"Neue Erkenntnisse über den Limes"

Drei Fragen an "Schliemanns-Erben"-Initiatorin Gisela Graichen

Gisela Graichen, geboren in Stendal, studierte Publizistik, Rechts- und Staatswissenschaften und ist diplomierte Volkswirtin. Als Fernsehautorin entwickelte Gisela Graichen ab 1989 für das ZDF die preisgekrönten Sendereihen "Schliemanns Erben", "Humboldts Erben", "C 14 - Archäologische Entdeckungen in Deutschland", "Deutsche Kolonien" und "Troja ist überall".

Gisela Graichen
Gisela Graichen Quelle: ZDF,Wolfgang Lehmann

ZDF: Wozu diente der Limes?

Gisela Graichen: Eine überraschende Antwort geben uns die neuen archäologischen Grabungen und naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse. Das Wort "limes", Mehrzahl "limites", bedeutet ursprünglich nicht mehr als eine "Schneise", ein Patrouillenweg, eine Kontrollzone. Schon Tiberius ließ nach der Varus-Katastrophe breite, schnurgerade Bahnen zum Vormarsch seiner Legionen in die germanischen Wälder schlagen. Im Sinne einer militärisch besetzten Grenze verwendete erstmals Tacitus den Begriff. Später wurde daraus allgemein die Bezeichnung für die Demarkationslinie des römischen Geltungsbereichs an den Außenrändern des Imperiums in Britannien, den Donauprovinzen, dem Balkan bis in den Orient und die Sahara.

Friedliche Grenze

Die Scheidelinie zwischen Zivilisation und Wildnis war kein unüberwindliches Verteidigungsbollwerk, keine undurchdringliche Festungsanlage, kein Eiserner Vorhang mit Todesstreifen. Sondern eine Zoll- und Wirtschaftsgrenze mit zahlreichen Passierstellen, um Menschen- und Warenströme zu kontrollieren. So die heutige Interpretation, die von der Einschätzung früherer, eher militaristisch denkender Jahrhunderte abweicht. Wie einer der Wissenschaftler sagte: Nicht für den Krieg, für den Frieden war der Limes errichtet.

Limes bei Carnuntum an der Donau
Limes bei Carnuntum an der Donau Quelle: ZDF,Resa Asarschahab

ZDF: Was bedeutet der Status als UNESCO-Weltkulturerbe?

Graichen: Das Ziel aus Sicht der Denkmalpflege ist der bessere Schutz des Limes vor Zerstörung und achtloser Vernachlässigung, also die Sicherung des Limes in seinem originalen Bestand als Denkmal und als archäologische Quelle für die Forschung jetzt und für künftige Generationen. Die Denkmalpfleger wollen den dauerhaften Schutz des Limes gewährleisten, vor allem angesichts der Zerstörungen am Limes, die in großem Ausmaß erst in der Nachkriegszeit erfolgt sind, durch die zunehmende Zersiedelung der Landschaft mit Neubaugebieten, den Abbau von Bodenschätzen und der Intensivierung der Landwirtschaft.

Historische Bedeutung vermitteln

Als unmittelbare Aufgabe folgt daraus beispielsweise, die Limes-Abschnitte, an denen heute noch intensiv Landwirtschaft betrieben wird, aus der Bewirtschaftung herauszunehmen. Die Flächen sollen in öffentliche Hand übernommen werden, um sie im Sinne der Denkmalpflege besser schützen zu können. Ein weiteres Ziel ist, der Öffentlichkeit die Erkenntnisse über den Limes und seine historische Bedeutung zu vermitteln, denn man kann nur das schützen, was man auch kennt. Der Limes soll als attraktives Denkmal präsentiert werden, einzelne Abschnitte besser herausgestellt und zugänglich gemacht werden. Dazu will das Team der ZDF-Dokumentarreihe "Schliemanns Erben" mit dem Limes-Zweiteiler beitragen.

Grabung am Kastell in Dambach
Grabung am Kastell in Dambach Quelle: ZDF,Resa Asarschahab

ZDF: Wie haben die modernen archäologischen Methoden die Limes-Forschung verändert?

Graichen: Es ist heute aufgrund neuer Technologien möglich geworden, neue Fragen an alte Zeiten zu stellen. Beispielsweise wurden mit verfeinerter Ausgrabungstechnik die älteren Holzbauphasen der Kastellplätze und die Strukturen der Zivilsiedlungen festgestellt, mit Hilfe der Luftbildprospektion konnten weitere Militäranlagen, römische Gutshöfe und Straßen in Hinterland entdeckt werden. Das stellt den Limes in einen größeren Zusammenhang. Dazu haben auch Detail-Ergebnisse archäologisch-physikalischer Messmethoden, also Magnetik, Elektrik und Bodenradar beigetragen.

Differenziertere Sicht

Der neueste Trend ist das flugzeuggestützte Laserscanning, mit dem sich die Geländeoberfläche großflächig aufnehmen lässt, aber auch schwach ausgeprägte Geländedenkmäler im Umfeld des Limes erfasst werden können. Dies alles zusammen ergibt eine differenziertere Sicht der römischen Besiedlungsgeschichte, als sie zuvor möglich war. Naturwissenschaftliche Untersuchungen, beispielsweise die Archäobotanik, chemische Analysen oder die Anthropologie, liefern ergänzend dazu Erkenntnisse zu den damaligen Lebensbedingungen. Die Forscher wissen mittlerweile, von welchen Kultur- und Wildpflanzen die Römer lebten, welches Vieh sie züchteten, wie die Tiere geschlachtet wurden. Mich hat besonders fasziniert, dass die Besatzungen der Wachttürme entlang des Limes mit "Essen auf Rädern" versorgt wurden. Sie bekamen ihr Fleisch in vorportionierten Rationen angeliefert.

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