Nilschlamm und Göttertiere

Ägyptens Strom des Lebens

Der Nil durchschneidet die Wüste wie ein schmales Band. Für die Ägypter ist er der Motor einer ganzen Zivilisation. Um 3000 v. Chr. entwickelte sich an seinen Ufern ein hochorganisierter und zentral regierter Staat - die Keimzelle des Alten Reiches, der antiken Hochkultur der Pharaonen und Pyramidenbauer.

Botte fährt bei Hochwasser auf dem Nil vor einem grünen Uferstreifen mit Palmen Quelle: ZDF

Als sich die Sahara im Zuge der Klimaveränderung weiter ausbreitete, siedelten immer mehr Menschen an den Ufern des Nils. Jeder brachte seine Kenntnisse und Fertigkeiten mit - so wurde die Region zum Schmelztiegel der Kulturen. Die Menschen begannen, Felder entlang des Flusslaufs zu bestellen. Die Bevölkerung wuchs, es entstand eine arbeitsteilige Gesellschaft und schließlich ein komplexes Staatswesen.

Kostbare Fracht

Mit Beginn des Alten Reiches um 2700 v. Chr. erstreckte sich das Territorium Altägyptens vom Nildelta am Mittelmeer bis zum Niltal südlich von Theben, dem heutigen Luxor. Das Erblühen der Landwirtschaft an den Nilufern hängt mit einer Besonderheit zusammen - einem Geschenk, das der Nil den ägyptischen Bauern machte. Einmal im Jahr trat er regelmäßig über seine Ufer und überschwemmte das Ackerland. Diese Überflutungen wurden Jahr für Jahr sehnsüchtig erwartet, denn das Nilwasser führte nährstoffreichen Schlamm mit sich, der die Felder düngte und gute Ernten garantierte. Doch woher stammte dieser fruchtbare Schlamm?

Die Spur führt mehrere Tausend Kilometer flussaufwärts, hinauf ins äthiopische Hochland. Hier profitieren die Bauern seit vielen Jahrtausenden von einem nährstoffreichen Boden. Seine Geschichte ist uralt: Vor rund 75 Millionen Jahren begannen in dieser Region Afrikas die Kontinentalplatten auseinanderzudriften, die Erdkruste wurde immer dünner. Heißes Magma bahnte sich seinen Weg an die Erdoberfläche. Gewaltige Vulkanausbrüche erschütterten die Region und ergossen sich in riesigen Lavaströmen über das Land. Das fortwährende Aufschichten von Lavabergen ließ schließlich das Hochland von Äthiopien entstehen. Die Vulkanablagerungen verwitterten im Lauf der Zeit, und dank der mineralstoffreichen Aschen entstand fruchtbarer Boden.

Im Rhythmus des Nils

Einmal im Jahr zwischen Juli und August, wenn der Monsun das Gebirge heimsucht, erlebt Äthiopien sintflutartige Regenfälle. Rinnsale werden zu Sturzfluten, und auf ihrem Weg talwärts schwemmen die Wassermassen den fruchtbaren Boden auf und reißen ihn mit sich. Rund zwei Wochen später erreicht das Wasser mit seiner Fracht Ägypten. Weil der Nil ziemlich langsam fließt - er trödelt durch die Wüste, nicht viel schneller als ein Fußgänger - hat der Schlamm genügend Zeit, sich auf den Feldern abzusetzen, bevor das Wasser wieder abfließt. Der kostbare Dünger bleibt auf den Feldern zurück.

Ägyptische Zeremonie bei Sonnenaufgang Quelle: ZDF

Einst bestimmte die Nilschwemme den Rhythmus von Aussaat und Ernte. Die alten Ägypter waren genaue Beobachter der Gestirne. Dank ihrer astronomischen Kenntnisse konnten sie das jährlich wiederkehrende Phänomen vorhersagen. Eine Errungenschaft der Moderne hat jedoch das Leben entlang des Nils für immer verändert: der Hochdamm von Assuan in Oberägypten. Der Bau dieses riesigen Damms war ein wichtiger Schritt in der Industrialisierung des Landes, doch er brachte auch negative Konsequenzen mit sich.

Ein Staudamm mit Folgen

Der aufgestaute Nassersee ist heute Ägyptens größtes Süßwasserreservoir. Mit ihm wurde die künstliche Bewässerung der Felder möglich, die landwirtschaftliche Nutzfläche dadurch vergrößert und die Trinkwasserversorgung in der Region sichergestellt. Ein Wasserkraftwerk erzeugt Strom mit einer Gesamtleistung von 2100 Megawatt. Die Schiffbarkeit des Nils wurde verbessert, und das Land ist seither vor Hochwasser geschützt. Das Nilwasser steht nun ganzjährig zur Verfügung, die Felder werden nicht mehr überflutet. So können die Bauern mehrere Ernten im Jahr erzielen und sogar Überschüsse für den Export erwirtschaften.

Doch das technische Wunderwerk hat seine Schattenseiten. Mit der alljährlichen Nilflut hält der Assuan-Staudamm auch den fruchtbaren Schlamm im Nassersee zurück. Um ihren Feldern Nährstoffe zuzuführen, müssen die Bauern auf Kunstdünger zurückgreifen - eine wertvolle und kostenlos verfügbare natürliche Ressource bleibt ungenutzt. Zudem droht der Nassersee durch den zurückgehaltenen Nilschlamm allmählich zu verlanden. Andere ökologische Probleme, die der Staudammbau mit sich bringt, sind noch nicht abzusehen.

Skarabäus vor Tempel Quelle: ZDF

Tiere verkörpern das Göttliche

Für die Menschen im Alten Ägypten war die Natur die wichtigste Inspiration, sie wurde von Göttern beseelt. Auch das Verhalten von Tieren gab Anlass, sie mit göttlicher Vorsehung zu verbinden. Einige Tiere wurden als heilig verehrt, wie das Krokodil, die Katze, das Nilpferd oder der Skarabäus, der Pillendreher. Dieser Käfer rollt Dung zu Kugeln, um seine Eier darin abzulegen. Anschließend vergräbt er die Kugeln im Nilschlamm. Den alten Ägyptern galten diese Dungkugeln als Abbild der Sonne. Sie sahen in dem Mistkäfer auch ein Symbol der Schöpferkraft, da er neues Leben scheinbar aus dem Nichts erzeugte. Denn Jahr für Jahr, drei Monate nachdem das Nilwasser abgeflossen war, schlüpften die jungen Käfer aus dem Boden.

Relief Krokodil Quelle: ZDF


Krokodile wurden wegen ihrer Stärke gefürchtet und um ihrer besonderen Fähigkeiten und ihrer Klugheit willen bewundert. Weil die Nilkrokodile ihre Nester genau so weit vom Ufer entfernt bauten, dass das nächste Hochwasser sie nicht überfluten konnte, sprach man ihnen auch hellseherische Fähigkeiten zu. Die Ägypter schmückten und hätschelten die Reptilien, sie widmeten ihnen eigene Tempel und verehrten sie in pompösen Heiligtümern.

Urmutter Nilpferd

Das Flusspferd - so die Vorstellung der Ägypter - ist die Inkarnation der Göttin der Fruchtbarkeit. Die enge Bindung der Mutter zu ihrem Nachwuchs galt ihnen als vorbildlich. Bis zu acht Monate lang bleibt das Junge bei der Mutter, die es aggressiv und mit aller Kraft gegen Feinde verteidigt. Dank ihrer Wehrhaftigkeit und Gefährlichkeit verehrten die Ägypter die Tiere zudem als Schutzgeister gegen bedrohliche dunkle Mächte.

Nilpferdbaby Quelle: ZDF

Als Europäer im 19. Jahrhundert am Nil zum ersten Mal auf diese beeindruckenden Kreaturen trafen, entstand der Name "Nilpferd". Inzwischen sind die Tiere in Ägypten ausgerottet. Denn sie stehen im Konflikt mit den Menschen: Nilpferde sind Pflanzenfresser und daher Konkurrenten um die Früchte der Ackerbauern entlang des Flussufers. Im Schutz der Dunkelheit verlassen sie das Wasser und begeben sich auf Nahrungssuche. In nur einer Nacht können sie bis zu vierzig Kilogramm Pflanzen fressen. Weil sie kostbares Ackerland zerstörten, wurden sie schon in pharaonischer Zeit gejagt.

Schnellstraße auf dem Wasser

Der Konflikt zwischen Mensch und Nilpferd war unvermeidlich, denn es gab kein Ausweichen. Jenseits des schmalen Grünstreifens am Nil erstreckt sich nichts als trockene, lebensfeindliche Wüste. Auch im Süden des afrikanischen Kontinents sind die Bestände drastisch zurückgegangen. Die Ressourcen Wasser und fruchtbares Land waren in Ägypten schon immer knapp.

Der Nil war seit jeher nicht nur die Lebens-, sondern auch die Hauptverkehrsader, ein Handels- und Transportweg. Während die Alten Ägypter erfolgreich auf dem Wasser unterwegs waren, blieb ihnen die Erfindung des Rads offensichtlich bis 1500 vor Christus unbekannt. Noch heute kann, wer mag, mit Felukken, den traditionellen ägyptischen Segelbooten, sowohl nilauf- als auch -abwärts fahren. Das Prinzip ist einfach: Will man nach Norden, lässt man sich einfach mit der Strömung treiben. Soll es gegen die Fließrichtung, nach Süden, gehen, wird ein Segel gesetzt, das von dem beständig wehenden Passatwind angetrieben wird.

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