"Mögliche Zukunft seriös durchspielen"

Interview mit "2057"-Moderator Frank Schätzing

Frank Schätzing präsentiert den Zuschauern
"2057 - Unser Leben in der Zukunft". Mit dem Wissenschaftsthriller "Der Schwarm" gelang dem Schriftsteller und Komponist 2004 der internationale Durchbruch.


ZDFonline: In einigen Ihrer Bücher blicken Sie weit in die Welt der Zukunft. Schätzen Sie Prognosen dieser Art auch als Thema für filmische Dokumentationen?



Frank Schätzing: Natürlich! Wissensvermittlung und Entertaining ergänzen sich in hervorragender Weise. Fernsehdokumentation, Kinofilme, Bücher - damit erreichen wir Millionen Menschen aus jeder Bevölkerungsschicht. Die meisten Leute begrüßen es, auf nicht akademischem Wege mehr über unsere Welt und die Zukunft zu erfahren. Solange Seriosität nicht dem Effekt geopfert wird, ist alles erlaubt.


ZDFonline: Warum lohnt es sich aus Ihrer Sicht, dass wir uns mit der Zukunft beschäftigen?


Schätzing: Es lohnt sich nicht nur, es ist unumgänglich. Wie wollen wir die Zukunft gestalten, wenn wir uns nicht beizeiten mit der Frage auseinandersetzen, welche Zukunft wir haben wollen? Es ist ja keineswegs so, dass uns in 20 Jahren spezifische Umstände erwarten, auf die wir uns einzurichten haben. Wir stellen die Weichen heute, hier und jetzt, jeder von uns. Wer weg sieht, darf sich hinterher nicht beschweren, es sei anders gekommen als gewünscht.


ZDFonline: Was reizt Sie an dem Doku-Drama "2057 - Unser Leben in der Zukunft"?


Schätzing: Wir haben heute erstaunliche Möglichkeiten, unsere Visionen auf dem Bildschirm wahr werden zu lassen. Damit können wir zum einen unseren Spieltrieb befriedigen. Zeitreisen sind nicht von ungefähr das Lieblingsthema fast aller Science-Fiction Autoren.

Entscheidend ist aber, dass wir die vielen unterschiedlichen philosophischen und technologischen Denkansätze unserer Generation in ein Gesamtbild fügen können, um zu sehen, welche Ansätze sich ergänzen und welche einander ausschließen. "2057" ist - wenn man so will - ein Simulator, in dem wir eine mögliche Zukunft durchspielen. Und zwar so lebensnah, dass es nicht nur Theoretiker interessiert.


ZDFonline: Die nächsten fünf Jahrzehnte können für uns Menschen noch viele Überraschungen bereithalten. Ist es eigentlich möglich, über einen Zeitraum von 50 Jahren Vorraussagen über die Zukunft zu wagen?


Schätzing: Nein. Wir können die Gegenwart nicht endlos hochrechnen. Vier, fünf Jahre vielleicht, dann versagt die Prognostik. Wir wissen nicht, in welchem Maße der nächste Terroranschlag die Wirtschaft beeinflussen wird, ob und wann er erfolgt, ob übermorgen ein Meteorit einschlägt oder sonst etwas Unerwartetes unsere Prognosen über den Haufen wirft. Aber selbst ohne solch spektakuläre Ereignisse können wir nur bedingt Voraussagen treffen.

In wenigen Jahren wird sich die Zukunft in einen Busch möglicher Szenarien auffächern, die alle eintreffen können oder auch nicht. Das Schicksal der Welt vollzieht sich nicht linear, es erwächst aus einem unüberschaubaren Kausalitätengeflecht, das sich jede Sekunde neu formt. Diese eine Zukunft, der wir ausgeliefert sind, gibt es also nicht. Und das ist ermutigend. So können wir die Wahrscheinlichkeit unserer Lieblingsszenarien begünstigen, indem wir unser Handeln darauf ausrichten.


ZDFonline: Computer und Mobiltelefon haben in den letzten beiden Jahrzehnten wie keine anderen Erfindungen unser globales Leben verändert und geprägt. Welche Entwicklung oder Technologie, könnte unserer Welt im Jahre 2057 einen Stempel aufdrücken?


Schätzing: Potenziell jede. Noch einmal: Die Frage ist nicht, welche Technologien und Entwicklungen uns 2057 erwarten, sondern welche wir dann gerne hätten. Die Antwort müssen wir heute geben. Welche Technologien wollen wir? Was möchten wir um jeden Preis vermeiden? Es liegt an uns.


ZDFonline: Wo sehen Sie die Chancen und die Risiken der nächsten 50 Jahre?


Schätzing: Die Chance ist, dass nie zuvor eine Gesellschaft über ein derartig umfassendes Wissen verfügte. Wir können uns Zugang zu jeder gewünschten Information verschaffen. Wenn es uns gelingt, dieses unglaubliche Wissen zu bündeln und all die Milliarden und Abermilliarden Wissens- und Informationsfragmente, die uns täglich erreichen, in ein Gesamtpanorama zu überführen, dann werden unsere Zukunftsentwürfe vielleicht die besten und nachhaltigsten sein, die es je gab.

Doch genau hier liegt auch das Risiko. Verlieren wir den Überblick, wird die Informationsflut allenfalls dazu führen, unseren Unverstand zu erweitern. Dann werden wir alles über eine Kuh wissen - nur nicht, dass sie eine Kuh ist.

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