Neuer Forschungsansatz

Objektivere Betrachtung

Die Pergamentrollen aus den Höhlen, die Berichte der Chronisten und die Ausgrabungen von de Vaux scheinen sich perfekt zu ergänzen. Sie führten zu dem Schluss: In Qumran lebten Essener, verfassten heilige Texte und benutzten die Höhlen als Versteck. Doch immer mehr Archäologen sehen keine zwingende Verbindung zwischen den Siedlern auf dem Plateau und den Schriften aus den Höhlen.

Der neue Forschungsansatz plädiert für weitere Grabungen, eine objektivere Betrachtung der bisherigen Funde und die Einbeziehung des regionalen Umfelds.

Mitten in der Wüste?

Das heißt: Wie sah das Land ums Tote Meer vor über 2000 Jahren aus? War Qumran wirklich ein klösterliches Anwesen - mitten in der Wüste?

An der Brown University in Providence, Rhode Island, fand im November 2002 die erste, rein archäologische Qumran-Konferenz statt. Die US-amerikanische Presse widmete dem Ereignis sogar Titelstorys.

Qumran-Essener-Modell hat ausgedient

Der magische Ort, seine Funktion und die Bewohner lassen die Forscher auch diesmal nicht zu einem Konsens finden. Kein einfacher Dialog - liegen doch Archäologie und Theologie, Wissenschaft und Glaubensinhalte eng beieinander. Schriften und Niederlassung galten bisher als untrennbare Einheit.

Fachleute fordern nun, die Ruinenstätte unabhängig von den Manuskripten zu untersuchen. Für Archäologen, die sich mit der Siedlungsgeschichte am Toten Meer beschäftigen, hat das Qumran-Essener-Modell längst ausgedient. Vor allem die angeblich exklusive Lage des Platzes zweifeln sie an. Sie fordern Vergleiche mit Orten aus dem Umkreis.

Florierender Handel?

Welche wirtschaftliche Bedeutung hatte damals die Region am Salzmeer - am tiefsten Punkt der Erde? Vor 2000 Jahren lag der Wasserspiegel um etwa zwei Meter höher als heute. Darin stimmen die Experten überein. Der israelische Professor Yizhar Hirschfeld fahndet nach Beweisen dafür, dass der Landstrich stark frequentiert war und keine unwirtliche Einöde, wie die alten Schriftsteller suggerieren. Der Forscher findet in der nähe von Qumran alte Münzen am Toten Meer.

Der Gelehrte deutet den kleinen Schatz als überzeugenden Hinweis auf florierenden Handelsverkehr im Altertum. Ein Anker auf der einen Seite, ein Stern auf der anderen. Geldstücke aus dem 1. Jahrhundert vor Christus, der Regierungszeit von Alexander Jannäus. Damals gängiges Zahlungsmittel - sicher auch für die Bewohner von Qumran. War das Tote Meer vielleicht gar nicht so tot? Sein Salz galt seit jeher als Exportschlager.

Neubewertung

Der Theologe Jürgen Zangenberg bewertet die Ruinen von Qumran unabhängig von den einzigartigen Texten. Der neue Ansatz bedeutet: In der Siedlung gibt es nichts typisch Essenisches. Nicht einmal Küche und großer Saal lassen den zwingenden Rückschluss auf eine besondere Gemeinschaft zu.

Selbst die Schriftrollenkrüge können nicht als Beweis für eine essenische Gemeinde durchgehen. Auch dann nicht, wenn sie in der Siedlung hergestellt und vor Ort gebrannt wurden. Zangenberg geht davon aus, dass damals zwei Manufakturbereiche existierten. Vielleicht eine Schmiede, auf jeden Fall aber eine Keramikwerkstatt mit Öfen und Schlämmbecken für den Ton. Solche Anlagen sind im Nahen Osten nach wie vor in Gebrauch. Die Einheimischen brennen darin Schüsseln und Krüge - wie vor 2000 Jahren.

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