Nach zähen Verhandlungen zum Erfolg

Nach erfolgreicher Probe folgten im Jahr 2000 großflächige Grabungen

Für einen heutigen Wissenschaftler ist es kaum vorstellbar, dass die Fundstelle der Knochen in der Folgezeit kaum noch Beachtung erfuhr, zumal die gefundenen Gebeine in einem gut erhaltenen Zustand waren. Ein Zerfall der restlichen 200 Knochen des Skelettes war damit unwahrscheinlich. Wieso wurde also nach den fehlenden Knochen nicht mehr gesucht?

Eine bedeutende Rolle spielte dabei eine Falschaussage der 1856 am Fund beteiligten Steinbrucharbeiter. Diese hatten zwei Jahre nach der Entdeckung der Überreste unehrlich zu Protokoll gegeben, dass sie die Lehmreste gründlich durchsucht und anschließend zur Füllung von Spalten nutzten.

Völlig zerstörter Fundort

Hätten die Arbeiter preisgegeben, dass der abgetragene Lehm aus den beiden Höhlen noch genau dort lag, wohin sie ihn nach der Ausräumung geworfen hatten, hätte wohl schon Schaaffhausen eine weitere Grabung veranlasst. So aber nahm die Geschichte der Altsteinzeitforschung in Deutschland einen ganz anderen Verlauf. So kostete es die heutigen Forscher unzählige Mühen, allein den damaligen Fundort, die "Kleine Feldhofer Grotte", ausfindig zu machen. Diese und das gesamte Tal der Düssel waren im Zuge des Kalksteinabbaus völlig zerstört worden. Erst 1983 wurde ein erster ernsthafter Versuch unternommen, den Fundort von 1856 zu lokalisieren.



Gerhard Bossinski, Professor am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität zu Köln, gab die Suche nach den Überresten des Neandertalers jedoch 1985 auf. Die Überzeugung, dass weitere Knochenteile des Neandertalerskelettes aus dem Tal der Düssel noch heute dort liegen, gab er jedoch an seine Studenten weiter. So auch an die Magisterkandidaten für Archäologie und Urgeschichte Ralf W. Schmitz und Jürgen Thissen. Sie machten es sich zur Aufgabe, jene Stelle im Neandertal wieder zu finden, wo einst die namengebenden Knochen entdeckt worden waren.

Lang ersehnte Etappe

1997 stand für die zwei Archäologen vom Rheinischen Amt für Bodendenkmalpflege die lang ersehnte erste Etappe an. Nach zähen Verhandlungen hatten sie eine Grabungsgenehmigung im Neandertal erhalten. Den Grabungsort, der sich am südlichen Ufer der Düssel erstreckte, hatten Schmitz und Thissen in akribischer Vorarbeit anhand der Originalbeschreibungen des Lehrers Johann Carl Fuhlrott erarbeitet. Die langwierige Recherchearbeit der Archäologen sollte sich auszahlen.

Der Neandertaler war nicht allein

Am letzten Tag der zweiwöchigen Probegrabungen stießen sie tatsächlich auf das Lehmmaterial, in dem 1856 die ersten Knochen geborgen worden waren. Einige Steingeräte, Tierknochen und Splitter von Menschenknochen kamen zum Vorschein. Unter den Stücken befand sich der Beweis dafür, dass sie Teile von demselben Neandertalerskelett gefunden hatten, das erstmals 1856 entdeckt worden war: Ein kleines Knochenfragment aus dem Höhlenschutt konnte zweifelsfrei an den linken Oberschenkel des Neandertalers von 1856 angepasst werden. Das Projekt "Neandertaler" bekam aufgrund dieser Funde einen offiziellen Charakter.


Im Jahr 2000 wurden die Grabungen großflächig fortgeführt. Dabei wurden rund 100.000 Stücke (Steingeräte, Knochen, Kleinsäugerknochen) gefunden, wovon 62 Funde sicher als menschliche Knochenfragmente identifiziert werden konnten. Höhepunkt der Grabungsfunde stellten zwei Stücke des Schädels (Jochbein und ein Teil des Hinterhauptes) dar, die exakt an die 1856 gefunden Kalotte passten. "Der Neandertaler", erinnert sich Schmitz, "blickte uns erstmals an." Außerdem ist seit diesem Grabungstag klar: Der Neandertaler lag nicht allein in seiner Höhle. Thissen und Schmitz stießen auf Überreste eines zweiten grazileren Exemplars, vermutlich einer Frau, sowie auf einen Milchbackenzahn eines Kindes.

Die Geschichte des Neandertalers hatte durch die Nachgrabung von Schmitz und Thissen eine Fortsetzung gefunden. Ob sie damit zu Ende ist? Lassen wir uns überraschen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet