Mythos Harem

Garten der Lüste oder Schlangengrube

Das Wort Harem leitet sich vom arabischen Haram ab. Es bedeutet so viel wie "verboten" oder "gesperrt " - aber auch "heilig". Das Verbot, Schweinefleisch zu essen, gehört für Muslime ebenso zur Sphäre des Haram wie die Heiligen Stätten von Mekka und Medina. In vielen islamisch geprägten Ländern sind die Häuser in zwei Bereiche unterteilt: einen, in dem man Gäste empfängt, und einen anderen, der Haram ist und in dem kein Fremder etwas verloren hat. Dort ist das Reich der Frauen.

Polygamie als Absicherung von Witwen

Krieger erobern Spanien von Gibraltar her
Krieger erobern Spanien von Gibraltar her Quelle: ZDF

Der Koran gestattet einem Muslim, bis zu vier Frauen zu heiraten. Im alten Orient war dies nichts Ungewöhnliches. Auch die jüdische Bibel kennt die Institution der Polygamie. Der Verlust an jungen Männern durch häufige Kriegszüge hatte einen Frauenüberschuss zur Folge. Die Vielehe war damit vor allem eine soziale Institution. Das zeigt auch der Kontext der entsprechenden Koranstelle: "Und wenn ihr fürchtet, ihr würdet nicht gerecht gegen die Waisen handeln, dann heiratet Frauen, die euch genehm dünken, zwei oder drei oder vier; und wenn ihr fürchtet, ihr könnt nicht billig handeln, dann heiratet nur eine." (Sure 4, 3).

Auch heute noch steht in islamischen Staaten, die die Vielehe gestatten, der Versorgungsaspekt im Vordergrund. In Marokko etwa muss ein Mann nachweisen, dass er in der Lage ist, für jede Frau einen eigenen Haushalt zu unterhalten und für die Kinder zu sorgen. Es liegt auf der Hand, dass die Polygamie schon aus diesem Grund in den meisten islamischen Ländern ein Ausnahmefall ist. Oft gilt sie dort, wo sie gestattet ist, inzwischen als altmodisch, provinziell oder sogar anrüchig. Ausnahmen bilden die Staaten Westafrikas, allen voran der Senegal, wo nach Schätzungen auch heute noch fast 40 Prozent der Frauen in polygamen Ehen leben.

Harem - eine verbotene Welt

Leben im Harem
Leben im Harem Quelle: ZDF

Die verbotene Welt des Harems hat die Fantasie der Europäer schon immer beflügelt. Bereits im 18. und 19. Jahrhundert entstanden Gemälde von überquellender Sinnlichkeit - mit üppigen, gelangweilten Frauen, die sich nackt im Bad räkeln und sich gegenseitig mit kostbaren Ölen massieren. Der Harem erscheint auf diesen Bildern als eine Art erotisches Schlaraffenland, in dem unzählige schöne Frauen darauf warten, einen einzigen Mann zu verwöhnen. Neben den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht lieferten die Berichte europäischer Diplomaten am Hof der Sultane den Stoff für diese Szenarien.

Topkapi voller Sklavinnen

Westliche Orientphantasie: Haremsdame
Westliche Orientphantasie: Haremsdame Quelle: ZDF

Zwischen drei- und fünfhundert Frauen lebten im Harem eines osmanischen Sultans - außer den legitimen Ehefrauen allesamt Sklavinnen. Die einzigen nichtweiblichen Wesen, die außer ihm im Harem verkehrten, waren die Eunuchen. Sie bewachten die Frauen und Mädchen nicht nur, sie erteilten ihnen auch Unterricht und nahmen Verwaltungstätigkeiten wahr. In der Hierarchie des Harems war die Sultansmutter, die Valide, bis weit ins 18. Jahrhundert hinein die Schlüsselfigur. Auch einige Konkubinen im Harem nutzten ihre Nähe zum Herrscher, um die Politik des Palastes zu beeinflussen.Zwischenzeitlich waren die Frauen im Topkapi so mächtig, dass Historiker von "Weiberherrschaft " oder dem "Zeitalter der Favoritinnen" gesprochen haben. Die Valide konnte als einzige Frau den Harem jederzeit verlassen und Kontakte nach außen unterhalten. Die meisten Haremsdamen dagegen waren im Mädchenalter als Sklavinnen - oft als Geschenk an den Sultan - in den Palast gelangt und verbrachten den Rest ihrer Tage im noblen Gefängnis. Die meisten unter ihnen bekamen ihren Gebieter selten oder gar nie zu Gesicht.

Särge toter Sultans(halb-)brüder im Topkapipalast
Särge toter Sultans(halb-)brüder im Topkapipalast Quelle: ZDF

Der Harem des Topkapi-Palastes war alles andere als eine Märchenwelt aus Tausendundeiner Nacht. Ganz im Gegenteil. Die große Kinderzahl und die unklare Nachfolgeregelung im Osmanischen Reich machten den Harem zu einer gefährlichen Schlangengrube, einer Hölle aus Eifersucht, Intrigen, Nachstellungen und sogar zum Tatort von Massenmorden. Sultan Mehmed III. etwa ließ am Tag seiner Amtseinsetzung im Jahr 1595 neunzehn seiner Brüder töten. Und auch für die Konkubinen, die von seinem verstorbenen Vater schwanger waren, war es der letzte Lebenstag. Mit den erotischen Fantasien europäischer Maler und Schriftsteller hatte der Harem tatsächlich wenig zu tun.

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