Pilgerfreuden und Ketzerei

Die Geschichte des Mönchs Edward (2)

Wallfahrten waren eine grandiose Geschäftsidee des Mittelalters. Die Pilger ließen in Santiago de Compostela ihr Reisegeld in Hotels, Schenken und Bordellen. Sie machten aber auch der Kirche reiche Geschenke und stifteten für ihr Seelenheil. Die heilige Stadt hatte auch den Ruf eines Sündenbabels. Auch unser Mönch Edward konnte den Verlockungen nicht widerstehen.

"Ich ging ahnungslos in eines der Badehäuser. Niemand fand etwas dabei, zu den Frauen in die Zuber zu steigen."

"'Niemand sage, Gott versuche ihn zum Bösen. Ein jeglicher wird von seiner eigenen Lust verlockt.' (1. Brief des Jakobus) Und doch war ich versucht. Was war nur mit mir geschehen? Hatte ich mein Gelübde gebrochen? Enthaltsamkeit ist nicht unbedingt eine Tugend. Aber, ich hatte Keuschheit gelobt."

Gelübde vom Himmel




"Die Bitten der Gläubigen werden erhört, ihre Gelübde vom Himmel angenommen und die Fesseln ihrer Sünden gelöst. Auch ich hatte meine Sünden getilgt. Aber mein Auftrag war noch nicht erfüllt: Sacroboscos Buch musste ich noch finden. Hoffentlich in Toledo."

"Endlich war ich am Ziel. Und entdeckte das Buch, nach dem ich gesucht hatte. Und ich beichtete, dass das kostbare Buch durch meinen Leichtsinn und meine Ungehorsam verbrannt war. Konnte ich es hier erwerben und nach Hause bringen? Der Bibliothekar versprach, nach einer Abschrift zu sehen. Ich konnte hoffen; denn nie zuvor hatte ich eine so reichhaltige Bibliothek gesehen, mit dem Wissensschatz der Antike und der arabischen Welt."

Ansichten über Gott und Teufel




"Wie froh war ich, Sacroboscos 'De sphaera' für unsere Bibliothek wieder zu erwerben. Damit hatte ich den Auftrag meines Abtes erfüllt. Der Bibliothekar machte mir aber noch das Buch über die zwei Prinzipien zum Geschenk, das mein Interesse erregt hatte. "De duobus principiis" - "Über die zwei Prinzipien". Nach der Lehre der Kirche gibt es nur ein Prinzip, das göttliche! - Noch nie hatte ich von diesem Buch gehört. Es enthalte andere Ansichten über Gott und den Teufel, sagte er."

"Von Toledo aus begann ich meinen Rückweg. Über Frankreich wollte ich zurück in meine geliebte Heimat. Ein gutes Jahr war ich nun unterwegs. Jetzt auf unbekannten Pfaden. Ich stürzte auch einen Hang hinunter, doch die Bücher blieben unversehrt. Heiliger Jakob sei Dank!"

Ketzerische Gedanken

"Im Buch über das gute und das böse Prinzip, las ich: Gott selber habe den Satan geschaffen, das Böse, die Dunkelheit, die Begierden der Menschen und das Mörderische in der Welt. Das sind ketzerische Gedanken. Wer ihnen anhängt, muss die Heilige Inquisition fürchten, wie die Katharer, durch deren Land ich irrte. Aber wer will wissen, was richtig ist? Kann man von Gott mehr erkennen, als dass er existiert? Ist es nicht besser, sich mit Naturwissenschaften zu befassen als nur mit Glaubensfragen. Es sind ketzerische Gedanken. Aber ich konnte sie nicht bannen."

"Ich erlebte, wie ein ganzes Dorf der Ketzerei verdächtigt wurde. Die armen Menschen. Sie gelten als tiefgläubig, verurteilen den Prunk der Kirche. Und Besitz gilt ihnen - wie uns Mönchen - nicht viel. Auch ich wurde mit Argwohn betrachtet und festgehalten, denn als Augenzeuge war ich nicht gern gesehen. Obendrein hielt einer der Schergen der Inquisition das Buch über die zwei Prinzipien für eine "Bibel der Katharer". Aber ich bezweifele, dass er überhaupt lesen konnte."




"Ich hatte nichts zu befürchten, denn anders als die Katharer, konnte ich reinen Gewissens den Schwur leisten. Gegen Sacroboscos Buch über die Himmelsphären hatte der Inquisitor nichts einzuwenden. Aber die Katharerbibel, wie er das ketzerische Buch über die zwei Prinzipien nannte, zog er ein."

Reicher an Gnaden und Wissen

"Gott sei Dank. Ich war frei und der kostbare Bücherschatz für mein Kloster gerettet. Das Land der Katharer ließ ich gerne hinter mir. Auch wenn mir nicht alles fremd war, was sie dachten. Zwei Jahre und drei Monate, nachdem ich an den Gräbern der Apostel gebetet hatte, kehrte ich, reicher an Gnaden und Wissen, zu meinen schottischen Brüdern zurück. Das Buch - das durch meinen Ungehorsam verbrannt war - wird wieder in unserer Bibliothek stehen. Meine Mitbrüder drängten mich, ihnen von meinem Erlebnissen in der Welt zu berichten. Doch manches ist nur für die Ohren meines Beichtvaters bestimmt."

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet