Neue Zusammenhänge der Geschichte entdecken

Interview mit Professor Dr. Joachim Radkau

Seit 1980 ist Joachim Radkau Professor an der Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie der Universität Bielefeld. Die Fragen zu neuen Erkenntissen im Rahmen der Arbeit für den Terra X-Zweiteiler und zur interdisziplinären Heransgehensweise stellte Magda Huthmann.

Historiker Professor Dr. Joachim Radkau
Historiker Professor Dr. Joachim Radkau

ZDF: Umweltwissenschaft, Ökowissenschaft, Ökologie - ist das alles dasselbe?

Joachim Radkau: Nein. Im alltäglichen Sprachgebrauch wird zwar oft so geredet, als bedeute das alles so ziemlich das Gleiche; aber das ist unpräzise. "Umweltwissenschaft" ist ein Oberbegriff, der über wissenschaftliche Spezialdisziplinen hinausreicht. "Ökologie" dagegen meint eine Spezialdisziplin, und zwar eine biologisch-naturwissenschaftliche. Zur Umweltwissenschaft im weiteren Sinne gehört auch die Umweltge-schichte. Als Historiker muss man die Grenzen der Spezialdisziplin Ökologie zu überspringen suchen; wie das geschehen kann, führt diese TV-Doku eindrucksvoll vor. "Ökowissenschaft" ist Slang.

ZDF: Ist die "Öko"-Orientierung in der Wissenschaft ein neuer Trend?

Radkau: So ganz neu kann man ihn heutzutage nicht mehr nennen. Man hat ziemlich genau auf das Jahr 1970 international eine "ökologische Revolution" datiert. Damals wurde mit merkwürdiger Plötzlichkeit die Umweltpolitik erfunden: gleichzeitig in Washington, Bonn, Paris und anderswo. Dabei spielten von Anfang an Wissenschaftler eine führende Rolle, wenn auch die Umweltpolitik stets Kritik enthielt an einer Art von Wissenschaft, die technische Großprojekte (Kerntechnik, Gentechnik, Raketenwettlauf im Weltraum) legitimierte.

ZDF: Welche Rolle spielen Sie bei der TV-Produktion "Der geheime Kontinent"? Was ist Ihre Aufgabe?

Radkau: Es geht ja in dieser historischen Doku um den Aufeinanderprall des alteuropäischen und des altamerikanischen Ökosystems im Gefolge der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus. Ich bin vor allem über das alteuropäische Ökosystem befragt worden, außerdem über die Art und Weise, wie die Wald- und Holzwirtschaft in diese welthistorische Wende hineinspielte. In meinem Buch "Natur und Macht - Eine Weltgeschichte der Umwelt" (2000) habe ich mich mit den Thesen Alfred Crosby's auseinandergesetzt, auf denen diese Sendung beruht, und auch den europäischen Sonderweg in der Umweltgeschichte darge-stellt; in meinem Buch "Holz - Wie ein Naturstoff Geschichte schreibt" (2007) mit dem Faktor Holz in der Weltgeschichte. Auch dort gibt es einen europäischen Sonderweg.

ZDF: Haben Sie neue Erkenntnisse bei der Arbeit an dem Zweiteiler gewonnen?

Radkau: Am meisten hat mich fasziniert und frappiert, auf welch rasante Art das Filmteam neue historische Einsichten in ganz vereinfachter Form optisch umgesetzt hat. Außerdem habe ich einiges hinzugelernt oder mich wieder erinnert gefühlt: so die Bedeutung der Truthähne für die Azteken, die Erkenntnisse über den Untergang der Anasazi-Kultur in Arizona aus der Analyse von Rattenexkrementen, über die Bienen als Akteure bei der Eroberung der "Neuen" Welt und über die im Urwald des Amazonas entdeckten Spuren früherer großflächiger Besiedlung. Besonders diese letztgenannte Entdeckung ist eine wirkliche Sensation der jüngsten Zeit.

ZDF: Verändern sich durch die ökowissenschaftliche Betrachtungsweise unsere bisherigen Annahmen über die Entdeckung Amerikas?

Radkau: Ich denke schon. Wir begreifen jetzt die Eroberung der "Neuen" Welt durch die Spanier nicht mehr so sehr wie früher als Helden- bzw. Schurkengeschichte (je nach Sichtweise), als Geschichte von Cortez und Pizarro, sondern auch als ein Stück Naturgeschichte, wo Pferde, Schweine, Schafe und - last but not least - Mikroben zu den Haupt-akteuren gehören. Die Umweltgeschichte handelt ganz zentral von unbeabsichtigten Folgen des menschlichen Handelns, also von einem Thema, dessen Aktualität immer noch steigt. Auch die Erkenntnis, dass vieles von der amerikanischen Wildnis nicht ursprünglich ist, sondern erst durch die Dezimierung der Altamerikaner durch die von den Spaniern eingeschleppten Seuchen entstand, wirft herkömmliche Geschichtsbilder über den Haufen.

ZDF: Warum ist es sinnvoll, mit der Umweltwissenschaft an geschichtliche Themen heranzugehen?

Radkau: Man entdeckt auf diese Weise ganz neue Zusammenhänge der Geschichte, und zwar auf ganz verschiedenen Ebenen: auf lokaler, aber auch auf welthistorischer Ebene. Schon seit prähistorischer Zeit be-gann das Gleichgewicht zwischen Mensch und Umwelt gestört zu werden; und dieser Störung entsprang im Laufe der Jahrtausende viel historische Dynamik. Um das zu entdecken, muss man den Dingen auf den Grund gehen. Die Vereinigung von Geschichte und Natur ist ein verheißungsvolles Projekt: Die Geschichte bekommt dadurch mehr Farbe und pralles Leben, und sie wird auch realistischer. Am Ende sind die großen Männer mit ihren Kriegen nicht mehr so wichtig. Bei aller unendlichen Vielfalt im Detail gewinnt die Geschichte, sobald wir die Natur einbeziehen, doch große Linien: Das lässt diese TV-Sendung sehr eindrucksvoll erkennen. In einer Zeit, wo viele konventionellen historischen Themen ausgelutscht sind, kann man hier eine neue Art von Spaß an der Geschichte finden.

ZDF: Was versteht man unter dem "Columbian Exchange"?

Radkau: Das war der Titel eines zuerst 1972, in der Zeit der "ökologischen Revolution", erschienenen Buches von Alfred Crosby, das den Untertitel trug: "Biological and Cultural Consequences of 1492". Es handelt davon, wie mit der Entdeckung Amerikas durch Columbus zugleich ein transatlantischer Austausch biologischer Arten einherging. Die "Alte" Welt übernahm von der "Neuen" vor allem Anbaupflanzen: Mais, Kartoffeln, Tabak, Paprika. Die Ökosysteme der "Neuen" Welt dagegen wurden besonders durch die von den Spaniern mitgebrachten Tiere von Grund auf verändert: Pferde, Schweine und Schafe. Die Tiere vermehrten sich dort viel rascher als die Menschen; sie bahnten den Konquistadoren den Weg.

Am allerschlimmsten jedoch die Bakterien der "Alten" Welt, gegen die die Altamerikaner keine Abwehrstoffe hatten: vor allem Pocken- und Grippeerreger. Die einzige Revanche Ame-rikas bestand in der anscheinend von dort nach Europa eingeschleppten Syphilis. Crosby kam von der Seuchengeschichte her. Noch mehr Furore machte er mit seinem Buch "Ecological Imperialism" (1986; deutscher Titel: "Die Früchte des weißen Mannes"), in dem er den Zusammenhang zwischen der biologischen Fracht der spanischen Schiffe und der Eroberung der "Neuen" Welt schärfer und provokativer herausarbeitet. Sehr viele der Fakten waren eigentlich schon früher bekannt; aber erst musste ab 1970 das Zeitalter der Ökologie kommen, damit man sie in ihrer ganzen Bedeutung ernst nahm und im großen Zusammenhang sah. Ein exzellentes Beispiel, wie durch neue Herausforderungen der Gegenwart auch die Geschichte neu entdeckt wird.

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