Prestigeobjekt der Savoyer

Ein Foto zeigt zum ersten Mal das Gesicht lebensecht

Die Karriere des Turiner Grabtuchs verläuft über die weltliche Macht des Herrscherhauses der Savoyer. Mitte des 15. Jahrhunderts gelangt es in ihren Besitz. In ihrer Residenzstadt Chambéry wird es zum Prestigeobjekt der herrschenden Familie.

Von Fälschung ist nicht mehr die Rede. In der Sainte-Chapelle verwahrt man das Tuch jetzt offiziell als das "Grabtuch unseres Erlösers Jesus Christus".

Auffallende Brandlöcher

Die Mauernische hinter dem Altar war einst der Ehrenplatz für den Schrein mit dem Grabtuch. Überreste von Ruß zeugen von dem Brand, der 1532 seine Spuren auf dem Leinen hinterlassen hat. Auffallende Brandlöcher entlang der Faltung umrahmen von nun an das Bild.



Zum ersten Mal in der Geschichte wird das Aussehen des Mannes auf dem Tuch beschrieben. Den detaillierten Bericht verfasst die Äbtissin Louise von Vargin, als sie mit ihren Ordensschwestern das beschädigte Tuch ausbessert: "Wir sahen Züge eines Angesichts, das von Hieben gequetscht und geprellt war. Die Schultern sind von Peitschen, die ihn überall trafen, völlig zerschmettert und zerschlagen - wir konnten die Unterseite betrachten und wir sahen die Wunden so deutlich, als würden wir durch Glas schauen."

Völlig neues Gesicht

Das "Jesustuch" ist längst Gegenstand religiöser Verehrung, als es mit den Savoyern in deren neue Residenzstadt Turin übersiedelt. Niemand erwartet etwas Außergewöhnliches, als es im Mai 1898 während einer Ausstellung zum ersten Mal fotografiert wird. Mit der Arbeit beauftragt ist der Amateurfotograph Secondo Pia. Spät am Abend, nachdem die letzten Ausstellungsbesucher den Dom verlassen haben, richtet er seine Kamera auf das Grabtuch ein. Als er die Aufnahme vorbereitet, ahnt er noch nicht, dass diese erste Fotografie dem Mann auf dem Leinen ein völlig neues Gesicht geben wird.

In seinem Labor entwickelt Pia das Bild. Langsam werden erste Konturen sichtbar, bis sich auf der Glasplatte schließlich das Unglaubliche abzeichnet. Hatte man über Jahrhunderte mit bloßem Auge nur ein schattenhaftes Bild auf dem Tuch gesehen, erscheint auf dem Negativ jetzt in klaren Zügen das Gesicht des Mannes plastisch und lebensecht.

Unbezähmbare Neugier

Die Fotografie gibt es zu dieser Zeit gerade erst 60 Jahre. Realistisch wie nie zuvor tritt dem Betrachter auf den Aufnahmen der ganze Körper das Mannes auf dem Tuch vor Augen. Die gekreuzten Hände, der gemarterte Leib, das Gesicht mit den geschlossenen Augen. Die rätselhafte Fotografie entfesselt eine unbezähmbare Neugier. Auf der Suche nach Erklärungen wird der Stoff von nun an zum Gegenstand der Forschung. Die entscheidende Frage zum mutmaßlichen Grabtuch Christi lautet: Ist es echt? Das Leinen wird auf Partikel und Pigmente untersucht.

Leidenschaftlicher Disput

Die erste bahnbrechende Erkenntnis aus den Analysen: das Bild kann kein Gemälde sein. Kein Farbauftrag, kein Pinselstrich ist unter dem Mikroskop auszumachen. Das Bild scheint auf den Fasern nur zu schweben. Andere Ergebnisse sind nicht immer eindeutig und die eindeutigen führen unter den Wissenschaftlern nicht immer zu den gleichen Schlussfolgerungen.


Zwischen Echtheitsbefürwortern und -gegnern hat sich in hundert Jahren Forschung ein leidenschaftlicher Disput entsponnen. Jetzt fordert man den unumstößlichen Beweis. In Turin werden im April 1988 drei unabhängige Institute beauftragt, den Stoff mit dem Radiocarbontest zu datieren.



Dem Grabtuch werden Proben entnommen. Über die Halbwertszeit der noch enthaltenen radioaktiven Kohlenstoffe wird das Alter errechnet. Stammt das Turiner Leinen aus der Zeit Jesu? Nach sechs Monaten steht das einstimmige Ergebnis fest. Im Oktober wird es in London verkündet: Das Jesustuch stammt aus der Zeit zwischen 1260 und 1390. Es muss eine Fälschung aus dem Mittelalter sein.

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