergelaufen, einer schemenhaften, rätselhaften Figur.

Prophet Gottes

Rupert und die anderen Kinder sehen in Nikolaus einen Propheten Gottes. Ein 14-jähriger Junge, dessen Augen leuchten und dessen schallende Stimme engelsgleich scheint. Es sind Tausende im Jahr 1212, die täglich zum Kölner Dom strömen um vor den Reliquien der Heiligen Drei Könige zu beten. Gebannt lauschen sie Nikolaus betörenden Worten.



Augenzeugenbericht Rupert: Es war, als spräche die Stimme Gottes zu uns. Sorgt Euch nicht, so rief er: Ich führe Euch in das Heilige Land. Wir brauchen keine Schiffe um über das Meer zu gelangen. Christus ist mir erschienen, er wird die Wogen des Meeres teilen, wir werden trockenen Fußes die heilige Stadt erreichen. Und es wird Euch an nichts fehlen, denn Gott unser Vater ist mit uns. Ich schwöre Dir Herr, wir haben ihm jedes Wort geglaubt!

Jerusalem befreien


Rupert: Jeden Tag scharten sich mehr Menschen um Nikolaus. Sie spürten die Gegenwart Gottes, so wie wir sie spürten. Wir werden Jerusalem befreien. Wir die Jungen, die Kinder, die Armen und Bedrückten werden mit Gottes Segen ins Heilige Land ziehen. Und wir werden siegen - weil wir reinen Herzens sind. Und jeder, wirklich jeder hat ihm geglaubt.

Die Chronik des Alberich von Troisfontaines berichtet, dass zu der Zeit, als sich in Köln der Zug des Nikolaus in Bewegung setzt, in Frankreich etwas ganz ähnliches passierte. Ein merkwürdiges Phänomen. Der Ort Cloyes, 200 Kilometer von Paris entfernt, ist im Mittelalter ein Dorf von Bauern und Handwerkern. Hier wird der Hirtenjunge Stephan geboren, inmitten einer Welt aus Elend, Gestank und Aberglaube.

Ein Kind seiner Zeit



Die Chroniken beschreiben ihn als ein Kind mittelloser Eltern. Stephan wächst auf in größter Armut, muss früh schon für sich selbst sorgen. Irgendwann tritt er aus dem Schatten der Anonymität in die große Geschichte. Ebenso wie Nikolaus wird er scharenweise Kinder in seinen Bann ziehen. Stephan ist Kind seiner Zeit - und seiner Umwelt, ein Bauernjunge, der nie eine Schule gesehen hat - aber von tiefer Frömmigkeit beseelt ist. Quellen berichten von seiner Liebe zu Prozessionen, Gesängen und Gebeten.

Völlig unabhängige Züge

Und er ist ein charismatischer Wanderprediger, ebenso wie Nikolaus. Er erzählt den Menschen, dass ihm nachts auf dem Feld Jesus erschienen sei. Sein Auftrag: mit den Kindern gemeinsam das Heilige Grab in Jerusalem zu befreien. In der Kapelle "Notre Dame d`Yron" beginnt Stephans große Reise ins gelobte Land. In St. Georges, einer anderen Kirche in Cloyes, haben Glasmaler auf den Fenstern den Weg Stephans und der Kinder festgehalten, ihre Hoffnungen - aber auch ihre Qualen.


Ein Geheimnis der Geschichte, das bis heute fasziniert: zwei völlig unabhängige Züge formieren sich. In Frankreich marschieren die Kinder von Cloyes nach Marseille. Und zeitgleich in Deutschland von Köln über die Alpen nach Genua. Beide haben dasselbe Ziel, das hinter dem großen Meer liegt: Jerusalem, die Stadt Gottes, die Grabstätte von Jesus Christus.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet