Qantir ist Piramesse

Zahlreiche Ramses-Relikte am Pelusischen Arm

Wenn Tanis nicht Piramesse ist, dann müssen irgendwo im östlichen Nildelta die Fundamente der herrschaftlichen Residenz begraben liegen. Und das in nicht allzu weiter Entfernung. Denn die Steine aus Piramesse wiegen viele tausend Tonnen.

Stadtbild Qantir Quelle: ZDF

Manfred Bietak sucht auf der Karte nach Ansiedlungen, die im 13. Jahrhundert vor Christus an einem aktiven Nillauf gelegen und ausreichend Fläche für eine Metropole geboten haben. Der Archäologe entdeckt eine weitere verlandete Verzweigung des segensreichen Stromes, den Pelusischen Arm. Er schlängelte sich über 180 Kilometer bis zur Mittelmeerküste. Entlang der Ufer stießen die Archäologen auf eine Fülle von Keramik aus der Ramses-Zeit. Damit steht fest: Während der Regentschaft des Pharao führte der Pelusische Arm Wasser.

Bietak studiert Karten Quelle: ZDF

Spuren verdichten sich in Qantir

1980 schließt sich Bietak mit dem deutschen Archäologen Edgar Pusch zusammen. Seither leiten die beiden die Grabungen im Delta - unweit von Tanis. Entlang der Ufer des Pelusischen Nil-Arms finden sie überall Spuren Ramses II. und seiner Nachfolger. In Qantir konzentrieren sich die Hinweise auf Ramses-Siedlungen besonders stark. Schon als Pierre Montet in Tanis arbeitete, kursierte in Fachkreisen das Gerücht, Qantir sei das wahre Piramesse. Denn dort tauchten immer wieder Fayence-Kacheln aus der Ramses-Zeit auf.

Qantir erstreckt sich etwa 30 Kilometer südöstlich von Tanis. Seit jeher bewirtschaften Bauern die fruchtbare Ebene im großen Stil. Das milde Klima bringt jedes Jahr satte Erträge. Als Edgar Pusch den Ort zum ersten Mal unter die Lupe nimmt, hält er eine Kampagne für aussichtslos. Wohin er auch blickt, nichts als Äcker und Felder. Keine Statuen, Obelisken oder Tempel. Nicht der kleinste Anhaltspunkt für einen Ort, der vor Jahrtausenden zur ersten Adresse des Reiches aufstieg.

Kornfeld Qantir Quelle: ZDF

Erfolgsversprechende Objekte

Schon die Menschen im Altertum rühmten das Delta als Kornkammer Ägyptens. Jeder Zentimeter Boden wird genutzt. Ihn aufzureißen und nach einer Stadt zu suchen - ein nahezu aussichtsloses Unterfangen. Außerdem musste der Archäologe die Fellachen überzeugen, ihm die Felder zu verpachten. Die einzige Chance, um die prachtvolle Residenz des Pharao vielleicht doch zu entdecken.

Bereits nach drei Tagen werden die Ausgräber fündig. In nur zehn Zentimeter Tiefe stößt das Team auf erfolgversprechende Objekte. Anfangs kann Edgar Pusch die Gegenstände nicht identifizieren. Einige sollten aber später zu Kronzeugen der Ermittlungen im Fall Ramses werden. Das Sammelsurium an unscheinbaren Bruchstücken wurde minutiös archiviert. Doch niemand wusste, was sie darstellten, geschweige denn, wozu sie dienten. Da die Fragmente einzigartig waren, konnten sie nicht mit dem anderem Fundmaterial verglichen werden. Deshalb bekamen sie Bezeichnungen wie "Bruchstück einer Vase" oder "Teil eines Dolchgriffes".

Kuriose Konstruktion

Mit jedem Tag fördern die Arbeiter weitere Relikte zutage. Schließlich gibt der scherbenübersäte Boden von Qantir auch ein Metall-Gebilde frei, das sich auf Anhieb einordnen lässt. Es ist die vollständige Trense eines Pferdes, ein einheimisches Produkt aus Bronze. Die einzige, die aus ganz Ägypten bekannt ist - und so gut erhalten als sei sie nagelneu. Sämtliche Objekte lagen in unmittelbarer Nähe eines Gebäudes. Als das Lehmziegelfundament frei geschaufelt wird, offenbart Qantirs Vergangenheit noch eine Überraschung: eine Konstruktion, die der Archäologe Pusch erst auf den dritten Blick versteht.

Riesige Stallung

Es handelt sich um eine auffällige Anordnung von Steinen: Der vordere ist eine Art Halterung, dahinter ist ein Bodenloch, eingerahmt von einem Kalksteingürtel. Die Größe des Gebildes ist so, dass ein Hengst in der Größe der damaligen Zeit, der an den beiden Steinen angebunden war, theoretisch direkt in diese Öffnung urinieren konnte. Die Konstruktion ist klar: Das war eine Art Pferde-Toilette.


Die Vorrichtung entpuppte sich als Teil einer riesigen Stallung: Sechs Reihen mit jeweils zehn geräumigen Boxen, jede ausgestattet mit mehreren Pferde-Toiletten. In dem Komplex waren mindestens 460 Tiere einquartiert. Der Marstall spricht für eine Garnison, wie sie auch Ramses der Große in Piramesse unterhielt. Und tatsächlich lassen sich die Fundamente in die Zeit seiner Dynastie datieren. Doch derartige Stützpunkte gab es ebenso in anderen Städten.

Streitwagen Quelle: ZDF

Dafür gelang es dem Archäologen, die Funktion der Anlage zu bestimmen. Den Ausschlag lieferten die kleinteiligen Stücke - Spezialzubehör aus Kalzitalabaster. Bei einem Besuch im Museum von Kairo fiel Pusch ähnliche Knäufe auf. Sie saßen auf den Gabeln der königlichen Streitwagen von Tutenchamun. Bekannt ist, dass eine gewaltige Armee unter Pharao Ramses diente, zu der auch eine stattliche Streitwagen-Truppe gehörte. Für die Instandhaltung der rasanten Gefährte brauchten die Soldaten immer wieder neue Jochgabel-Knäufe. Die Truppen waren stets am Regierungssitz stationiert. Schon allein, weil der Herrscher zugleich als oberster Befehlshaber fungierte.

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