Pioniere aus der Südsee

Die Geschichte der Maori

Erst vor rund 700 Jahren betraten die ersten Menschen neuseeländischen Boden: die Maori. Dieses Seefahrervolk kam aus der Südsee, aus dem fernen Polynesien. Warum sie ihre ursprüngliche Heimat verlassen haben und wo genau sie damals herkamen, darüber rätseln die Wissenschaftler immer noch.

Polynesisches Boot bei der Ankunft auf einer Insel
Polynesisches Boot bei der Ankunft auf einer Insel Quelle: ZDF

Einige Forscher vermuten, dass die Besiedlung der polynesischen Inselwelt mit den Zentren Fidschi, Samoa und Tonga bereits vor 4000 Jahren von Westen aus begann. Die weite Seereise nach Neuseeland unternahmen die Polynesier aber erst viel später. Denn lange Zeit schien diese Fahrt zu gefährlich.

Raues Wetter, weite See

Die rauen Wetterbedingungen waren eine große Hürde für die Eroberung der Welt in südlicheren Breiten. Stürme sind in diesem Teil des Pazifiks an der Tagesordnung. Zudem mussten gewaltige Distanzen überwunden werden, in denen es keine Inseln, keine Orientierungsmöglichkeiten gab. Lange galt es als unvorstellbar, dass die Polynesier diese Herausforderung vor Jahrhunderten überhaupt meistern konnten.

Doch eine Reihe von erstaunlichen Techniken, die das Seefahrervolk entwickelte und in der Südsee-Inselwelt erprobte, wirft ein neues Licht auf die Geschichte der Polynesier. Das Leben mit dem Meer gehörte für die Inselbewohner von jeher zum Alltag. Konnten die Ressourcen der Heimatinsel die Bevölkerung nicht mehr ernähren, machte sich eine Gruppe auf die Reise, um neue Ufer zu erkunden.

Eine Gruppe Maori fischt mit einem speziellen Schleppnetz
Fischfang Maori Quelle: ZDF

Aufbruch in fremde Welten

Jede Insel musste aufs Neue erforscht werden. Unbekannte Früchte wurden auf ihre Verwertbarkeit hin begutachtet, eigens mitgebrachte Kulturpflanzen mussten sich unter den jeweiligen neuen Bedingungen bewähren. Die Versorgung mit tierischen Proteinen sicherte der Fischfang, den die Polynesier meisterhaft beherrschten. Dank spezieller Fangmethoden wie der Treibjagd konnten sie sich auf eine reiche Beute verlassen, unabhängig von den Gegebenheiten, die auf der neuen Insel herrschten.

Mit der Zeit breitete sich das Volk über den gesamten Südseeraum aus. Eine Voraussetzung für diese Entwicklung waren Fertigkeiten im Bootsbau und immer wieder Innovationen, die die Seetüchtigkeit verbesserten. Die Erfindung des Auslegerkanus sicherte die Stabilität der Boote auch in rauen Gewässern. Daneben stand vor allem die Optimierung der Segeltechnik im Vordergrund. Der Mast wurde so konstruiert, dass er von einer auf die andere Seite versetzbar war. Das machte die Boote wendiger, und man konnte so gegen den Wind kreuzen.

Innovationen in der Segeltechnik

Dennoch blieb die Reise gefährlich, da es regelmäßig tobende Stürme zu überstehen galt. Hier entwickelten die Polynesier eine besondere Segelform mit einer tiefen Ausbuchtung: das Krebsscherensegel. Während die herkömmlichen Segel im Sturm Windturbulenzen hervorriefen, trieb die Luft beim Krebsscherensegel das Boot ohne Verwirbelungen an. Die Boote lagen stabiler im Wasser und erreichten höhere Geschwindigkeiten.

Das Windverhalten von Krebsscherensegel und normalem Segel
Krebsscherensegel Quelle: ZDF

Neben den technischen Innovationen spielte die Kenntnis des Sternenhimmels eine entscheidende Rolle. Die Polynesier nutzen die Sterne zur Navigation. Eine fast unglaubliche Leistung, denn es gab keine schriftliche Aufzeichnungen: Die Seefahrer hatten ihre Sternenkarte im Kopf.

Neustart im fremden Land

Vermutlich veranlassten Konflikte um schwindende Ressourcen und Hunger eine Gruppe, das Abenteuer zu wagen und sich auf die weite Reise ins Ungewisse zu begeben. Im Gepäck hatte sie Pflanzen und Tiere aus der Heimat für den erhofften Neustart. Aber nicht nur ihr Können, auch das Glück war auf Seiten der polynesischen Auswanderer. Forscher haben für jenen Zeitraum eine leichte Temperaturerhöhung festgestellt, die sich günstig auf die Wetterbedingungen ausgewirkt haben könnte - vielleicht das Zünglein an der Waage, das ausgerechnet diesen Pionieren das Tor nach Neuseeland öffnete.

Wie lange die Reise dauerte und wie viele gescheiterte Versuche es gegeben haben könnte, darüber ist nichts bekannt. Die neuen Heimatinseln im Südwesten waren viermal größer als alle polynesischen Inseln zusammen. Wissenschaftler vermuten, dass ursprünglich nur etwa 200 Menschen die neue Kultur begründeten. Die kleine Gruppe traf auf für sie völlig fremde Landschaften. Ihre Erfahrungen und Gewohnheiten reichten nicht aus, die Lebensgrundlage zu sichern. Es galt also, das Neuland von Grund auf zu erforschen. Vor allem die Landwirtschaft stellte die Menschen vor eine Herausforderung, denn die Erträge ihrer Kulturpflanzen waren unter den neuen Bedingungen enttäuschend. Die einzige aus Polynesien importierte Nutzpflanze, die in dem fremden Boden gedieh, war die Süßkartoffel oder Kumara. Für alle anderen Früchte wie zum Beispiel Bananen oder Kokosnüsse war das Klima viel zu rau.

Jagd statt Landwirtschaft

Die Tragweite der Probleme wurde erst allmählich klar. Zunächst fühlten sich die Maori wie im Paradies. Sie ignorierten die Sorgen um die Landwirtschaft, denn die Insel bot genügend andere Schätze. Fleisch gab es in rauen Mengen - ein Luxus, der den Polynesiern aus ihrer Heimat bis dahin unbekannt war. Die Tiere Neuseelands waren leichtes Jagdwild, denn am Boden jagende Raubtiere kannten die hier lebenden Vögel nicht. Zum Fang wurden spezielle Fallen ersonnen. Da vielen der neuseeländischen Vögel der natürliche Fluchtreflex fehlte, erkannten sie die tödliche Gefahr nicht, die von den neuen Besuchern ausging.

Drei Maori sammeln Eier aus dem Nest eines Moas
Maori Eier sammeln Quelle: ZDF

Die wichtigste Nahrungsquelle aber war der straußenartige Moa, der Herrscher über die Wälder Neuseelands. Die Maori nutzten nicht nur sein Fleisch, sondern auch die riesigen, nahrhaften Eier. Auch diese waren eine leichte Beute, denn der Moa war es nicht gewohnt, seine Eier vor Raubtieren zu schützen. Mit diesem Reichtum gesegnet, blühte die Kultur der Maori.

Das Ende des Paradieses

Das Leben im Garten Eden dauerte aber nicht ewig. Die Maori machten eine bittere Erfahrung: Sie hatten das sensible Gleichgewicht der Insel gestört. Die Vogelbestände konnten sich nicht so schnell erholen, wie sie gejagt wurden, und die Landwirtschaft war nicht ergiebig genug. Die Maori reagierten auf diese Misere mit einem fatalen Fehler: Feuer. Sie brannten die Wälder nieder, um selbst die letzten Tiere noch aus ihren Verstecken zu treiben.

Das Schicksal des Riesenvogels und vieler weiterer Arten war damit besiegelt. Die Folgen dieser Entwicklung waren fatal. Fleisch war nun eine Kostbarkeit, und zwischen den Stämmen tobten heftige Konflikte um die verbliebenen Ressourcen. Es kam zu Kriegen, die das Volk bis an den Rand der Vernichtung brachten.

Kriegerisches Erbe

Aus jener Zeit stammt der Haka, ein Kriegstanz, der den Gegner einschüchtern und den eigenen Truppen Selbstsicherheit geben sollte. Eindringliche Gesten wie das Präsentieren der Zunge und das Schlagen auf den eigenen Körper dienten der Abschreckung und halfen, Blutvergießen zu vermeiden. Noch heute beginnt die neuseeländische Rugbymannschaft ihre Spiele mit einem Haka.

Furchteinflößende Tätowierungen im Gesicht dienten demselben Zweck: Der Gegner sollte gleich erkennen, wozu der Träger eines solchen Körperschmucks fähig ist. Mit einem Meißel aus Vogelknochen, der zuvor in eine Art Ruß getaucht wurde, wurden die Muster von Tätowiermeistern mit tiefen, sehr schmerzhaften Schnitten in die Haut geritzt.

Tabus - heilige Orte

Ihrem Untergang konnten die Maori nur dadurch entgehen, dass sie friedliche Wege fanden, sich auf die Besonderheiten Neuseelands einzustellen. Große Bedeutung gewann die Rückbesinnung auf Traditionen aus ihrer alten Heimat. Die religiösen Riten der Polynesier spielten dabei eine wichtige Rolle. Es wurden heilige Tabugebiete eingerichtet. Dort durfte weder gejagt werden, noch war es erlaubt, Früchte und Eier zu sammeln. Die Natur bekam durch die heiligen Regeln die längst überfällige Atempause, und das Leben in den Wäldern konnte sich wieder erholen.

Himmel und Erde verehrten die Maori als das "göttliche Elternpaar". So bauten sie Flugdrachen für die Kommunikation mit den Göttern. Der praktische Nebeneffekt: Sie hatten gleichzeitig ein Gerät entwickelt, mit dessen Hilfe sie sich über weite Entfernungen Botschaften senden konnten - an jedem Tag und zu jeder Stunde.

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