Mit ganz anderen Augen

Der Super-Blick der Fangschreckenkrebse

Auf unsere Augen bilden wir uns einiges ein. Wir Menschen sind eben Augentiere – nicht nur, wenn wir fernsehen. Kein Sinn ist für uns so wichtig wie der Gesichtssinn. Von allem, was wir kennenlernen oder beurteilen wollen, verschaffen wir uns zuerst einen optischen Eindruck. Wie armselig das Bild in Wirklichkeit ist, das wir uns mit bloßem Auge von den Dingen machen, beweisen uns die Mitglieder einer illustren Gruppe eigenartiger Krebse – die Fangschreckenkrebse.

Seit 400 Millionen Jahren sind sie in den Flachmeeren der Welt höchst erfolgreich unterwegs. Die Fangschreckenkrebse haben sich trickreich und mit "Bio-Hightech" durch die Unbilden der Erdgeschichte manövriert. Im Laufe der Evolution haben sie sich in etwa 400 Arten aufgespalten und sich dabei in zwei verschiedene Grundtypen sortiert: die Speerer und die Schmetterer. Während Erstere ihre Beute mit forkenähnlichen Fangbeinen erlegen, die an die Arme einer Gottesanbeterin, also einer Fangschrecke erinnern, schlagen die Schmetterer mit keulenähnlichen Fangbeinen ihre Mahlzeit k.o. Kein Tier schlägt schneller zu als ein Fangschreckenkrebs.

Komplex im Quadrat

Augen eines Fangschreckenkrebses
Augen eines Fangschreckenkrebses Quelle: ZDF

Die Komplexaugen der Fangschreckenkrebse sind die leistungsstärksten Sehorgane im Tierreich. Sie bestehen aus 10.000 Einzelaugen, Ommatidien genannt, die zu einem dreigeteilten Komplexauge zusammengefasst sind. Auf langen Stielen sehr beweglich gelagert, betrachtet daher jedes der beiden Komplexaugen die Welt aus drei unterschiedlichen Blickwinkeln gleichzeitig. Der Krebs kann also einen Gegenstand sechsfach verschieden sehen, wenn er mit beiden Augen dasselbe Ziel anvisiert. Im Vergleich dazu ist unser menschliches Auge geradezu primitiv aufgebaut, was sich direkt in sehr bescheidener "optischer Ausbeute" niederschlägt, etwa beim Sehen von Farben.

Zwischen den halbkugelförmigen Außenenden der Augen, Hemisphären genannt, liegt das deutlich erkennbare Mittelband. Es besteht aus sechs geraden Reihen von Einzelaugen, deren optische Achsen, anders als auf den gekrümmten Hemisphären, genau nach vorne gerichtet sind. Diese drei komplexen Komponenten – zwei Hemisphären plus Mittelband – bilden einen der kompliziertesten Lichtdetektoren überhaupt. Mit diesem Sinnesorgan sehen Schmetterer und Speerer mehr als 100.000 Farbabstufungen – von Rubinrot bis Ultraviolett. Außerdem befähigen sie den Krebs zu räumlichem Sehen und damit zum exakten Abschätzen von Entfernungen, was Voraussetzung für den Erfolg ihrer Beutefangmethode ist.

Sonnenbrille serienmäßig

Während die beiden Hemisphären vor allem Formen und Bewegungen wahrnehmen, ist das Mittelband für die eigentliche Lichtanalyse zuständig. In den ersten vier Einzelaugen-Reihen liegen acht verschiedene Sehpigmente und mehrere Farbfilter, die das Sehen des ungewöhnlich breiten Spektrums ermöglichen. Dieses System aus Sehpigmenten und Farbfiltern ist variabel und kann sich dem einfallenden Licht anpassen. Das wirkt ähnlich einer Sonnenbrille. So ist die Lichtausbeute in flachem und tieferem oder trübem und klarem Wasser stets optimal. Das ist nicht nur für den Nahrungserwerb wichtig, sondern auch für die Kommunikation, denn Fangschreckenkrebse unterhalten sich mittels prächtigem Farbenspiel auf ihrer Körperoberfläche.

Chamäleon
Stets optimale Lichtausbeute Quelle: ZDF

Vor allem die Augen der Reihen 5 und 6 des Mittelbandes spielen eine wichtige Rolle im Sozialleben der Krebse. Diese Augen können polarisiertes Licht wahrnehmen, das in den ausgesendeten Farbmustern während Konkurrenz- und Paarungsverhalten warnende oder auch verführende Wirkung erzielen soll. Darüber hinaus durch diese Fähigkeit die Kontrasterkennung deutlich verbessert – nicht unbedeutend in einer Unterwasserwelt, in der Kontraste leicht verschwimmen. Insgesamt sind die Augen der Fangschreckenkrebse mit 16 verschiedenen Typen von Sinneszellen ausgestattet. So sehen die skurrilen Tiere ihre Welt mit ganz anderen Augen als wir.

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