Qualität mit System

Vertrauenswürdigkeit war das hansische Markenzeichen

Obwohl die Hanse weder von einer Regierung gelenkt wurde noch staatliche Struktur besaß, arbeiteten die Netzwerke ihrer Fernhändler und Kaufleute sowie die zwischen den Städten geknüpften Beziehungsgeflechte höchst effizient. Hart ausgehandelte Privilegien einerseits und Zuverlässigkeit andererseits ließen den gegenseitigen Handel aufblühen und machten hohe Qualitätsstandards möglich.

Hansische Kaufleute feilschen (Spielszene)
Hansische Kaufleute feilschen (Spielszene) Quelle: ZDF,Sven Heiligenstein

Die städtische Handelsinfrastruktur beginnt bei den Hafenanlagen, die von den Kaufleuten gegen Gebühr genutzt werden. Mit dieser Gebühr werden auch die Arbeiten finanziert, die für das Freihalten und die Sicherung der Wasserwege zum Hafen notwendig sind. Wenn für die einlaufenden Schiffe und deren Ladung der fällige Zoll im Hafen bezahlt ist (sofern derjenige nicht davon befreit ist), dienen Kräne und Wippen zum Entladen der Schiffe.

Systematische Wareninspektion

Die an Land gebrachten Verpackungseinheiten werden durch Träger und Fuhrleute zunächst zur Waage (wo das Gewicht mit der verzollten Menge verglichen wird) und dann zu ihrem Bestimmungsort gebracht. Das ist meist das Haus eines Kaufmanns, wo die Waren zwischengelagert und zu neuen Transporteinheiten zusammengestellt werden. Bisweilen geht es auch direkt zum Binnenhafen oder zum Weitertransport auf ein anderes Seeschiff oder als Landtransport auf ein Fuhrwerk.

Die Handelsgüter, die aus dem Einzugsgebiet und dem Hinterland einer Stadt in den Seehandel eingespeist werden sollen, werden meistens durch die städtische wrake geprüft. Dieses System der Wareninspektion erlaubt es, auch kleine Mengen einer bestimmten Ware als geprüftes hansestädtisches Kaufmannsgut in den Handel einzubringen. Für Güter, die in der Stadt selbst hergestellt werden, nehmen die Amts- oder Zunftmeister diese Funktion bei der "Beschau" wahr. Die geprüften Waren werden mit einem Wrakezeichen versehen, so dass nachvollziehbar ist, wo sie geprüft wurden.

Produkte mit Meisterzeichen

Handwerkliche Produkte müssen außerdem ein Meisterzeichen aufweisen. Schlechte, schadhafte Ware kann so bis zur (oberflächlichen) wrake oder bis zum Hersteller zurückverfolgt und dieser zu Schadenersatz verklagt werden. Wird der Schaden im Ausland bemerkt, erfüllen oft zunächst die Älterleute des Kontors, wo die Ware verkauft wurde, oder der Rat der Stadt die Forderung, um die Sache schnell zu bereinigen. Die gerichtliche Auseinandersetzung mit dem Hersteller könnte so lange dauern, dass der Ruf der Hanse und der jeweiligen Stadt darunter leiden würde.

Vertrag der Kaufleute
Vertrag der Kaufleute Quelle: ZDF,Stephan Zengerle

Streitigkeiten zwischen Kaufleuten, die sich nicht durch ein schiedsgerichtliches Verfahren beilegen lassen, werden vor Gericht ausgetragen. Es gibt ein gesondertes Gastgericht, das einen schnelleren Verfahrensgang hat, damit fremde Kaufleute nicht unnötig lange festgehalten werden. Der Hansetag kann in Handelssachen in der Regel als oberste Instanz angerufen werden. An dieses System sind in unterschiedlicher Intensität (die es von der historischen Forschung noch auszuarbeiten gilt) die folgenden Städte angebunden. Unterteilt in die verschiedenen hansischen Regionen, gehören zur Hanse entweder als echte Hansestädte oder als ihr zugewandte Städte, deren Kaufleute die hansischen Privilegien nutzen.

Regionale Gliederung

Die verschiedenen regionalen Gruppen bilden die räumliche und organisatorische Grundlage der Hanse. Das sind, von Westen her gesehen, die süderseeischen (die an der Zuidersee gelegenen), niederrheinischen, westfälischen, (nieder-) sächsischen, wendischen, pommerschen, brandenburgischen, preußischen, livländischen, (im 14. Jahrhundert) schwedischen und gotländischen Städte. Das ist auch selbstverständlich in einer Zeit, in der die Kommunikations- und Verkehrsmittel eine gleichzeitige und gleichmäßige Information aller Mitglieder nicht zulassen. Von Lübeck, das im Hinblick auf die Verkehrswege in der Mitte des hansischen Raumes liegt, "zu allen steden ins mittel gelegen", wie es damals hieß, benötigt ein Brief nach Reval (Tallinn) bei guten Bedingungen eine Woche, nach Bergen vier Tage bis zu zwei Wochen; Brügge und London waren in einer knappen Woche zu erreichen.

Daher lag es auf der Hand, dass die Hanse die vorgegebene regionale Gliederung auch für ihre Zwecke nutzte. Sie fasste sie zunächst in Drittel, seit dem 16. Jahrhundert in Viertel zusammen, so genannte hansische Quartiere: Das wendische Quartier mit Lübeck als Vorort umfasste die wendischen und pommerschen Städte, im sächsischen Quartier hatte Braunschweig die Führungsrolle, das livländisch- preußische Viertel mit Danzig als Vorort erstreckte sich von Reval (Tallinn) bis Thorn (Torun); ursprünglich gehörte hierzu auch Visby, das aber 1476 zum letzten Mal zu einem Hansetag eingeladen wurde. Das niederrheinischwestfälische Quartier umfasste auch die süderseeischen Städte, Vorort war Köln.

Militärische Beistandspflicht

Drittels- oder Quartierstage fanden selten statt. Wichtiger waren die Städteversammlungen der oben genannten Regionen, die Regionaltage. Auf ihnen wurden die hansischen Angelegenheiten beraten und oftmals der Rat eines Mitglieds bestimmt, dessen Sendeboten alle Städte der Region auf dem allgemeinen Hansetag vertreten sollten. Von Seiten der Hanse wurde die Schlichtung von Streitigkeiten zwischen Mitgliedern den Nachbarstädten aufgetragen. Auch im Rahmen spezieller Bündnisse, der "Tohopesaten", lag die militärische Beistandspflicht bei Angriffen auf ein Mitglied zuallererst bei den Nachbarn.

Bewaffnete Kogge der Hanseaten
Seeschlacht Hanse gegen Piraten (Spielszene) Quelle: ZDF

Das umfasste auch die Durchführung von Seeblockaden und die Seekriegsführung. Man schätzt, dass in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts allein in den sieben Hansestädten Bremen, Hamburg, Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund und Danzig rund 1000 Schiffe beheimatet waren. Verlässliche Zahlen aus früheren Zeiten gibt es leider nicht. Da bis ins 16. Jahrhundert hinein Handelsschiffe relativ kurzfristig in "Friedeschiffe" (so hießen damals die Kriegsschiffe) umgerüstet werden konnten, waren die Hansestädte bei Bedarf in der Lage, Flotten aufzubieten, die es mit denen der Königreiche im nördlichen Europa aufnehmen konnten.

Innovative Seekriegsführung

In der Seekriegsführung war die Hanse ausgesprochen innovativ. Das Spektrum reichte von der Einführung der Seeblockade 1284 gegen Norwegen über Seelandungen als amphibische Operationen in den beiden Kriegen gegen König Waldemar IV. von Dänemark bis hin zum ersten größeren Seegefecht, das vor Kopenhagen 1428 mit Schiffsartillerie auf Distanz geführt wurde. Der Hansetag verteilt im Kriegsfall die Kontingente auf die beteiligten Städte, hat aber selbst keine Flotte. Die Kriegskosten werden über eine Sondersteuer auf Handel und Schifffahrt, in deren Interessen diese Kriege geführt wurden, verteilt. Später wurde auch die städtische Bevölkerung mit direkten und indirekten Steuern in die Pflicht genommen.

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