Papierkrieg und Geleitschutz

Über die Dreharbeiten zu "Flucht aus Babylon"

Außergewöhnliche Bedingungen: Ein westliches Fernsehteam filmt deutsche Wissenschaftler bei Grabungen in der Nähe der heiligen Stätte Medina. Filmautor und Regisseur Klaus Kastenholz berichtet von Teeorgien und permanenter Überwachung.

Abfilmen eines Fundstücks Quelle: ZDF,Resa Asarshahab

Die "Flucht aus Babylon" benötigte gehörigen Anlauf - vier Jahre wartete unser Kamerateam auf die Visa für die Reise nach Saudi-Arabien. Immer wieder neue Eingaben bei der saudischen Botschaft in Berlin, unterschiedlichen Ministerien in Riyadh und der dortigen deutschen Botschaft. Schließlich ging es um Außergewöhnliches: Einem westlichen Fernsehteam zu erlauben, bei Grabungen deutscher Wissenschaftler in der Nähe der heiligen Stätte Medina zu drehen. Dies alleine ist schon eine Sensation.

Immer wieder Tee

Die Formalitäten vor Ort sind dagegen fast im Handstreich erledigt: Eine Woche Schnitzeljagd durch die Millionen-Metropole Riyadh. Ein halbes dutzend zuständiger Behörden. Formulare, Kopien, Gespräche, gefühlte 20 Tassen obligatorischer Tee, Stempel, Unterschriften, noch zwei Stempel. Und am nächsten Tag wiederholt sich die Prozedur. Großartig: Jeder noch so hochrangige Beamte darf rund um die Uhr ungerügt auf seinem Handy angerufen werden. Der Haken: Er geht nicht ran. Tee.

Dreharbeiten in der Wüste Quelle: ZDF,Resa Asarshahab

Der Parcours durch die Amtsflure. Auch und besonders im Orient unverzichtbarer Teil administrativer Folklore, zumal für die Arbeit eines Fernsehteams mit vier Personen und 700 Kilo technischem Gepäck. Doch der Papierkrieg hat seinen Grund: Saudi-Arabien ist kein Reiseland - außer für viele Millionen muslimischer Pilger, die sich jährlich aus allen Teilen der Welt zu den heiligsten islamischen Stätten nach Mekka und Medina aufmachen. Die vorherrschende Religionsform des Wahhabismus predigt eine beispiellos strenge Auslegung des Koran, schon ein zu hoher Alkoholgehalt im mitgebrachten Rasierwasser kann die Einreise erheblich erschweren. Dennoch öffnet sich das Reich von König Abdullah zaghaft auch "ungläubigen" Besuchern, vorrangig Bildungsurlaubern. Innenpolitisch ein heikler Drahtseilakt: Je mehr sich die Regierung dem Westen zuwendet, umso radikaler der Protest ultrakonservativer Kräfte. Es brodelt im Öl-Staat.

Permanenter Polizeischutz

Zwei Wochen vor unserem Abreisetermin stehen die Dreharbeiten für einen Moment - erneut - auf der Kippe: Auf einer Wüstenstraße nach Medina sind vier Franzosen in einen Hinterhalt geraten und erschossen worden. Förmlich hingerichtet, mutmaßlich von religiösen Extremisten. Dass uns nach so langer Wartezeit ausgerechnet jetzt die Einreise gestattet wird, verwundert - und erklärt die bürokratischen Klimmzüge vor Ort: Außerhalb Riyadhs gilt unser Team als potenzielles Opfer für terroristische Anschläge. Sämtliche Provinzverwaltungen werden über die geplante Reiseroute informiert, und: Von höchster Stelle ist permanenter Polizeischutz angeordnet.

Kamerateam mit 700 Kilo Material Quelle: ZDF,Resa Asarshahab

Ähnliche Sicherheitsmaßnahmen treffen wir bei den Archäologen am Hauptdrehort Tayma an. Das Team des DAI ist im abgeschirmten Betonkomplex des örtlichen Museums einquartiert. Polizeifahrzeuge blockieren die Zufahrtsstraße, vor dem Tor haben bewaffnete Uniformierte ein provisorisches Camp eingerichtet. Mit Zelt, Lagerfeuer - und Tee. Unser Domizil für die kommenden Wochen wird ein kleines Hotel an der Hauptstraße, gesichert durch Polizeieinheiten. Trotzdem bleibt ein schales Gefühl, wenn wir uns zu den unterschiedlichen Drehorten bewegen: Bürgt die Eskorte der Jeeps mit den aufgepflanzten Maschinengewehren wirklich für Sicherheit - oder kennzeichnet uns der auffällige Konvoi nicht erst recht als lohnendes Anschlagsziel?

Diskrete Überwachung erwünscht

Während der Dreharbeiten erfordert die Omnipräsenz des Geleitschutzes regelmäßiges Rangieren: Bei nahezu jedem Versuch eines Schwenks verdeckt mindestens ein Polizeifahrzeug das Motiv, wird jedoch auf einen Wink hin eilig aus dem Bild gefahren. Die Überwachung soll diskret erfolgen - und keinesfalls im Film erkennbar sein. Zum Trost ermöglichen die Sicherheitsvorkehrungen, dass wir uns relativ ungehindert im Land bewegen können.

Polizei-Eskorte des Filmteams Quelle: ZDF,Resa Asarshahab

Lediglich einmal kommt der Tross der Fahrzeuge plötzlich zum Stehen. Entlang der Route der einstigen Hejaz-Bahn zwischen Mekka und Medina verweigert die Polizei die weitere Reise: Die Hügellandschaft rechts und links der vor dem Konvoi liegenden Piste biete Terroristen ideale Schlupfwinkel für einen Hinterhalt. Die Eskorte sei nicht dafür ausgerüstet, uns vor einer solchen Gefahr zu schützen.

Ende der Diskussion

Eine halbe Stunde lang wird ausgiebig debattiert, aus den Funkgeräten der Jeeps lärmt aufgeregtes Krächzen. Nach Rücksprache mit seiner Zentrale bittet der ranghöchste Beamte schließlich mit ernster Miene um Gehör. Dolmetscher übersetzen: Wenn uns etwas zustoße, würde der Vorfall ihn und seinen Vorgesetzen den Kopf kosten - Ende der Diskussion. Wir kehren um. Die Rückfahrt durch die Wüste gibt ausgiebig Gelegenheit zu grübeln, ob er das wörtlich gemeint haben könnte.

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