Nützlicher Arminius

Wer schreibt was und warum über die Varusschlacht?

Die Niederlage der römischen Legionen bei Kalkriese hat im Laufe der Zeit ganz unterschiedlichen Niederschlag in der Geschichtsschreibung erfahren. Natürlich nehmen sich römische Historiker des Themas an, doch dann herrscht bis ins Mittelalter Schweigen über Arminius und Varus. Nachdem die Schlacht neuerlich in Vergessenheit geraten ist, erlebt Arminius als germanischer Held im 19. Jahrhundert seine Wiederauferstehung. Dagegen verhalten sich die Nazis erstaunlich ambivalent zur Varusschlacht.

Lasershow am Hermannsdenkmal
Lasershow am Hermannsdenkmal Quelle: dpa

"Quinctili Vare, legiones redde!" (Quinctilius Varus, gib mir die Legionen wieder), dieser berühmt gewordene Ausruf des Kaisers Augustus ist nur ein Teil der offiziellen Reaktion auf die Katastrophe. Angesichts dessen, dass mehr als ein Zehntel des gesamten römischen Heeres in dieser Schlacht getötet worden ist, gilt es nun, aufkommende Panik in der Bevölkerung im Keime zu ersticken. Und bereits zu Augustus' Zeiten gilt der moderne Satz von der Wahrheit, die als erste im Krieg stirbt.

Augustus weiß: Keinesfalls darf der Eindruck entstehen, die mächtigste Armee der Welt sei von einer Horde Barbaren vernichtet worden. Außerdem darf, zumindest zu diesem Zeitpunkt, auch nicht Varus die Schuld ich die Schuhe geschoben werden, denn dieser ist ja vom Kaiser persönlich zum Statthalter von Germanien ernannt worden. Doch wofür gibt es Götter und die Religion? Daher wird dem "einfachen Volk" der Wille der Götter als Ursache präsentiert, denn himmlische Warnsignale sind offenbar übersehen worden. Zur Besänftigung des obersten Gottes Jupiter verspricht Augustus der Bevölkerung ein prachtvolles Fest - das alte römische Prinzip: Brot und Spiele.

Zeitgeist

Zitatgalerie: Interpretationen der Varusschlacht
Interpretationen der Varusschlacht Quelle: ZDF

Die einzige Quelle aus der Feder eines Zeitzeugen stammt von Velleius Paterculus, der in seiner "Römischen Geschichte" allerdings nur sehr allgemein die Schlacht beschreibt. Umso detaillierter beschäftigt er sich mit Varus, an dem er kein gutes Haar lässt. Dieser sei unentschlossen, geistig und körperlich träge, faul und lustlos. Ein erstaunliches Urteil, angesichts der an anderen Stellen hervorgehobenen großen Verdienste des Statthalters.

Ein Blick auf das Entstehungsdatum des Werkes löst den Widerspruch. Es erscheint etwa im Jahr 30, kurz nachdem die Witwe und der Sohn des Varus bei Kaiser Tiberius in Ungnade gefallen sind und in den "Majestätsprozessen" vor Gericht gestellt werden. Wie der Historiker Ralf-Peter Märtin süffisant anmerkt, "wäre eine objektive Würdigung (des Varus) unter diesen Umständen keine gute Idee gewesen".

Leserwünsche

Etwa 70 Jahre später erscheint die Schrift "Germania" des Historikers Publius Cornelius Tacitus. Darin beschreibt er vage die Lage des Schlachtfeldes; Bedeutung erlangt sie durch seine Einschätzung Arminius' als dem "Befreier der Germanen" und seine durchaus positive Beschreibung germanischer Wesensart. Auch in diesem Fall gilt es zwischen den Zeilen zu lesen: Zum einen hat Tacitus nie die Alpen überquert, woher seine Informationen stammen, lässt sich nicht nachprüfen. Zum anderen ist seine kritische Haltung der römischen Lebensart gegenüber bekannt. Mit der Glorifizierung der Germanen geht es ihm also weniger um die Stämme rechts des Rheins als vielmehr darum, den dekadenten Römern den Spiegel vor Augen zu halten.

Weitere 100 Jahre später erscheint das informativste Werk zur Varusschlacht, die "Römische Geschichte" des Cassius Dio Cocceianus. Doch auch in diesem Fall lässt sich wenig über den Wahrheitsgehalt der Schrift aussagen. Zu sehr greift er nach Allgemeinplätzen, die den Erwartungen des Publikums entsprechen, mit der Realität aber nicht unbedingt übereinstimmen müssen: Das Buch raunt von treulosen Barbaren, heftigem Dauerregen, dunklen Wäldern und geheimnisvollen Sümpfen.

Geistesgrößen im nationalen Taumel

Nun kehrt erst einmal Ruhe ein um Arminius und seine Germanen, fast 1200 Jahre lang. Dann wird zufällig eine Ausgabe der "Germania" von Tacitus entdeckt, ins Deutsche übersetzt und gedruckt. Begierig greifen der Humanist Ulrich von Hutten, Luthers Mitarbeiter Melanchthon und der Reformator selbst nach dem Buch und den Möglichkeiten, die es bietet. Melanchthon begeistert sich für dessen pädagogischen Wert, der Jugend die Liebe zum Vaterland nahe zu bringen; Hutten und Luther betonen eher den anti-römischen Aspekt des Werkes. Damit endet aber auch deren Gemeinsamkeit: Während Hutten auch die aufbegehrende Haltung Arminius' gutheißt, widerstrebt dies Luther: Er, der auch Arminius in Hermann umtauft, verurteilt (wie in den Bauernkriegen) jegliche Auflehnung gegen die Obrigkeit.

Doch diesmal schafft es Hermann, wie er jetzt heißt, nicht an die Spitze der Nationalhelden. An Ansehen gewinnt er erst wieder zu Napoleonischen Zeiten. Deutsche Geistesgrößen wie Arndt, Fichte, Körner, Kleist und Turnvater Jahn entdecken ihn neu und weisen ihm eine wahre Heldenrolle zu: Wie im Jahre 9 soll er sein Volk von den bösen Besatzern befreien, nebenbei die deutsche Sprache und Identität retten und so nun endlich die deutsche Nation gründen. Die Franzosen sind die Römer, der Augustus, ersatzweise Varus, von damals heißt diesmal Napoleon.

"Kaiser Hermann"

Nach den "Befreiungskriegen" kommt schnell der Ruf nach einem nationalen Hermannsdenkmal auf, doch die deutschen Fürsten erinnern sich nun auch wieder an Hermanns Aufmüpfigkeit, die sie nicht gutheißen können. Trotzdem gewinnt der Münchner Bildhauer Ernst von Bandel die Unterstützung des Fürsten zur Lippe, der auch 1838 das Grundstück auf der Grotenburg bei Detmold zur Verfügung stellt. Über Jahrzehnte ziehen sich die Bauarbeiten hin, immer wieder wegen Finanzproblemen unterbrochen. Karl Marx spottet: "Das Zeug wird ebenso langsam fertig wie Deutschland."

Arminius-Hype?

Mit dem Sieg über Frankreich 1871 und der Reichsgründung kommt wieder Schwung in die Denkmal-Sache. Der Kaiser persönlich spendet aus seiner Privatschatulle und so kann das Monumentalwerk endlich 1875 eingeweiht werden. Inschriften und Reden setzen Wilhelm I. mit Hermann gleich als Retter und Einer der Deutschen, der eine gegen die Römer der andere gegen den Erzfeind Frankreich.
Eine glänzende Karriere steht Hermann mit dem Machtantritt der Nazis bevor - sollte man meinen. Doch Hitler und seine Ideologen haben zwei Probleme mit dem Cherusker: Zwar verkörpert er perfekt das Germanentum, doch gelingt ihm der Sieg über Varus nur durch Verrat an seinem Vorgesetzten - ein völlig unsoldatisches Verhalten. Außerdem schlägt er ein römisches Heer, also die faschistische Achsenmacht Italien, einen der Hauptverbündeten des "3. Reichs".

2009 ist wieder einmal ein Arminius-/Hermann-Jahr, 2000. Wiederkehr des Schlachtendatums. Massenweise erscheinen Bücher und Artikel zum Thema, Fernsehdokumentationen laufen zur besten Sendezeit. Angesichts dieses Medienaufgebots gilt es aber nun, (selbst-)kritisch zu fragen: Wird Arminius auch diesmal instrumentalisiert - und wenn ja, in welcher Richtung?

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