Nicht nur Haie sind bedroht

Die Überfischung der Weltmeere

Bisher waren die Weiten der Weltmeere für uns ein scheinbar unerschöpflicher Selbstbedienungsladen. Doch damit ist bald Schluss, denn die Ozeane stehen kurz vor dem Kollaps: Sie sind bis an ihre Leistungsgrenzen abgefischt. Über drei Viertel aller Bestände gelten nach neuesten FAO-Zahlen als vollständig ausgebeutet, übermäßig befischt oder schon erschöpft.

Köpfe von toten Haien
Köpfe von toten Haien Quelle: Sven Bender

Vor allem die Supertrawler der Europäischen Union dezimieren die Fischbestände in einem rasenden Tempo. Rund 4,5 Millionen Tonnen Fisch, Krustentiere und Muscheln bringen EU-Schiffe pro Jahr an Land. Getötet aber werden deutlich mehr. Es sind schwimmende Fischfabriken, technisch perfektionierte Maschinen des Massenfangs. Mit Grundschleppnetzen von bis zu 100 Meter breiten Öffnungen zerpflügen die Trawler den Meeresgrund. Sie reißen ganze Riffe entzwei, zertrümmern die Refugien von Jungfischen, verwandeln Unterwasser-Gärten in tote Wüsten.

Beifang geht wieder über Bord

Angelhaken für Langleinenfischerei
Angelhaken für Langleinenfischerei Quelle: Shark Project

Auch die Langleinenfischerei richtet unter den Meerestieren über den eigentlichen Fang hinaus große Schäden an. An über 100 Kilometer langen Leinen werde Tausende von Köderhaken befestigt. Neben den eigentlichen Zielfischen bleiben an den Haken auch Haie, Meersschildkröten, Delfine und viele Seevögel hängen und verenden qualvoll. Der unerwünschte Beifang geht meistens wieder über Bord. Sehr oft sind es auch Jungfische, die in den so genannten "Rückwürfen" landen.

Zum Teil mehr als 60 Prozent Beifang enstehen je nach Fangmethode, auch wenn die genauen Zahlen aufgrund unzureichender Kontrolen nur schwer zu ermitteln sind. Es ist eine gigantische Verschwendung, die dort draußen auf hoher See passiert. Und so ist die Reduzierung der Beifanges neben der Begrenzung der Fangquoten insgesamt eines der großen Ziele nachhaltiger Fischerei.

Mehr Schutzzonen gefordert

Hai am Haken - gezogen von zwei Arbeitern in Fischhalle
Hai am Haken - gezogen von zwei Arbeitern Quelle: Sven Bender

Gerade die großen Räuber der Meere, die wandernden Fische, sind durch die Überfischung besonders gefährdet. Zu ihnen gehören Thunfische, Heilbutt oder eben Haie. Sie stehen am Ende der Nahrungskette und ein Ökosystem kann - im Vergleich zu den kleinen Schwarmfischen - nur eine geringe Anzahl von ihnen ernähren. Da die großen Raubfische nur wenige oder keine natürlichen Fressfeinde haben, können sie sich in einem ungestörten Ökosystem geringe Vermehrungsraten leisten. Sie wachsen langsam, werden spät geschlechtsreif und haben nur wenige Nachkommen.

Modell St. Lucia

Einmal dezimierte Bestände können sich unter diesen Umständen jedoch nur sehr schwer erholen. Und das hat Folgen für das gesamte ökologische Gefüge im Meer, wo gerade die großen Raubfische eine wichtige Rolle spielen. So forden Umweltschutzverbände schon lange, für ein nachhaltiges Fischereikonzept nicht nur auf die Festlegung von Fangquoten für einzelne Arten zu setzen, sondern das gesamte Ökosystem im Auge zu behalten und mehr Schutzzonen auszuweisen, so dass sich die Fischbestände wieder erholen können.


Auch im karibischen Urlaubsparadies St. Lucia dezimierten sich die Fischbestände dramatisch. Taucher, Fischer und Touristen - sie alle nutzten die Korallenriffe der Insel und kamen sich dabei gegenseitig in die Quere. Mitte der 90er Jahre eskalierte der Streit. Immer öfter kamen die Männer mit leeren Körben nach Hause - die traditionelle Fischerei stand vor dem Aus. Jeder beschuldigte Jeden. Die Fischer behaupteten, dass die Taucher die Schwärme verscheuchten, beide zusammen beschwerten sich über den wachsenden Badetourismus. In ihrer Verzweiflung schreckten die Fischer sogar vor Morddrohungen nicht zurück. Das einst bunte Unterwasser-Paradies hatte sich in eine leblose Wüste verwandelt.

Karte Naturschutzgebiete St. Lucia
Karte Naturschutzgebiete St. Lucia

Als sich die Situation weiter zuspitzte, setzte man sich zusammen und entwickelte einen Plan, der allen Interessen gerecht werden sollte. In einigen Gebieten durfte getaucht, aber nicht gefischt werden. Die Taucher mussten im Gegenzug die zugelassenen Fischgründe meiden. Ein Drittel des Korallenriffs wurde komplett unter Schutz gestellt. Die jährlichen Zählungen, die seit Mitte der 90er Jahre durchgeführt werden, bestätigten die Strategie: Innerhalb von nur sieben Jahren hatte sich die Zahl der Fische in den geschützten Gebieten verfünffacht. Obwohl die Fischer ein Drittel ihrer Fanggebiete aufgegeben hatten, prosperierte die Fischerei, denn durch den Überlauf aus den geschützten Zonen, hatten sich im selben Zeitraum auch die Bestände in den befischten Gewässern verdreifacht.

Vorbild auch für Europa

Studien aus anderen Regionen bestätigen diese Ergebnisse: Nationalparks im Meer helfen nicht nur den Meeresbewohnern sondern auch denen, die oft am vehementesten dagegen protestieren: den Fischern. Das Modell aus St. Lucia wird auch andernorts mit großem Erfolg vorangetrieben. Die Umweltorganisation Conservancy International beispielsweise, kauft ganze Meeresgebiete und gibt sie unter Auflagen an die Fischer zurück. Anfangs sorgt das immer für Ärger, aber wenn die Konzepte einmal umgesetzt sind, überzeugt der Erfolg umso mehr. Jetzt soll es in Europa auch damit losgehen.

Doch noch einen Grund gibt es, gerade auf Haifleisch und manche großen Fische zu verzichten: die Tiere sind mittlerweile hochgradig mit Methylquecksilber belastet. Dr. Hermann Kruse, Institut für Toxikologie und Pharmazie, Kiel: "Das Methylquecksilber gehört für den Toxikologen zu den giftigsten Stoffen, die wir überhaupt kennen. Wir wissen, dass auf Methylquecksilber am sensibelsten das Ungeborene reagiert, aber auch das Zentrale Nervensystem und was vielleicht besonders gravierend ist, wir wissen auch, dass es im Tierexperiment Nierentumore, Nierenkrebs hervorrufen kann."

Auf Zertifizierung und Siegel achten

Wer auch weiterhin auf Fisch und Meeresfrüchte nicht verzichten will, sollte beim Kauf von Zuchtfischen oder Wildfängen auf Bio-Siegel und auf die Zertifikate für nachhaltige Fischerei achten - auch wenn sich verschiedene Umweltschutzeinrichtungen hinsichtlich der Bewertung solcher Siegel nicht immer ganz einig sind. Oft ist Süßwasserfisch aus regionalen Quellen eine gute Wahl.

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