"Platz an der Sonne"

Kolonialherrschaft der Deutschen von 1885 - 1918

Christoph Winter untersucht seit vielen Jahren, wie die Menschen mit dem Berg und seinem Wasser leben. Der Bayreuther Ethnologe studiert das Volk der Chagga. Dazu gehört auch die Aufarbeitung der Geschichte Tansanias.

Haben die Chagga die mysteriösen Kanäle gebaut, in denen das Wasser anscheinend bergauf fließt? Und vor wie langer Zeit? Die erste Hochkultur der Menschheit entstand vor sechstausend Jahren in Mesopotamien. Eine ihrer wichtigsten Voraussetzungen ist das Wissen um die Kunst der Bewässerung. Ein Scherbenfund elektrisiert den Ethnologen. Das könnte ein Schlüssel zum Alter des Kanalsystems am Kilimandscharo sein. Die Scherbe wird sorgfältig verpackt und tritt in der Tasche des Professors eine weite Reise an: vom heiligen Berg der Chagga nach Osten, bis an die Küste Tansanias nach Bagamoyo und Daressalam.

"Mit Gott für Kaiser und Reich"

Am Strand von Bagamoyo befand sich 1888 die erste Hauptstadt Deutsch-Ostafrikas. Am alten Friedhof sind die Spuren der ehemaligen Kolonialherren in Form von Schrifttafeln noch gut erhalten: "mit Gott für Kaiser und Reich". Das deutsche Kolonialreich zerfiel im Ersten Weltkrieg und mit ihm die Boma, der Hauptsitz der Kolonialverwaltung in Bagamoyo. Christoph Winter findet nur noch Ruinen am Ort des ehemals glanzvollen Gouverneurspalasts. Die kolonialen Träume von einem "Platz an der Sonne" währten für die Deutschen nicht lange. Schwarze Hilfstruppen mussten unter Führung der kaiserlichen Offiziere in blütenweißen Tropenuniformen so manchen Aufstand ihrer unterdrückten Landsleute blutig niederschlagen.

Die dunklen Zeiten der Kolonialherrschaft sind lange vorbei. Im Nationalmuseum von Daressalam ist der Ethnologe aus Bayern ein gerngesehener Gast. Seine Scherbe aus dem Chagga-Kanal ist hier am Ziel ihrer Reise. Winter will die Keramik mit archäologischen Funden vergleichen lassen, die in den 60er Jahren am Kilimandscharo ausgegraben wurden. Sie belegen eine eigenständige Kultur. Die ältesten Stücke sind knapp 2000 Jahre alt. Die Museums-Archäologin, selbst eine Chagga, erkennt Winters Entdeckung sofort. Ohne Zweifel, das Bruchstück ist echt und mehrere hundert Jahre alt. Ein wichtiger Hinweis auf das Alter des Fundorts, des Kanals.

Fortschrittliches Volk

Vielleicht war die Scherbe einmal Teil eines Topfs als Abschluss einer alten Chagga-Hütte. Zu bewundern sind diese Reisigbauwerke heute nur noch im Museum. Im Reich der Chagga sind sie längst verschwunden. Die Leute vom Kilimandscharo sahen sich immer schon als ein fortschrittliches Volk. Doch wie lange wird das Ökosystem den "Fortschritt unserer Zeit" noch ertragen?

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