Pierre Montets Theorie

Der französische Archäologe hält Tanis für Piramesse

Bei der Fahndung nach der legendären Hauptstadt von Ramses II. standen Forscher lange vor einem Rätsel. Altägyptische Quellen belegen, dass der berühmte Pharao sie nicht bei dem gewaltigen Karnak-Tempel in Luxor errichtete. Ramses entschied sich auch gegen den Standort Memphis. Stattdessen führt Ramses' Spur an den Ort seiner Kindheit - ins Nildelta.

Pierre Montet (Spielszene) Quelle: ZDF

Überlieferungen zufolge erbaute der Pharao die Metropole Piramesse am östlichsten Flussarm. Doch wo er einst verlief, wusste später niemand mehr. Denn in den vergangenen 3000 Jahren suchte sich das Wasser immer wieder neue Wege, die Verzweigungen des Nil änderten sich ständig. Sein östlichster Ausläufer ist längst verlandet. Das alte Flussbett wiederzufinden, schien aussichtslos.

Ruinen-Feld Quelle: ZDF

Unverwechselbares Zeichen

Der einzige greifbare Anhaltspunkt waren die zahllosen Statuen und Obelisken des ehrgeizigen Ramses. Irgendwo im Nildelta, so hofften die frühen Ägyptologen, mussten die bis zu 30 Meter hohen Steinriesen noch zu finden sein. Dutzende von Monumenten mit dem Ebenbild des großen Königs prägten zu seinen Lebzeiten das Stadtblid von Piramesse. Und alle schmückte als unverwechselbares Zeichen die persönliche Kartusche des Regenten. Die Inschrift verkündete den offiziellen Thronnamen und bezeugte seine direkte Abstammung vom Sonnengott: Ramses - Sohn des Ra.

Wie viele andere Gelehrte und Abenteurer seiner Zeit suchte auch der Archäologe Pierre Montet nach ägyptischen Altertümern. Mit seinem Team durchkämmte der Franzose um 1921 eine entlegene Region im Nordosten des Nildeltas. Die Männer wussten, dass in dem Gebiet die Ruinen der untergegangenen Stadt Tanis liegen, die Kollegen schon vor Jahrzehnten teilweise freigelegt hatten. Als der Forscher schließlich die Anlage in Augenschein nahm, sah er sich am Ziel seiner Träume. Er beschloss, die Stätte weiter auszugraben. Wohin er auch blickte waren behauene Steinblöcke, die meisten mit Hieroglyphen und Bildnissen dekoriert.

Reizvolle These

Pierre Montet stürzte sich sofort in eine erste Bestandsaufnahme. In dem Areal herrschte großes Durcheinander - vermutlich verursacht durch rücksichtslose Plünderer. Trotzdem erkannte der Franzose in dem Chaos ein immer wiederkehrendes Motiv. Die Inschriften wiesen eindeutig auf den großen Ramses hin. Überall war die Visitenkarte des gottgleichen Regenten - die königliche Kartusche. Die Darstellungen inspirierten den Ägyptologen zu einer reizvollen These: Vielleicht stand er gar nicht in Tanis, sondern in Piramesse - der ehemaligen Residenz des großen Ramses. Montet sah sich schon als glücklichen Entdecker der lang gesuchten Stadt. Er hoffte, mit dieser Sensation in die Geschichte einzugehen.

"Ra-messu" ... "Meri-Amun" - der von Ra Geborene, geliebt von Amun. Montet hatte die Kartusche nach nur fünf Minuten an drei unterschiedlichen Stellen gefunden. Vom unerwarteten Erfolg ermutigt, wollte er mit seinem Assistenten nach weiteren Belegen für seine Piramesse-Theorie Ausschau halten. Der Franzose brauchte schnellstens ein erstes Gutachten, um seine Vorgesetzten in Kairo zu informieren. Nur so konnte er eine offizielle Grabungslizenz von den Behörden erwirken.

Montet blickt auf Ausgrabungsstätte (Spielszene) Quelle: ZDF

Aussichtsreiche Bilanz

Auf Montet wartete eine Menge Arbeit. Das ausgedehnte Fundfeld gründlich zu untersuchen war in jeder Hinsicht ein Mammutprojekt. Es sollten Jahre vergehen, bis alle Formalitäten unter Dach und Fach waren. Erst 1928 - unter strenger Bewachung durch die Ägypter - setzten Montets Arbeiter zum ersten Mal den Spaten an. Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich der Ort zu einer Großbaustelle. Den einheimischen Hilfskräften bot die Grabung eine willkommene Vollzeitbeschäftigung, für den Europäer wurde sie zur Lebensaufgabe. Immer mehr Objekte schälten die Männer aus den Schutthaufen. Die Liste mit Hinterlassenschaften aus der Ramses-Zeit wuchs stetig - eine aussichtsreiche Bilanz.

Montets Berichte über die vermeintliche Entdeckung von Piramesse erschienen schon bald in bekannten Fachmagazinen. Auch die internationale Presse ließ nicht lange auf sich warten. Fotos vom neuen Helden der Archäologie gingen rund um die Welt. Es war der Beginn einer glanzvollen Karriere. 29 Jahre lang folgte eine Kampagne der anderen. Jedes Mal kamen sensationelle Funde ans Tageslicht. Bislang zählten die Ausgräber allein vierzig kolossale Obelisken, Säulen und Statuen. Ein Ende war nicht abzusehen. Pierre Montet glaubte fest daran, dass er aus dem riesigen Puzzle eines Tages die Hauptstadt Ramses des Großen rekonstruieren kann.

Wissenschaftler Fehler

Die bereits frei gelegten Fundamente der Häuser, Tempel und Paläste ließen ahnen, wie majestätisch die versunkene Metropole die Region einst beherrschte. Doch der Archäologe beging einen groben wissenschaftlichen Fehler. Er wollte nicht wahrhaben, was sein Assistent längst festgestellt hatte: Vielen der tonnenschweren Kolosse fehlt etwas Entscheidendes, nämlich der Sockel. Eigentlich hätte Pierre Montet alarmiert sein und nach einer Erklärung suchen müssen. Aber er maß dem auffälligen Befund keinerlei Bedeutung zu. Nichts konnte seine Theorie ins Wanken bringen.

Hartnäckig versuchte sein Mitarbeiter, das Augenmerk des Chefs auf das Problem zu lenken. Der junge Mann wusste zwar, dass viele Statuen und Obelisken bei der Bergung beschädigt worden waren, aber dass die meisten Stücke aus der Ramses-Zeit ohne Basis waren, dafür musste es einen gewichtigen Grund geben. Außerdem tauchten immer häufiger Steinfiguren auf, die überhaupt nicht zu den früheren Funden passten. Irgendetwas stimmte nicht. Ob Plünderer die Kunstwerke mutwillig zerstört hatten oder warum die Monumente kein einheitliches Bild ergaben, blieb damals offen.

Wenig beeindruckt

Der verheißungsvolle Ausgrabungsort gab zusehends Rätsel auf. Um so mehr, als ein Einheimischer plötzlich mit einer Fayence-Kachel auftauchte. Als Montet hinzukam, präsentierte der Mann dem Franzosen seine Entdeckung. Sie trug die Kartusche von Ramses II., daran bestand kein Zweifel. Der Bauer hatte sie etwa 30 Kilometer vom Lager entfernt aus dem Boden geholt. Montet zeigte sich wenig beeindruckt, als der Ägypter behauptete, das Überbleibsel stamme vom alten Piramesse. Schließlich prangte die königliche Inschrift auf fast jedem Stein in seiner Grabung. Was bedeutete da eine einzelne Fliese?

Die archäologische Stätte, die seine Vorgänger als Tanis identifiziert hatten, musste Piramesse sein, davon war Montet überzeugt. Dafür sprachen auch der riesige Amun-Tempel und zahlreiche andere Funde. Mit Nachdruck verteidigte Montet seine Erkenntnisse und beendete die Diskussion. Doch der Kachelfund aus dem 30 Kilometer entfernten Acker, unter dem angeblich Piramesse schlummern soll und die zahllosen Monumente von Ramses dem Großen, die Montet in Tanis ausgegraben hatte, wollten nicht so recht zusammen passen. Was damals niemand ahnte - beide Fundfelder führten zur Metropole des Pharao und ihrer wechselvollen Geschichte.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet