Pracht und Elend in Avignon

Korruption, Prostitution und der schwarze Tod

Avignon wird zu einem Anziehungspunkt für Zuwanderer aus entfernten Regionen. Die Stadt gewinnt kosmopolitisches Flair. Kirchenleute, die aus Rom mit den Kardinälen mitgegangen sind, entdecken, dass das Leben im "französischen Exil" sehr angenehm sein kann. Doch Prostitution und Korruption sind die Kehrseite der Medaille.

Gemälde Pestreiter Quelle: ZDF

Händler und deren Frauen kommen in die Stadt. Es entwickelt sich ein neues Bürgertum. Aber auch die dunklen Seiten des städtischen Lebens stellen sich ein: Korruption und Prostitution. An zwielichtigen Geschäften, so heißt es, verdient die Geistlichkeit kräftig mit. Prunkvolle Gastmahle werden gegeben. Mätressen gehen ein und aus. "Hure Babylon" wird Avignon geschimpft. Und das alles unter den Augen der Päpste, die über immer neue Geldquellen nachdenken.

Geld gegen Sünden

Die überwältigende Architektur des Papstpalastes ist nicht nur ein Spiegel des Glaubens sondern auch Ausstellung der Macht. Die Päpste fördern die Entfaltung der Künste, sie sind Mäzene. Sie sind offen für einen neuen Stil in der religiösen Malerei. An den Wänden der Privatgemächer, im Stil der kommenden Renaissance: Szenen aus dem Alltagsleben, von der Jagd und dem Fischfang. Voraussetzung ist Geld, und das muss beschafft werden. Eine beliebte Quelle ist der Ablasshandel, ein ausgeklügeltes System: Geld gegen Sünden, für die man im Jenseits büßen müsste. Die Päpste verdienen daran.

Kunstvoll bemalte Decke in einem Privatgemach des Papstes

Eine andere Einnahmequelle ist der Handel mit Reliquien, der seit der Kreuzfahrerzeit schwungvoll blüht. Eine ganze Industrie entsteht, um Reliquien herzustellen. Knochen von Heiligen werden präpariert. Reliquien gehören zum Leben der Menschen im Mittelalter. Holzteile vom Kreuz Jesu hinter kleinen Glasscheiben. Der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist eine Sammlung aus dem frühen 15. Jahrhundert. Es ist die Reliquien-Sammlung eines Papstes. Der Schädel eines Heiligen - wie viele Reliquien sollte er vor Krankheit oder Unglück schützen.

Reliquiensammlung eines Papstes Quelle: ZDF

Die Strafe Gottes?

Europa und auch Frankreich werden Mitte des 14. Jahrhunderts von der Pest heimgesucht. Ist sie die Strafe Gottes für die Sündhaftigkeit der Päpste? Dass Ratten als Überträger eines Bazillus die Seuche verbreiten, weiß man nicht. Tag und Nacht läutet die Totenglocke. Der Tod tritt oft innerhalb weniger Stunden ein. Die Hälfte der 50.000 Einwohner von Avignon stirbt, an manchen Tagen sind es 400 Menschen.

Die Zeit des Mittelalters ist gekennzeichnet von ungeheuren Widersprüchen. Schreckliches Elend auf der einen Seite, Prachtentfaltung auf der anderen. Doch der Tod ist allgegenwärtig. Und die Kunst spiegelt alle Schrecken des Alltags. Die Sehnsucht nach Erlösung ist kaum zu stillen. Was aber kann retten? Die, die sich in der Geschichte durch ihre Taten um die Kirche verdient gemacht haben und das oft mit dem Leben bezahlen mussten: die Heiligen. In einem Zeigegefäß werden die Knochen christlicher Märtyrer ausgestellt, die man seit der Zeit des Mittelalters als kostbare Waren handelt. Auch Reste von Kleidern, Splitter vom Kreuz Christi, Haare, Fingernägel, Blutstropfen.

Karfreitagsprozession in Jerusalem Quelle: ZDF

Reliquien mit himmlischer Wirkung

Von all dem, so glaubt man, gehe eine himmlische Wirkung aus. Im Mittelalter wird dieser Volksglaube immer stärker. In Prozessionen trägt man die Reliquien an Festtagen herum und der Kirche ist das Recht, weil sie so die Gläubigen so noch stärker an die Kirche bindet. Noch heute lebt die mittelalterliche Tradition überall im Christentum fort. Die bedeutendste aller Prozessionen findet seit Jahrhunderten am Karfreitag statt. Unzählige Christen aus aller Welt gehen den Schmerzensweg in Jerusalem, den Jesus gehen musste, bevor man ihn ans Kreuz schlug. Hier fühlen sich die Gläubigen dem Ursprung ihrer Religion ganz nahe. In Jerusalem spüren sie eine geradezu körperliche Nähe mit den Ursprüngen ihres Glaubens.

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