Neapel zwischen zwei Hotspots

Brisante Lage erfordert besondere Überwachung

Im Verlauf der Jahrhunderte ist der Vesuv in sehr unregelmäßigen Abständen und mit ganz unterschiedlicher Stärke ausgebrochen. Eine genaue Prognose ist daher sehr schwierig. Aus diesem Grund wird er seit Mitte des 19. Jahrhunderts ständig überwacht. Eine weitere nicht unwesentliche Bedrohung stellt ein noch "junges" Vulkanfeld dar: die Phlegräischen Felder.

Junges Vulkanfeld La Solfatara Quelle: ZDF

Das Vesuvobservatorium in Neapel ist eines der ältesten Vulkanbeobachtungsstation der Welt. Heute wird der Vesuv mit modernster Technik rund um die Uhr überwacht. Die Daten kommen per Funk direkt vom Berg. Das Ziel: den Vulkan berechenbarer zu machen und herauszufinden, wie der Vulkan funktioniert. Trotz modernster Überwachungstechnik sind Messungen von Expertenteams vor Ort im 300 Meter tiefen Krater notwendig. Sie ergänzen die Daten der automatischen Messstationen. Neben Erdbewegungen behalten die Vesuvspezialisten die Bodentemperatur und Schwankungen der Gaszusammensetzung im Blick. Jede Veränderung kann ein Alarmzeichen sein.

Messungen im Krater des Vesuv Quelle: ZDF

Verzweigtes Magmabecken

Modernste Untersuchungsmethoden ermöglichen es auch unter den Kraterboden zu schauen. Erst seit wenigen Jahren weiß man präzise, wie es dort aussieht. Rund um den Berg wurden mobile Messstationen gebaut. Eine Art Computertomographie durchleuchtet den Berg regelrecht. Künstlich erzeugte Schallwellen werden durch den Krater geschickt, gemessen und optisch aufbereitet. Dabei stoßen die Wissenschaftler acht Kilometer unter dem Vesuv auf etwas, das ihre Erwartungen weit übertrifft: ein verzweigtes Magmabecken - von einer Gesamtfläche vier Mal größer als die Stadt Neapel. Sie finden durch diese Untersuchungen bestätigt, was schon länger bekannt ist: im Schlot des Vesuvs steckt ein Kilometer langer Pfropfen aus fest verbackenem Vulkanmaterial, der den Krater hermetisch abriegelt.

Computeranimation Pfropfen im Schlot des Vesuv Quelle: ZDF

Was bedeutet das für Neapel? Welche konkreten Gefahren bringt solch ein Ausbruch mit sich? Zum einem sind die Lavaströme gefährlich, die mit relativ niedriger Geschwindigkeit fließen. Zum anderen das im Schlot zerrissene Material, was in die Luft geschleudert wird. Neben Asche werden vor allem größere Gesteinsbrocken zur unmittelbaren Gefahr. Die mit Abstand größte Gefahr sind jedoch die bis zu 500 Grad heißen Glutlawinen, so genannte pyroklastische Ströme. Gemische von feinem vulkanischem zerrissenen Material und Gasen fließen mit großer Geschwindigkeit die Hänge eines Vulkans bis in die Vorstädte.

Ein Jahr ohne Sommer

Große Vulkanausbrüche haben in der Regel nicht nur lokale, sondern auch globale Auswirkungen. Ein klassisches Beispiel ist der Ausbruch des tropischen Tambora-Vulkans vor etwa 200 Jahren, der selbst noch in Mitteleuropa drastische Auswirkungen hatte und zu Überschwemmungen und großen Missernten führte.

Von dieser enormen Fernwirkung des indonesischen Vulkans ahnte man zunächst viele Jahre nichts. Doch dann fiel den Wissenschaftlern etwas auf: weltweit zeigen alle historischen Wetteraufzeichnungen aus dem Jahr nach dem Ausbruch, eine merkwürdige Übereinstimmung: 1816 gibt es keinen Sommer. Vielerorts liegen die Temperaturen weit unter dem Durchschnitt - Hinweis auf eine globale Klimaveränderung. Heute gilt als gesichert: Auslöser war der Tambora-Ausbruch.

Globale Abkühlung

Auch bei einem großen Ausbruch des Vesuv würde die Mischung aus Gasen und Partikeln bis in die Stratosphäre - 20 Kilometer hoch - steigen. Anschließend fallen die Partikel nach ein paar Tagen auf die Erde. Aus den Schwefelgasen würden in wenigen Wochen Schwefelsäuretröpfchen entstehen, die so genannten Aerosole. Diese können in der Stratosphäre sehr lange verbleiben. Sie können sich um den Erdball herumlegen, beeinflussen dann den Strahlungshaushalt der Atmosphäre, sie reflektieren Sonnenlicht zurück in den Weltraum, das führt zu einer globalen Abkühlung.

Phlegräische Felder Quelle: ZDF

Gegenüber vom Vesuv gibt es ein junges Vulkanfeld, die Phlegräischen Felder - und auch die Stadt Neapel hat sich weit dahin ausgedehnt. Weil es auch aktiv ist, wird es ständig und intensiv von der Wissenschaft überwacht. La Solfatara ist der aktivste Teil der "Brennenden Felder". Überall zischt und dampft es. Schwefelgase erinnern an den Geruch von faulen Eiern. Eine unwirtliche Szenerie - für die sich nicht nur Forscher interessieren. Wie "die Pforte zur Hölle" erscheint manchen Touristen diese Vulkanwelt. Die antiken Vorfahren glaubten, dass sich hier der Eingang zur Unterwelt befände. Für die Wissenschaftler ist es ein Beleg dafür, dass die Erde weit unten immer noch heftig in Bewegung ist. Die Dimensionen des gesamten Vulkanfeldes erschließen sich erst aus der Weltraumperspektive. Über 40 Eruptionsöffnungen, verteilt auf einer Fläche größer als die Stadt Neapel. Nur aus einem kleinen Teil dringen noch heiße Dämpfe. In anderen Kratern hat man längst wieder gebaut.

Druck durch Magmakammer

Es gibt weitere Indizien dafür, dass die Erde in dieser Region immer noch sehr aktiv ist. Ein Beleg findet sich in der kleinen Hafenstadt Pozzuoli. Am Rand des Vulkanfeldes stößt man auf eine seltsame Kaimauer. Wo noch vor 20 Jahren das Wasser des Hafenbeckens die Mauer umspülte, ist jetzt eine Straße. Der gesamte Kai musste tiefer gelegt werden, weil die Schiffe nicht mehr festmachen konnten: Der Grund: die Erde hat sich um über drei Meter angehoben. Und sie tut es immer noch, um drei Zentimeter im Jahr. Verursacht durch den Druck einer Magmakammer unter den Phlegräischen Feldern.

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