Millionenschweres Kulturgut

Sophienschatz verschwindet aus Dresdener Museum

Am 13. Februar 1945 attackieren alliierte Bomber kurz nach 22 Uhr die Stadt Dresden. Zwei Tage lang sind die Einwohner dem schwersten Luftangriff des Zweiten Weltkriegs ausgesetzt. Danach liegt die Stadt in Schutt und Asche. Ein Symbol der Zerstörung ist die Sophienkirche im Herzen der Stadt. Unter ihren Trümmern liegt ein wahrer Schatz.

Teil des Sophienschatzes
Teil des Sophienschatzes Quelle: ZDF

1963 befiehlt SED-Chef Walter Ulbricht die Sprengung der stark beschädigten Sophienkirche. Die einzige gotische Kirche Dresdens muss für so genannte sozialistische Kulturbauten weichen, wie es die Machthaber nennen. Was dann geschieht, ist unter anderem im Archiv der DDR-Kriminalpolizei genau dokumentiert. Die SED-Stadtplaner haben schlicht vergessen, dass die fast 800 Jahre alte Kirche seit dem 15. Jahrhundert als Begräbnisstätte für den sächsischen Adel und das reiche Bürgertum diente. Sie werden von dem Fund vollkommen überrascht.

Einzigartiges Kulturgut

Im Abrissschutt entdecken Mitarbeiter des Stadtmuseums Gräber aus der Zeit zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert. Sie finden nicht nur alte Grabplatten und die Überreste der Toten. Aus den Gräbern bergen sie wertvollen Schmuck. Neben der Ordenskette einer Jagdgesellschaft von 1611 und einer königlichen Bogenschützenkette finden sie Siegelringe aus dem altsächsischen Adelsgeschlecht der Wettiner. Nur der alteingesessene Adel leistete sich solche Goldschmiede- und Emaillierkunst - ein einzigartiges Kulturgut. Was eigentlich der Zerstörung geweiht war, bekommt jetzt einen Ehrenplatz im Stadtmuseum. Der Sophienschatz ist der ganze Stolz des Hauses und der Höhepunkt jeder Führung.

Doch am 20. September 1977 verschwindet der Schatz auf mysteriöse Weise. Die unscheinbare Glasvitrine ist bis auf zwei Ketten ausgeräumt. Nach wenigen Minuten ist die Volkspolizei vor Ort. Keiner der 70 Besucher hat von dem Diebstahl etwas bemerkt. Dabei muss er unter ihren Augen stattgefunden haben, denn am Vormittag war die Vitrine noch intakt. Die Täter gingen nicht nur dreist vor - sondern auch gezielt: Sie nahmen nur die wertvollsten 57 Stücke mit. Und das alles im Fokus einer Überwachungskamera.

Schlampereien am Fließband

Auf der Vitrine finden sich zwar zahlreiche Fingerabdrücke von Besuchern. Auf der Unterseite der Glasplatte aber, wo sie die Täter anheben mussten, gibt es keinerlei Spuren. Die Beamten entdecken eine Schlamperei nach der nächsten. Die Schlösser der Vitrine konnten mit einfachsten Mitteln geöffnet werden. Die Ausrichtung der Überwachungskamera wurde geändert und die für die Überwachung der Monitore zuständige Person war zum Zeitpunkt des Raubes nicht am Platz. Nicht die einzige Aufsichtsperson, die auf wundersame Weise fehlt. Der für den Raum zuständige Museumswärter fehlt an diesem Tag entschuldigt.

Doch für solche Ungereimtheiten haben die Ermittler zunächst keinen Sinn. Wichtiger ist der Verbleib der Beute. Der Schatz könnte klammheimlich nach Polen oder in die Tschechoslowakei geschafft werden und von dort zum Verkauf in den Westen. Um das zu verhindern, koordiniert der damals zuständige Kriminalkommissar Jürgen Oelsner die größte Fahndungsaktion der DDR-Geschichte. Er erweitert die Einsatzgruppe; insgesamt befassen sich 150 Kriminalisten mit dem Fall. Sie verhören mehr als 3000 Zeugen. Doch nur ein wirklich greifbares Ergebnis findet den Weg in die Akten: das Phantombild eines Mannes, der an einem Fenster in der Nähe der Vitrine gesehen wurde. Ausfindig gemacht wird dieser Mann aber nie.

"Operativvorgang Vitrine"

Die allmächtige Staatssicherheit führt ihre eigenen geheimen Ermittlungen in der Kunst- und Antiquitäten-Szene der DDR - unter dem Codewort "Operativvorgang Vitrine". Sie nutzt dafür die Vorarbeit der Volkspolizei. Dann nimmt die Stasi die wichtigsten Zeugen in die Mangel - und anschließend unter Verschluss. Sie macht sie in vielen Fällen zu inoffiziellen Mitarbeitern. Und somit hat die Polizei keinen Zugriff mehr auf den Fall. Doch der "Operativvorgang Vitrine" wird ohne Ergebnis geschlossen. Beteiligte wundern sich über den erlahmenden Ermittlungseifer. Was als eine der größten Ermittlungsaktionen der DDR begann, stellt auch die Polizei ohne Ergebnis klammheimlich ein. Erst 22 Jahre später kommt wieder Bewegung in den Fall: Im Sommer 1999 taucht ein Hinweis über den Verbleib des Sophienschatzes auf.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet