"Nofretete ist legal ausgeführt worden"

Chat mit Dr. Olaf Matthes, Teil 1

Der Archäologe Dr. Olaf Matthes hat als erster Wissenschaftler Einblick in die Dokumente der Deutschen Orient-Gesellschaft erhalten. Sie geben Auskunft darüber, wie die Nofretete nach Deutschland gelangt ist und was bei der Fundaufteilung geschah. Im Anschluss an die Sendung beantwortete er im Chat die Fragen der Fernsehzuschauer.

Borchardts Wirken


Frage: Kann man wirklich sagen, dass die Nofretete ohne Tricks nach Berlin gekommen ist?


Dr. Olaf Matthes: Die Nofretete ist ohne Tricks nach Berlin gekommen. Jedenfalls, soweit wie wir das heute beurteilen können. Legal ist sie allemal ausgeführt worden.


Frage: In der Sendung wurde kurz erwähnt, dass der "Gegenspieler" von Borchardt in Kairo ein Franzose war. Liegt nicht die eigentliche Rechtfertigung für den Rückgabewunsch der Ägypter in der unklaren politischen Situation der damaligen Zeit?


Matthes: Ganz recht. Ägypten war damals formell noch Teil des Osmanischen Reiches, de facto hatten aber die Briten hier das Sagen. In Museumssachen waren es hingegen die Franzosen. Franzosen und Briten führten zudem einen ständigen Kleinkrieg, bei dem es stets um Kompetenzfragen ging. Die Ägypter selbst hatten zu der Zeit, die man ja auch die imperialistische Zeit nennt, nichts zu sagen.


Frage: Wann darf die interessierte Öffentlichkeit auf die Herausgabe von Borchardts Nachlass und Briefwechsel hoffen?


Matthes: Borchardts Nachlass, der ja auch nicht vollständig in Kairo lagert, ist für die Fachwelt seit einigen Jahren dort zugänglich. Dies war - leider - nicht immer so.


Frage: Meines Wissens hat Herr Borchardt in früher Morgenstunde in Gegenwart "zufällig" anwesender mecklemburgischer Adelsleute zufällig "ruck-zuck" die schön colorierte Nofretete aus einem präparierten Versteck hervor gezaubert. Mysteriös. Stimmt das?


Matthes: Das ist sicher so nicht richtig. Fakt ist, dass in der Tat Hochadel aus Deutschland zufälligerweise anwesend war. Für diese Leute hat man, dies zeigen alte Fotos, Fundarrangements gemacht, damit diese auch was zu sehen und bestaunen hatten. Aber mit der Königinbüste hat das nichts zu tun.


Frage: Mich interessiert die Person Ludwig Borchardt. Welche Quelle im Internet würden Sie mir empfehlen, um noch mehr über ihn und seine Frau zu erfahren?


Matthes: Leider gibt es zu Borchardt bisher im Internet nichts wirklich Brauchbares. Und da der Nachlass erst seit einigen Jahren zugänglich ist, wird es wohl eine gewisse Zeit dauern, bis Publikationen zu ihm und/oder Mimi erscheinen. Auf alle Fälle fehlt bis heute eine fundierte Biografie zu dieser schillernden Persönlichkeit.


Frage: Wie viele Fundstücke umfasste die damalige Fundteilung, Nofretete inbegriffen und wie viele davon gingen nach Deutschland?


Matthes: Bei den Teilungen der Grabungsfunde von 1911 bis 1914 handelt es sich um insgesamt viele Tausende Stücke. Das Antikengesetz besagte, dass je die Hälfte der Ausgräber und Kairo bekommt. Erstaunlich ist, dass bis heute immer noch nicht alle Stücke, die nach Berlin gekommen sind, inventarisiert sind. Es sind einfach so viele Stücke, und jedes kleine Teil muss sorgfältig analysiert werden. Wie es mit der Inventarisierung der Stücke in Kairo aussieht, weiß ich allerdings nicht.


Frage: Wie hat Deutschland die Büste nach dem Zweiten Weltkrieg von den Amerikanern zurückbekommen?


Matthes: Die Büste wurde Deutschland ganz einfach formell zurück gegeben, genauso wie Tausende von anderen Kunstwerken, die in den Central Collecting Points aufbewahrt wurden. Die Amerikaner haben entschieden, die Sachen nicht, so wie die Sowjets das gemacht hatten, als Beutekunst in die USA zu verbringen.


Frage: Werden weitere Nachforschungen zu Kiste 28 und 34 betrieben , um eine eventuelle "Schwester" doch noch zu finden?


Matthes: So weit ich weiß werden keine weiteren Nachforschungen in dieser Sache betrieben. Zwei Schwestern hat die Königin ja. Es wurden von Tina Haim, einer jungen Bildhauerin, 1913 zwei Steinkopien angefertigt. Eine steht heute in Holland (Huis Doorn); der letzte deutsche Kaiser hat sie sich mit in sein Exil genommen. Und die andere Schwester ist irgendwo in England. Wo, wissen wir im Moment aber nicht so genau.

Aktuelle Diskussion


Frage: Warum wird die Nofretete nicht an Ägypten zurück gegeben? Welchen Anspruch haben wir aus Deutschland auf die Büste?


Matthes: Wie eben schon gesagt, gibt es zunächst sicher Ängste darum, dass die Nofretete nicht zurück kommt. Dies hängt sicher auch mit den nicht immer ganz fairen Argumenten zusammen, die Herr Hawass artikuliert. Im Übrigen: Warum sollte die Nofretete zurück gegeben werden? Sie ist ja in der Tat die beste Botschafterin Ägyptens in Deutschland.


Frage: Mich würde interessieren, ob die Weigerung des Berliner Museums, die Nofretete nach Ägypten zu entleihen ausschließlich auf Ängste um deren Erhaltung beruhen oder ob da andere Motive eine Rolle spielen


Matthes: Die Weigerung, die Nofretete nicht auszuleihen, beruht sicher nicht zuletzt auch auf Ängsten, dass sie nicht wieder zurück kommen könnte. Was die restauratorischen Aspekte angeht, sind die Restauratoren zu fragen. Hierfür bin ich nicht kompetent.


Frage: Könnte man die Nofretete nicht gegen ein Ausstellungsstück des ägyptischen Museums von Kairo über eine bestimmte Zeit entleihen? Dann dürfte doch jeder zufrieden sein.


Matthes: So etwas ähnliches war ursprünglich ja mal geplant. In den 1920er Jahren gab es das Angebot Ägyptens, die Büste gegen herausragende Kunstwerke aus dem Alten Reich einzutauschen. Der damaligen Direktor der Ägyptischen Abteilung der Berliner Museen, Heinrich Schäfer, betrieb diesen Tausch auch seit 1929 intensiv. Seine Vorgesetzten haben aber 1930 hierzu vor allem aus politischen Gründen Nein gesagt. Hätten sie Ja gesagt, würde es diese heutigen Diskussionen gar nicht geben. Was nun die zeitweise Ausleihe nach Kairo angeht, kann ich schlecht etwas sagen, da ich in der Tat nicht weiß, wie es um die restauratorischen Aspekte der Büste steht. Prinzipiell ist ja solch ein Leihgeschäft in der Museumswelt üblich. Nur würde etwa der Louvre auf seine Mona Lisa für einige Monate im Jahr verzichten wollen? Bei derartigen Spitzenstücken spielen nicht nur Museumsaspekte eine Rolle, sondern insbesondere auch kulturpolitische.


Frage: Kann es in naher Zukunft passieren, dass die Nofretete doch von Berlin abgegeben werden muss und nach Ägypten zurückkehrt?


Matthes: Hierzu gibt es eine klare Antwort: Nein. Denn die Büste ist ja legal nach Berlin gekommen. Dies bestreitet auch in Ägypten niemand ernsthaft, sieht man einmal von Herrn Hawass ab.


Frage: Ich kann Ihre Einstellung, die Büste solle in Deutschland bleiben, leider nicht ganz nachvollziehen. Sie stammt aus Ägypten und ist kein Kunstwerk unserer Kultur. Warum muss sie unbedingt hier bleiben und kann nicht in ihre Heimat zurückkehren, wo sie meines Erachtens hingehört?


Matthes: Zur Rückgabe der Büste vielleicht eine Gegenfrage: Sollten alle Gemälde, etwa der Renaissance, die nicht vor Ort angefertigt worden sind, auch wieder an ihren Ursprungsort zurück? Und noch eine Gegenfrage: Was hat das Alte Ägypten mit der heutigen islamisch ausgerichteten Republik Ägypten gemein? Man kann so etwas immer drehen und wenden wie man will. Argumente pro und kontra finden sind immer. Dies ist in der Tat, so oder so, ein Minenfeld...


Frage: Sehen Sie Parallelen zwischen den Forderungen Ägyptens zur Rückgabe beziehungsweise Ausleihe von Nofretete und den Forderungen Deutschlands nach Rückgabe legaler eingezogener Kulturgüter durch Russland nach dem Zweiten Weltkrieg?


Matthes: Nein. Dies zwei völlig unterschiedliche Felder. Rechtlich allemal. Denn die Büste ist legal nach Deutschland gekommen. Und Russland behauptet, dass sein Handeln damals auch legal war. Ob dies so ist, ist unsicher und wird heftig diskutiert. De jure hatten die Sowjets damals jedenfalls keine Handhabe für Ihr Handeln.


Frage: Beeinträchtigt der Streit um die Nofretete das Arbeitsklima zwischen deutschen und ägyptischen Archäologen eigentlich?


Matthes: Der Streit um die Büste ist ja vor allem eine kulturpolitische Sache. Die Ägyptologen haben, soweit ich das beurteilen kann, untereinander keine Probleme. Das sind ja Wissenschaftler, die vom gegenseitigen Austausch profitieren. Alles andere wäre kontraproduktiv.


Frage: Soweit mir bekannt ist, gab es alliierte Gesetze dazu und niemand bezeichnet Russland deshalb als Kunsträuber. Wenn man den Verkäufer über den Wert des Kaufobjekts täuscht um es in seinen Besitz zu bekommen. Wie würden sie das nennen, zumal sie das mit dem Lehm beschmieren, Herunterspielen des Fundes und so weiter nicht bestreiten und die Büste ja auch nicht ohne Grund versteckt wurde.


Matthes: Also, das mit dem Lehm beschmieren ist, wie so vieles andere in diesem Zusammenhang auch, tiefste Gerüchteküche. Da wurden/werden ganz bewusst Mythen und Legenden gepflegt. Klar ist, dass Borchardt um den kunsthistorischen Wert der Büste wusste. Klar ist auch, dass er einen fatalen Fehler begangen hat, indem er die Büste in Berlin verheimlichen wollte. Das gelang nicht. So entstanden Gerüchte, Vermutungen, Anschuldigungen. Hinzu kam ein langer Streit zwischen Borchardt und Heinrich Schäfer. In den 1920er Jahren wurde das Ganze dann noch komplizierter. Und obwohl Schäfer, ein äußerst national und patriotisch eingestellter Museumsmann die Büste eintauschen wollte, kam er damit nicht durch. Und wie gesagt, das Thema Beutekunst ist ein anderes sehr weites Feld.


Frage: Könnte Zahi Hawass es schaffen die Büste an ihren "Ursprung'' zurückzubringen?


Matthes: In die Zukunft kann keiner schauen. Ich auch nicht. Freuen wir uns also in Berlin an der Königin und in Kairo an den anderen herausragenden Funden.


Frage: Und wie ist das heute mit den Fundstücken geregelt, wenn außerägyptische Grabungsteams Kulturgüter finden?


Matthes: Heute bleiben alle Grabungsfunde in Ägypten, es sei denn die ägyptische Altertümerverwaltung macht Ausnahmen, was, etwa bei zahlreichen Doubletten, auch mal vorkommt.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet