Minos und der Stiermensch

Das Labyrinth des Königes

Auf der Suche nach den ersten Labyrinthen führt die Spur zunächst nach Kreta. In die Zeit der Minoer vor drei- bis viertausend Jahren. Der Wohlstand des Inselstaates kannte keine Parallelen. Kreta gehörte zu den größten Mächten jener Epoche. Das minoische Reich gilt als die Wiege der abendländischen Kultur.

Seine Herrscher und Künstler wurden später als mythische Gestalten verehrt. Bis auf den heutigen Tag sind ihre kulturellen und technischen Leistungen bewundernswert - besonders in Malerei und Architektur.

Grausame Rache

Damals legte sich jedoch plötzlich ein düsterer Schatten über das unbeschwerte Land. Spätere Generationen hielten die Sage vom Labyrinth und vom Stiermenschen Minotaurus auf Münzen fest. König Minos opferte alljährlich die schönsten Stiere, die ihm der Herrscher der Meere, der Gott Poseidon, sandte. Eines Tages entstieg den Fluten ein so herrliches, vollkommenes Tier, dass der Monarch es nicht fertigbrachte, es zu töten. Er opferte ein anderes. Poseidon merkte den Betrug. Er tobte über das Land, wütete über Berg und Tal. Und ersann als grausame Rache, dass der Prachtbulle die tierliebe Königin Pasiphae betörte.

Die liebestolle Königin bat den genialen Erfinder Daedalos, eine künstliche Kuh aus Holz zu bauen. Die Herrscherin schlüpfte in die Attrappe hinein und gab sich dem Stier hin. Zur Welt kam ein Monster - halb Mensch, halb Stier. Der König - an alledem nicht ohne Schuld - ließ den Minotaurus in ein Labyrinth einsperren, das Daedalos erdacht hatte.

Theseus' Verführung

Alle neun Jahre wurden sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen aus der unterjochten Kolonie Athen dem Ungeheuer zum Fraß vorgeworfen. Doch beim dritten Opfergang beschloss Theseus, Sohn des Regenten von Athen, dem Treiben ein Ende zu bereiten. Er reiste als einer der Todgeweihten nach Kreta und verführte Minos' Tochter Ariadne.

Ariadne gab Theseus einen roten Faden mit auf seinen gefährlichen Weg ins Labyrinth. Sie hoffte, dass er so sicher zurück kehren würde. Im Zentrum des verwinkelten Gewölbes entbrannte ein fürchterlicher Kampf. Das Wunder geschah. Theseus besiegte den Minotaurus. Mit Hilfe des roten Fadens rettete sich der Glückliche zurück ins Freie und segelte mit Ariadne davon.

Ganze Kultur

Jahrhundertelang bewegte die Menschen die Suche nach dem legendären Ort. 1899 begann der Engländer Arthur Evans mit den ersten Grabungen in Knossos, wo der Sage nach das Labyrinth des Minotaurus gelegen hat. Evans hatte das Glück, eine ganze Kultur zu entdecken. Der Archäologe stieß auf die Residenz von König Minos. Einen Bau von gewaltigen Ausmaßen, größer als der Buckingham-Palast. Die Treppen lieferten dem Forscher das Maß der Raumhöhe. Entscheidend für die Rekonstruktion der verschachtelten Anlage - mit endlosen Korridoren, blinden Galerien und mehr als tausend Räumen in verschiedenen Etagen.

Evans legte reich ausgeschmückte Prozessionswege frei, die zum Thronsaal führen, dem Ort heiliger Rituale - und weltlicher Herrschaft. Den Sitz des Königs schützen Mischwesen mit geschmeidigen Löwenkörpern und Vogelköpfen. Ihre spiralförmigen Federn waren archaische Abwehrsymbole gegen das Böse. Der Forscher grub jahrelang. Doch ein Gängesystem mit einem Kerker im Zentrum fand er nicht. Dafür aber die unterschiedlichsten Darstellungen von Doppeläxten. Das brachte den Engländer auf eine neue Fährte. In einem frühen griechischen Dialekt bedeutet das Wort LABRIS Doppelaxt. Somit wäre das Labyrinth das "Haus der Doppelaxt".

    Archäologe Mc Donald über die Herkunft des Wortes Labyrinth: Es ist nicht unbedingt zwingend, das Labyrinth mit der Doppelaxt zu verbinden. Es gibt andere Erklärungen. Eine besagt, dass es von dem Wort "Labra" oder "Lavra" stammen kann, dem Wort für Korridore oder Gänge. Und das ist interessant, weil die Verbindung von Korridoren und Gängen mit dem großartigen Palast des Minos uns einen Schritt näher heran führt an die Bedeutung des Wortes Labyrinth für Irrgarten: einen Ort, aus dem man nur schwer herausfinden kann.

Das verwirrende System düsterer Gänge, die farbigen Fresken von Mädchen und Knaben, von Kampfszenen und Stieropfern erhielten durch die Sage vom mutigen Theseus und dem Menschen fressenden Stier mythologische Bedeutung.

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