Mysteriöse Hintermänner

Wer animierte Peruggia zum Diebstahl?

Nach über zwei Jahren kehrt die Mona Lisa in den Louvre zurück. Doch was in diesen zwei Jahren geschah, ist bis heute nebulös. Der Dieb war ein einfacher italienischer Arbeiter, der im Louvre dafür zuständig war, Sicherheitsverglasungen anzubringen. Doch damals wie heute traut kaum jemand diesem Mann zu, die Tat alleine ausgeklügelt zu haben. Zwei mögliche Auftraggeber stehen zur Debatte. Ein argentinischer Hochstapler und ein deutscher Agent.

Der Dieb Peruggia hält das Bild der Mona Lisa in seinen Händen. (Spielszene)
Der Dieb Peruggia hält das Bild der Mona Lisa in seinen Händen. (Spielszene) Quelle: ZDF

Die Recherchen nach den Hintermännern des Raubs führen den Kunsthistoriker Jerôme Coignard zunächst in die USA. Der amerikanische Journalist Karl Decker will den wahren Auftraggeber Peruggias Anfang der 30er Jahre interviewt haben: den geheimnisvollen Marques de Valfierno. In Washington D.C. leitete Karl Decker das Büro des "New York Journal", dem Flaggschiff des Verlegers Randolph Hearst. Karl Decker war einer seiner erfolgreichsten Autoren.

Genialer Plan

Als sein Enthüllungsbericht erschien, nannte ihn die Los Angeles Times "die plausibelste bisher gegebene Erklärung für den seltsamen Diebstahl der Mona Lisa". Der Artikel aus der "Saturday Evening Post" aus dem Jahre 1932 besteht aus einem Interview, das Karl Decker mit dem Marques de Valfierno geführt haben will, der - wenn man dem Interview trauen kann - einen genialen Plan ausheckte.

Valfierno, der sich als argentinischer Adliger ausgibt, soll bereits 1910 versucht haben, Peruggia zu überzeugen, die Mona Lisa zu stehlen - aus patriotischer Pflicht. Decker beschreibt Valfiernos Plan in allen Details. Noch vor dem Raub habe er von einem Fälscher sechs Kopien der Mona Lisa anfertigen lassen und diese soll er nach Amerika verschifft haben. Dort sollen sie in einem Tresor gelegen haben, bis sich die Schlagzeilen über den Raub der Gioconda überstürzten. Dann soll er jede einzelne Kopie als gestohlenes Original verkauft haben, für umgerechnet 60 Millionen Dollar. Die echte Mona Lisa brauchte er dazu nicht. Bei Peruggia hat er sich nie mehr gemeldet. Eine phantastische Geschichte. Doch ist sie nicht einfach eine Erfindung des sensationslüsternen Reporters Decker?

Mona Lisas in Übersee gesucht

Um 1900 kauften amerikanische Selfmademillionäre so viel alte Kunst wie möglich. Darunter auch viele Fälschungen. Später wurden aus den privaten Sammlungen meist Museen. Coignard bleibt nichts anderes übrig, als alle Museen, die eine Sammlung alter italienischer Meister haben, anzurufen und nach Kopien der Mona Lisa zu fragen, die um 1911 nach Amerika kamen. Im Walters Art Museum in Baltimore wird Coignard fündig: eine Privatsammlung des Eisenbahnmagnaten Henry Walters, der Anfang des 20. Jahrhunderts ganze Gemäldesammlungen von Europa nach Amerika verschiffen ließ, enthält ein Exemplar der Mona Lisa.

Die erste Expertise spricht für eine Fälschung. Das Gemälde ist auf Leinwand gefertigt und nicht auf Holz wie Leonardos Mona Lisa. Eine Röntgenuntersuchung des Bildes zeigt: Unter der Mona Lisa taucht ein zweites Gesicht auf. Es zeigt die auf den Kopf gedrehte Heilige Veronika mit dem Schweißtuch Jesu. Zu Leonardos Zeiten war Leinwand teuer, und so wurden Bilder oft übermalt. Aber auch Fälscher benutzten später gerne alte Leinwände, um den Eindruck eines sehr alten Kunstwerks zu erzeugen. Im Museumsarchiv sucht Coignard nach Anhaltpunkten, ob Henry Walters die gefälschte Mona Lisa wirklich 1911 erworben hat. In einer alten Akte findet er das Foto einer Ausstellung von 1909 - mit der Mona Lisa. Doch zu diesem Zeitpunkt hängt das Original noch im Louvre, unangetastet.

Der ominöse Deutsche

Doch Coignard ist fest davon überzeugt, dass Peruggia einen Auftraggeber gehabt hat. Alleine wäre er niemals auf die Idee gekommen, seinen Diebstahl als patriotische Heldentat auszugeben. Es muss also einen Hintermann gegeben haben. Zeitungsartikel, die nach Peruggias Verhaftung erschienen sind, könnten neue Hinweise geben. Doch die Berichterstattung im Fall Mona Lisa lässt nach der Rückgabe des Bildes schnell nach, und andere Themen beherrschen die Schlagzeilen: Der Erste Weltkrieg ist ausgebrochen. Europa versinkt in Schützengräben. Am 23. Mai 1915 tritt Italien auf Seiten der Entante, trotz eines Bündnisses mit Deutschland, in den Krieg ein.

Coignard findet heraus, dass sich Peruggia genau zu dieser Zeit bereit erklärt, dem französischen Journalisten, Georges Prade, alle offenen Fragen, zum Raub der Mona Lisa, zu beantworten. Dabei spricht er immer wieder von einem Deutschen in hoher Position, der ihn mehrfach zu dem Raub angestiftet haben soll - wie schon im Fall Valfierno aus patriotischen Gründen. Der ominöse Deutsche bietet Peruggia offen Hilfe bei der Rückgabe des Gemäldes nach Italien an. Doch laut den Aussagen im Interview wartet er vergeblich auf den Deutschen - zweieinhalb Jahre lang.

"Agent provocateur"

Steckt doch, wie die französische Propaganda gleich nach dem Raub vermutete, ein Deutscher hinter dem Diebstahl? Der Journalist Prade bezeichnet ihn in seinem Artikel als "Agent provocateur", als einen Spion der in Frankreich Unruhe stiften sollte. Hat am Ende doch der deutsche Kaiser persönlich den Befehl zum Raub des Nationalschatzes aus dem Louvre gegeben, um Frankreich zu demütigen?

Frankreich hatte Deutschland, wie andere Nachbarländer auch, sofort nach dem Raub um Amtshilfe gebeten. Im Berliner Archiv im Auswärtigen Amt finden sich gleich mehrere Aktenordner zum Fall Mona Lisa. In den Überwachungsprotokollen verdächtiger Personen tauchen alte Bekannte auf: "Rosenberg Otto, Bildhändler israelitischer Herkunft, Religion, geboren am 19. September 1868 in Köln." Möglicherweise ist das der Mann, dessen Namen Peruggia nicht preisgeben wollte.

Deutliche Hinweise im Berliner Archiv

Akteneintrag, Archiv Auswärtiges Amt, Berlin: "Rosenberg ist der hiesigen Kriminalpolizei bekannt. Er ist hier geboren, er hält sich auch ab und zu hier auf. Er verkehrt in Spielerkreisen, gilt als Falschspieler, Betrüger in Gemälden, Teppichen, als Hochstapler auch als Kuppler und Mädchenhändler." Otto Rosenberg scheint der Auftraggeber in Hoher Position gewesen zu sein. Coignard findet noch einen weiteren bekannten Namen in den Akten: "Der Kunstkommissionaire Theodor Holz, Studemer Platz 1 kennt Rosenberg, hält ihn für einen Betrüger hat ihn oft mit Pinon zusammen gesehen".

Hier taucht die berüchtigte Pinon-Bande wieder auf, die die französische Polizei schon am Anfang im Visier hatte. "Trauen dem Rosenberg den Diebstahl der Mona Lisa zu. Sie halten ihn für einen Menschen, der zu allen Schlechtigkeiten fähig sei. Rosenberg gelte als Spion, Päderast, Zuhälter. Man treffe ihn auf den großen Kunstauktionen in Paris und London". Rosenberg hat also nicht für das Deutsche Reich sondern für eine Gangsterbande gearbeitet. Nach dem Aktenbefund hat nicht Vincenzo Peruggia den größten Raub aller Zeiten ausgeheckt, sondern ein verschlagener Krimineller aus Köln namens Otto Rosenberg.

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