Projekt Mauerbau

Gewaltiges Unternehmen erfordert hohe Opfer

Der gigantische Grenzwall der Han-Dynastie beginnt nahe der Stelle, die der britische Forscher und Archäologe Aurel Stein Anfang des 20. Jahrhunderts entdecken sollte: am Yumenguan, dem Jadetor. Hier sollte sie die Handelskarawanen schützen, die Waren zwischen China und den arabischen Reichen transportierten.

Bauarbeiten an der Mauer

Wie viele Menschen zur Errichtung dieses riesigen Bauwerks eingesetzt wurden, weiß heute niemand mehr. Fest steht, dass viele von ihnen Zwangsarbeiter waren, auf die schon wegen geringster Vergehen jahrelange Sklavenarbeit wartete.

Kugeln auf dem Rechenbrett

Für die Beamten am Hofe waren sie nur Kugeln auf einem Rechenbrett. Dies zumindest legt eine überlieferte Berechnung nahe: "Wenn ein Mann fünf Meter Mauer in einem Monat errichtet, dann schaffen dreihundert Mann rund 1,5 Kilometer. Also 3000 Mann gleich 15 Kilometer. Das heißt, mit 100.000 Mann können wir rund 1000 Kilometer Mauer in einem Monat fertig stellen." Wie aber konnten Abertausende Menschen in einer Region untergebracht und ernährt werden, in der es nichts gab - außer Staub und Steinen?

Ruinen des Kornspeichers von Hecang

Kaum zehn Kilometer östlich vom legendären Jadetor entfernt ragen noch heute die Mauern eines gigantischen Kornspeichers in den Wüstenhimmel. Aus allen Teilen des Reiches wurden riesige Mengen Getreide hierher transportiert. Zunächst diente das Vorratslager der Versorgung der Bautrupps, später dann den Grenzsoldaten, die hier zu Tausenden stationiert wurden. Doch Vorratshaltung ist teuer, die Beamten des Kaisers dachten sich bald eine günstigere Lösung aus, die allerdings auf Kosten der Menschen ging.

Dauerhafte Einverleibung

Die Leidtragenden sind bis heute namenlos. Tausende gehörten dem neuen Stand der Wehrbauern an: Mittellose Landarbeiter, die in der Armee verpflichtet wurden. Um Kosten zu sparen, rekrutierte man ihre Familien gleich mit und ließsie selbst für ihre Ernährung sorgen. Durch die Kolonisierung des unwirtlichen Landstriches sollte das strategisch wichtige Gebiet dauerhaft dem chinesischen Reich einverleibt werden. Noch heute gibt es Städte und Dörfer in dieser Region, deren Ursprung sich auf die Besiedlung durch Wehrbauern zurückführen lässt.

Siedlung am Rand der Mauer


Doch die meisten Siedler bleiben nicht freiwillig in diesem Niemandsland. Nacht für Nacht patrouillierten Soldaten durch die Dörfer, um die Bewohner an der Flucht zu hindern. Die Wehrbauern waren nicht die einzigen Opfer von Kaiser Wudis Expansionspolitik. Insgesamt zwei Millionen Menschen ließ er in die neuen Grenzregionen umsiedeln. "Die Menschen werden die Vorteile der Mauer erkennen und ohne zu klagen das Werk vollbringen", hatte der Kanzler Kaiser Wudi vorausgesagt. Die Realität sah wohl anders aus: "Mit heiseren, traurigen Schreien baut man die Mauer, niedrig erscheinen Mond und Sonne neben ihr. Räumte man aber die weißen Gebeine der Toten nicht weg, türmten sie sich bis auf die Höhe der Mauer" (Überlieferung).

Jeder Meter ein Menschenleben

Niemand kennt die Zahl der Opfer, die dieses gewaltige Unternehmen forderte. Jeder Meter Mauer kostete ein Menschenleben - so die Legende. Beweise dafür suchte man vergeblich, denn bis heute gibt es nur Vermutungen, wo die Mauer genau verlief. Und kaum jemand kann die Frage beantworten, wie lang die Mauer der Han-Dynastie wirklich ist. Aktuelle Angaben beziehen sich auf Untersuchungen von Dong Yahoui. In den 80er Jahren ist der Vizepräsident der Great Wall Society den Spuren der Han-Mauer zu Fuß gefolgt. Seine Erkenntnisse gaben der Wissenschaft entscheidende Impulse zur Erforschung ihres Verlaufs und ihrer Länge. Das Bild von der einen, der Großen Mauer Chinas, gehört ins Reich der Mythen und Legenden.

Mauer der Ming-Dynastie

Die Große Mauer der Ming-Dynastie, die die Touristen bei Badaling besuchen, hat das Bild der Großen Mauer in aller Welt geprägt. Über 1200 Kilometer schwingt sie sich durch das Tian Gebirge im Norden Pekings in atemberaubende Höhen. Staunend bewundert man die Kühnheit ihrer Baumeister, auch wenn der militärische Nutzen an vielen Stellen zweifelhaft erscheint. Dennoch ist die Aussage unmissverständlich: Hier endet die eigene Welt, und dort beginnt die fremde.

Ausdruck einer Kultur

Die Mauer als Ausdruck einer Kultur, die sich selbst genug sein wollte. Das Monument aus Stein markiert den Höhepunkt des Mauerbaus in der langen chinesischen Geschichte. Aber nahezu jede Dynastie hatte ihre eigene "Große Mauer" errichtet, ein einheitliches strategisches Konzept gab es nicht. Die Gesamtlänge aller Mauern schätzt man auf über 25.000 Kilometer. Noch längst sind nicht alle Mauerreste gefunden.

Computergrafik Verlauf der Mauern


Am Gelben Fluss, an der Grenze des zu allen Zeiten umkämpften Ordosgebietes, haben Wind und Wetter im Laufe der Zeit tiefe Wunden in den Wall aus gestampftem Lehm gerissen. Wie von der Natur geschaffen fügen sich die Relikte des alten Erdwalls in die Landschaft. Seine fragile Schönheit relativiert den Mythos von der Mauer als Symbol nationaler Stärke. "Wer es nicht auf die Mauer geschafft hat, ist kein ganzer Mann", soll Chinas kommunistischer Staatsführer Mao Tse Tong gesagt haben. Weiter im Westen, in den Ausläufern der Taklamakan-Wüste, war den Chinesen die Existenz der Han-Mauer zu allen Zeiten durchaus bekannt. Allerdings schrieben sie ihren verfallenen Relikten keinerlei Bedeutung zu. Erst die Entdeckung durch den Briten Aurel Stein katapultierte sie schlagartig in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit.

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