Norwegen: Ein Land reist um die Welt

Die wilde Vergangenheit des Nordlandes

Norwegen und Spitzbergen gehören zu den mobilsten Ländern der Welt – geografisch gesehen. Im Lauf von Hunderten Millionen Jahren überquerten sie fast den gesamten Globus. Spuren dieser bewegten Vergangenheit kann man inmitten der unwirtlichen Eiswelt Spitzbergens entdecken: Fossilien erzählen von der Erdgeschichte und dokumentieren wie Souvenirs, die ein Weltenbummler gesammelt hat, die weite Reise des Nordlandes durch Zeit und Raum.

Spitzbergen war nicht immer die baumlose Eiswüste, die vier Monate im Jahr von finsterer Polarnacht beherrscht wird. Versteinerte Pflanzenreste belegen, dass einst ausgedehnte Wälder das Land bedeckten. Dazu muss es viel wärmer gewesen sein als heute. Aber auch Relikte von Meerestieren haben sich hier angehäuft: Ammoniten – marin lebende Kopffüßer, die vor rund 65 Millionen Jahren ausgestorben sind – haben unzählige spiralförmige Kalkgehäuse im Sediment hinterlassen. Mit Hilfe der gasgefüllten Kammern dieser Gehäuse bewegten sich die Urtiere einst unter Wasser fort. Doch wie kamen sie an Land, auf die Insel jenseits des Polarkreises?

Rieseninsekten und versteinerte Wälder

Norwegen auf Höhe des Äquators (Animation)
Vor 400 Millionen Jahren driftete Spitzbergen über den Äquator.

Vor einer Milliarde Jahren, im Präkambrium, als die Landmassen noch nicht von Tieren und Pflanzen bevölkert waren, waren Spitzbergen und Skandinavien Teil des Urkontinents Rodinia auf der Südhälfte des Globus. Die Kräfte aus dem Untergrund machten es zum Spielball: Gewaltige Magmaströme ließen Rodinia vor 600 Millionen Jahren zerbersten und schoben die Bruchstücke immer weiter nach Norden. Es sind die Vorläufer des heutigen Europa. Auf ihrer Reise veränderte sich die Einöde dramatisch. Vor 400 Millionen Jahren drifteten Spitzbergen und Norwegen über den Äquator. 100 Millionen Jahre später hatte ein tropisches Paradies die leblose Wüste verdrängt. Riesige Ur-Insekten dominierten die Farnwälder. Der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre war viel höher als heute – 35 Prozent statt 21 Prozent –, was den Gigantismus der gepanzerten Krabbeltiere ermöglichte.

Auch die nächste Reiseetappe brachte gewaltige Umbrüche: Gebirge wurden abgetragen, und das Land versank für mehrere Millionen Jahre unter der Meeresoberfläche. Erst etwa 1500 Kilometer weiter nördlich wurde Spitzbergen wieder emporgehoben, auf der Höhe des heutigen Schottland. In dem gemäßigt warmen Klima wuchsen üppige Laubwälder aus Buchen, Ulmen und Erlen. Ausgedehnte Küstensümpfe boten optimale Bedingungen für die Entstehung eines Schatzes, der heute tief im Inneren der eisigen Gebirge ruht: Aus den Jahrmillionen alten Pflanzenresten entstand Steinkohle. Noch heute werden auf Spitzbergen Millionen Tonnen des fossilen Energieträgers in Minen abgebaut - der größte Teil ist für den Export bestimmt.

Monster aus dem Eis

Über 100 Millionen Jahre lang war Spitzbergen abgetaucht. Während an Land die Dinosaurier herrschten, gaben in den Ozeanen schwimmende Echsen den Ton an. Wie die heutigen Meeresräuber erbeuteten sie Fisch und Muscheltiere. Aber sie waren viel größer und zahlreicher. Heute ist die Insel ein Paradies für Paläontologen. Über 40 Fischsaurierskelette haben Forscher hier in den letzten Jahrzehnten aus dem Gestein gegraben.

Das Wissen über die urtümlichen Echsen änderte sich grundlegend, als Forscher der Universität Oslo 2007 auffällig große Überreste eines Meeressauriers aus der Kreidezeit entdeckten. Nach dem Zusammensetzen der fossilen Knochen und Gelenkteile und der Rekonstruktion des Skeletts am Computer stellten sie fest: Der Saurier, von dem sie stammen, war mit rund 15 Metern Länge und einer Bisskraft, die dem Gewicht von zwei Tonnen entspricht, das größte Meeresungeheuer, das je gelebt hat.

An Land konnte das „Monster von Spitzbergen“ nicht überleben: Sein eigenes Gewicht hätte ihm die Luft aus den Lungen gepresst. Doch unter Wasser waren die Riesenechsen wendige Räuber. Aus der Ausformung des Gehirns lässt sich schließen, dass ihre Jagdtechnik mit der des Weißen Hais vergleichbar ist: Am Meeresboden belauern sie ihre Beute und starten dann eine Überraschungsattacke, bei der sie oft senkrecht nach oben aus dem Wasser schießen. Dass die Knochen dieser Killer so gut konserviert sind, ist der letzten Etappe des Weltreisenden zu verdanken: Spitzbergen war weit in den Norden gedriftet, als vor drei Millionen Jahren das jüngste Eiszeitalter einsetzte. Damals wurde das Land tiefgekühlt. Der Eispanzer schützte den Untergrund vor Erosion. 60 Prozent des Landes sind heute noch von Eis bedeckt.

Schatztruhe der Erdgeschichte

Entstehung von Erdöl am Meeresboden (Animation)
Entstehung von Erdöl in einer Planktonfalle

Auf den letzten tausend Kilometern der Reise Norwegens geschah etwas Schicksalhaftes. Vor 65 Millionen Jahren lag Skandinavien nur 150 Kilometer von Grönland entfernt. Dann schenkten die Urkräfte der Welt einen neuen Ozean. Ein Tiefseegraben öffnete sich, und das ursprüngliche Flachmeer wurde zum bis zu 4000 Meter tiefen Atlantik. Dabei entstanden Risse im Meeresboden. Das Klima war mild, und im Meer gedieh eine urtümliche Unterwasserwelt. Ammoniten schwebten im Wasser, mikroskopisch kleines Plankton vermehrte sich massenhaft. Die tiefen Furchen am Meeresgrund bildeten „Fallen“ für absinkendes Plankton. Abgeschlossen von dicken Sedimentschichten, gerieten die Planktonreste unter hohen Druck und hohe Temperaturen. So konnte Erdöl entstehen. Das Mitbringsel aus der rastlosen Vergangenheit sichert Norwegen bis heute seinen Wohlstand.

In den vergangenen 600 Millionen Jahren hat diese Erdregion 12.000 Kilometer quer über den Globus zurückgelegt. Nach weiteren 50 Millionen Jahren wird die Kontinentaldrift Spitzbergen bis an den Nordpol geschoben haben: Die unglaubliche Reise geht immer weiter.

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