Papst Urbans Plan

Im Namen Christus gegen islamische Bedrohung

Im Jahr 1096 formieren sich Truppen in allen Teilen Westeuropas, vor allem in Frankreich und Deutschland. Gottfried von Bouillon, der angesehene Herzog von Niederlothringen, übernimmt die Führung eines militärischen Mammutprojektes.

Mit mehr als 60.000 Mann will er nach Palästina ziehen, um Jerusalem von den moslemischen Machthabern für die Christenheit zurückzuerobern. Gottfried ist ein erfahrener Heerführer. Er gilt als fromm und Freund der römischen Kirche.

Zerrüttetes Europa

Am Vorabend der Kreuzzüge ist die römische Kirche die einzige ordnende Kraft in einem durch Kriege und Intrigen zerrütteten Europa. Die Menschen sind tief durchdrungen vom christlichen Glauben. Sie hören auf die geistlichen Oberhirten. Doch der Kirche fehlt die politische Macht, Veränderungen zu erzwingen. Da wird im März des Jahres 1088 mit Urban II. ein neuer Papst gewählt. Der gebürtige Franzose mit feinem Gespür für soziale und religiöse Strömungen will die Kirche wieder zu einem bedeutenden internationalen Faktor formen. Nur wie?

Der Silberstreif am Horizont erscheint ihm anno Domini 1095 in Person eines Boten des byzantinischen Kaisers. Am Bosporus braut sich etwas zusammen. Wie ein Tornado überrennen die islamischen Seldschuken seit einigen Jahren den Orient. Die schlagkräftigen Heere haben mit ihren gefürchteten Reiterscharen bereits Persien erobert und Palästina gestürmt. Auch der byzantinische Kaiser Alexios I. musste ihnen große Teile seines Reiches überlassen.

Bruder im Glauben

Als Herrscher des christlichen Konstantinopel sieht sich Alexios angesichts der heraufziehenden Gefahr zum Handeln gezwungen. Das einst mächtige byzantinische Imperium, hervorgegangen aus der Osthälfte des zerfallenen Römischen Reiches, ist durch pausenlose Verteidigungskriege nahezu ausgeblutet. Der Kaiser braucht einen starken Verbündeten. Er bittet Papst Urban II. als Bruder im Glauben um Hilfe gegen die islamische Bedrohung. In der misslichen Lage des Kaisers erkennt der römische Oberhirte sofort die Chance, lange angepeilten politischen Zielen näher zu kommen. Unter dem Vorwand der christlichen Bruderhilfe würde er seinen eigenen Krieg gegen den Islam führen - einen Kreuzzug.

Durch einen Kreuzzug schlägt der Papst gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe. Er stärkt seine Autorität gegenüber der Ritterschaft. Er hält die gewalttätigen Ritter von ihren Übergriffen auf die Kirche ab und gibt der Christenheit die heiligen Stätten wieder. Ginge seine Rechnung auf, hätte Urban sein Amt enorm gestärkt und die Kirche als Machtfaktor auf der politischen Landkarte wieder fest verankert. Im November 1095 ruft der geniale Redner im französischen Clermont mit einer flammenden Ansprache zu einem bewaffneten Pilgerzug auf - ein rhetorisches Meisterstück, das Zeitgenossen Urbans wie der Chronist Wilhelm von Tyros überliefert haben.

Einzug ins Paradies

Die päpstliche Propaganda packt die Gläubigen bei ihren tiefsten Emotionen. Spontan wollen Tausende die Feinde Christi bekämpfen. Doch im Schatten der Kirchtürme, in den jüdischen Vierteln der europäischen Städte, geht die Angst um.
Bald schon verbreitet sich die Kunde von einem neuen Versprechen des Pontifex: Für jeden Kreuzfahrer ein Ablass und der Einzug ins Paradies. Die Versprechen des Papstes überschreiten die Grenzen der christlichen Lehre. Darf der Nachfolger Petri zum Krieg aufrufen und damit das fünfte Gebot "Du sollst nicht töten!" außer Kraft setzen?

Die Koalition von Papst und Pöbel gerät rasch zum Schrecken für jeden Andersgläubigen. Noch hat kein einziger Kreuzfahrer Europa verlassen, als der aufgestachelte Mob bereits seine erste Zielgruppe ins Visiernimmt nimmt: die Juden. Raubend und mordend tobt der Dämon des Hasses durch die jüdischen Viertel von Metz, Xanten, Köln, Trier, Mainz, Worms, Speyer und vieler anderer Städte. Mindestens 4000 bis 5000 Menschen fallen nach vorsichtigen Schätzungen den Pogromen des Jahres 1096 zum Opfer.

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