Metropole in ständigem Aufbruch

Vom Fischerdorf Edo zur Weltstadt Tokyo

Die Einwohner Tokyos nennen sich selbst "Edokko", "Kind Edos". Edo ist der Ort an dem eine alte Festung über ein verschlafenes Fischerdorf wachte. Doch im Jahr 1603 ist es mit der Ruhe vorbei: Tokugawa Ieyasu, Shogun und mächtigster Mann im Staat macht Edo zu seiner Residenz, zum Zentrum der Macht.

Trendviertel Harajuku in Tokyo
Trendviertel Harajuku in Tokyo Quelle: imago/imagebroker

In früher Kaiserzeit wurde die Residenz des Tenno nach dem Tod eines Regenten oft aufgegeben. Nachfolger gründeten ihre Hauptstadt an anderem Ort neu. Man sagte, die Geister der Toten sollten ungestört bleiben. Wahrscheinlich ist: Die aufwändige Hofhaltung hatte die wirtschaftliche Kraft einer Region erschöpft. Zeit, auf unverbrauchten Böden neu zu bauen. Spätere Machthaber wählten den Sitz ihrer Herrschaft nach strategischen Gesichtspunkten. Tokugawa Ieyasu gelingt es 1603, Japan zu vereinen. 250 Jahre herrschen Shogune der Familie Tokugawa von Edo aus über Japan. Der Ort ist gut gewählt. Er liegt im Zentrum des Reiches an einer Meeresbucht, die ein natürlicher Hafen ist.

Hafen City
Hafencity Quelle: ap

Eine Stadt aus Holz und Papier

Tokugawa Ieyasu führt Japan außenpolitisch in die Isolation. Doch im Inneren herrschen Frieden und wachsender Wohlstand. Edo wächst rasch. Überall in den Straßen findet man kleine Läden der Händler. Sie bedienen sich modernster Methoden der Buchhaltung und des kaufmännischen Rechnens. Ihr Geschäftssinn ist Legende. Ein Kunde der ihren Laden betritt, darf freundlichen Empfang und gute Bedienung erwarten. In Läden solcher Art beginnt Japans Aufstieg zur Wirtschaftsmacht. Und manche Kaufleute werden hier zu Gründungsvätern großer Industriekonzerne. Doch die Stadt hat einen Gegner, dem sie beinah hilflos ausgeliefert ist.

Das alte Tokio brennt (Animation)

Die wunderbare Stadt ist ständig von Katastrophen bedroht. Überall stehen die Türme der Brandwächter. Die Wachen halten Ausschau nach Brandherden, die leicht im Häusermeer aus Holz und Papier einen Feuersturm entfachen können. Dann ruft der Feuerwächter Alarm, um die Bürger zu warnen und die Feuerwehr zum Einsatz zu rufen. Doch oft kommt jede Hilfe zu spät. "Die Blüten von Edo" nennen Bewohner poetisch die Katastrophe, die ihre flüchtige Welt ständig gefährdet. Dazu kommt: Japan gehört zu den von Erdbeben am stärksten bedrohten Regionen der Welt. Edo ist das Symbol für die Macht der Shogune, unbestrittene Metropole des Inselreichs. Das unbegrenzte Häusermeer dieses heimlichen Weltwunders reicht bis zum Horizont.

Ein unbekanntes Weltwunder

Die wenigen Fremden, die die Stadt betreten, berichten staunend vom geschäftigen Leben in den unterschiedlichen Vierteln. In den Gasthäusern und Palästen entsteht eine ausgeprägte Kultur der Zerstreuung, von Japanern die "fließende Welt" genannt. Dort vergisst man den Alltag und seine Gefahren. Alles dreht sich dort um Schönheit, Anmut und Poesie, um Genuss und Sinnlichkeit. Unter der Herrschaft der Shogune entsteht in Edo eine raffinierte Welt des Vergnügens und des gesteigerten Genießens für die, die sich das leisten können. Geishas unterhalten ihre Gäste und Kunden mit allen Künsten: Tanz, geistreichem Gespräch und Gesang. Die Fähigkeiten solcher hoch gebildeten Frauen sind sehr geschätzt.

Spielszene: Geisha Quelle: ZDF,Ralf Gemmecke/IFAGE

Die Kultur jener Zeit prägt Japan tief - bis zum heutigen Tag. Wissenschaft und Bildung gehören zum festen Kanon stadtbürgerlichen Lebensstils. Malerei und Literatur gehen neue Wege. Auf den Theaterbühnen wird neben dem No-Theater der aristokratischen Zeit die volkstümlich bürgerliche Form des Kabuki gezeigt, eine Kunst, die Schauspiel, Tanz und Musik vereint. Bei aller Vielfalt bleiben jedoch die Lebensbereiche der einzelnen Bevölkerungsgruppen streng getrennt. Jede von ihnen bewohnt ein eigenes Stadtviertel. Edo ist in eine Ober- und in eine Unterstadt geteilt. Die Oberstadt ist den höheren Schichten der Samurai und der Beamten vorbehalten. Händler, Handwerker und einfache Bürger leben in der Unterstadt nach Berufen getrennt und in den ausufernden Randgebieten.

Alte Aufnahme von Edo/Tokyo Quelle: ZDF

Das Land öffnet sich

Aus Edo wird Tokyo. Im Jahr 1853 geht eine amerikanische Flotte in der Bucht vor Edo vor Anker. Die Forderung, Japan solle sich dem Handel und der Welt öffnen, trifft das Land nicht unvorbereitet. Die Meiji-Restauration bedeutet das Ende der Shogun-Herrschaft. Der Tenno übernimmt die Macht. Unter dem Motto: "Reiches Land - Starke Armee" gestaltet eine neue Reform-Elite das Reich um. Der Kaisersitz wird 1868 nach Edo verlegt und zugleich erhält die Stadt einen neuen Namen: Tokyo (östliche Hauptstadt). Erste Eisenbahnstrecken verbinden Tokyo mit dem Umland. Das strenge Kastensystem wird aufgehoben und Japan erhält 1889 eine Verfassung nach westlichem Vorbild. Edo hat den Aufstieg geschafft, vom Fischerdorf zur Metropole einer Großmacht. Doch am 1. September 1923 zerstört ein gewaltiges Erdbeben die Stadt.

Schlimmer als die Erdstöße wüten zahlreiche Brände, die sich im Anschluss daran entwickeln. Edo/Tokyo ist dem Erboden gleich gemacht. Mehr als 150.000 Tote sind zu beklagen. Die Bilder der Katastrophe gehen um die Welt. Doch der Wiederaufbau vollzieht sich in rasantem Tempo. Die Stadt wird moderner, Erdbebensicherheit zum obersten Gesetz. Im Zweiten Weltkrieg legen Luftangriffe die Stadt erneut in Trümmer. Und wieder erneuert sie sich von Grund auf. Vom alten Edo ist heute wenig mehr als der Grundriss des Zentrums mit der Einteilung in die verschiedenen Stadtviertel erhalten. Moderne Architektur und das rund um die Uhr pulsierende Leben der modernen Metropole prägen die Stadt. Tokyo, das alte Edo der Shogune ist ungeachtet aller Krisen eine der faszinierendsten Mega-Citys des 21. Jahrhunderts.

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