Quiek, quak, knurr - pups!

Wie Fische auf sich aufmerksam machen

Unter Wasser geht es laut her. Nicht nur Schiffsmotoren erfüllen die Meere mit ständiger Geräuschkulisse. Auch die ozeanischen Bewohner sind nicht gerade leise. Wale beschallen die unendlichen Weiten mit gewaltigen Rufen und betörenden Gesängen. Weniger melodisch und stimmgewaltig, dafür aber umso erstaunlicher zeigen Fische ihr akustisches Repertoire.

Fische gelten sprichwörtlich als stumm. Doch bei immer mehr Arten entdecken Wissenschaftler Lauterzeugungen. Von gelegentlichen sparsamen Äußerungen bis zu regelrechter Geschwätzigkeit reicht das Spektrum die Kiemenatmer. Einen Kehlkopf mit Stimmbändern besitzen sie nicht. Daher müssen sie sich einiges einfallen lassen, um sich dennoch mehr oder weniger geräuschvoll mitteilen zu können.

Doppelt getäuscht

Eurasische Elritze
Elritzen können Töne von fast 7000 Hertz hören

In zweierlei Hinsicht haben sich die Menschen bis vor ganz kurzer Zeit in den Fischen gründlich getäuscht. Sie dachten, diese schuppigen Wasserwesen seien taub, und sie glaubten auch nicht, dass diese Tiere rufen könnten. Weshalb sollten sie auch rufen, wenn sie ja gar nicht hören können? Schließlich sieht man keine Spur eines Ohres auf der äußeren Oberfläche. Aber Fische besitzen Ohren – und viele können sogar recht gut hören. Ihre Ohren liegen hinter den Augen im Inneren des Kopfes. Es sind kleine, längliche Kapseln, in denen sich Flüssigkeit und Gehörsteinchen befinden. Das Ganze funktioniert sehr ähnlich wie unser Innenohr. Die meisten Fische können damit Frequenzen bis zu 1000 Hertz wahrnehmen.

Einige sind noch bessere Lauscher. Elritzen können Töne von fast 7000 Hertz hören, und ein Zwergwels soll sogar Schall über 13.000 Hertz wahrnehmen. Um ihr Hörvermögen noch zu steigern, setzen Welse, aber auch Karpfen und einige andere Fische die Schwimmblase als Verstärker ein. Eine spezielle Konstruktion aus winzigen Knöchelchen nimmt die Schwingungen der Schwimmblase auf und leitet sie an die inneren Ohren weiter. Aber der Gasbehälter im Bauch der Fische kann auch in anderer Weise verstärkend eingesetzt werden: als Resonanzkörper im Rahmen der Lauterzeugung. Ein Lippfisch kann auf diese Weise wie ein Nebelhorn rufen und ist sogar über Wasser zu hören. Die Indianer der amerikanischen Atlantikküste wähnten daher Meeresgeister in den Wogen.

Mehrfach gelöst

Knurrhahn
Keine Überraschung: Knurrhähne machen Knurrlaute

Um akustisch auf sich aufmerksam zu machen, haben Fische verschiedene Methoden entwickelt. Einige knirschen mit den Zähnen, andere lassen ihre Gelenke knarren oder trommeln mit speziellen Muskeln auf die Schwimmblase und wieder andere lassen Sehnen ertönen wie Saiten eines Zupfinstrumentes. Dabei entstehen beispielsweise bei Welsen Quieklaute, bei Krötenfischen Quaklaute, bei Soldatenfischen Klicklaute, Knurrlaute bei Knurrhähnen und bei diversen anderen Arten diverse andere Töne. Aber dann gibt es noch einige, die dieses Unterwasser-Orchester um die Gruppe der Bläser vervollständigen. Zu ihnen zählen wenige Ton-Spezialisten wie etwa Heringe. Diese Fische setzen Gas zur Schallerzeugung ein. Dabei blasen sie nicht mit dem Mund, sondern mit der entgegengesetzten Körperöffnung.

Heringe leben in Schwärmen. Da ist es wichtig zu wissen, wo sich der Nachbar befindet, um unnötige Rempeleien zu vermeiden oder sich zu weit voneinander zu entfernen. Tagsüber checken Heringe die Lage überwiegend mit den Augen und dem Seitenlinien-Organ, das Wasserschwingungen wahrnehmen kann. Nachts jedoch kommunizieren Heringe miteinander, indem sie feine Gasblasen aus dem Allerwertesten ausstoßen. Je mehr Fische sich im Wasser drängen, desto heftiger „pupsen“ die Schwarmmitglieder. Dabei entsteht ein hochfrequenter Sound von 22.000 Hertz. Aber ihre gesamte Tonleiter kann sich über drei Oktaven erstrecken. Zwischen 0,6 und 7,5 Sekunden dauert so eine anale Äußerung. Schwedische Horchposten hatten bereits im Jahr 1993 diese Herings-Konversation beobachtet, sie zunächst jedoch für Geräusche sich anschleichender russischer U-Boote gehalten und in einem Geheimbericht dokumentiert. Erst nach zehnjähriger Schweigefrist durften die Biologen ihren Irrtum öffentlich eingestehen – mit unerwarteten Folgen.

Einfach genial

Schwarm Heringe
Heringe im Schwarm: Kommunikation durch Flatulenz Quelle: imago

Magnus Wahlberg und Hakan Westerberg erhielten am 30. September 2004 gemeinsam mit dem Amerikaner Ben Wilson und seinem Team den Ig-Nobelpreis in Biologie für ihre Untersuchungen an pupsenden Heringen. Seit 1991 wird diese Auszeichnung für besonders skurrile Forschung von der Harvard-Universität verliehen und von „richtigen“ Nobelpreisträgern überreicht. Beide Teams haben die eigenartige Flatulenz der Heringe genau analysiert. Mit speziellen Kameras und Unterwasser-Mikrophonen beobachteten sie die Heringe rund um die Uhr. Für die Pupse fanden sie auch bald hochwissenschaftliche Termini: FRT (Fast Repetitive Tick) oder auch „pulsed chirp“ nannten sie die Töne aus den Fisch-Aftern.

Die Biologen setzten ihre Heringe verschiedenen Reizen und Situationen aus. Doch weder die Anwesenheit von Haien noch das Angebot von Futter beeinflussten das Pupsen. Daraus schlossen sie, dass weder Angst noch Verlockung das Gas entweichen lässt, sondern allein der Drang zum Kommunizieren. Das ist Heringen nur möglich, weil ihre Schwimmblase mit einem besonderen Ausgang in den Darm kurz vor dem Anus ausgerüstet ist. Bei den ausgestoßenen Gasblasen handelt es sich um Gas aus der Schwimmblase und nicht um Verdauungsgase aus dem Darm. Neben diesen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnen leiten die Forscher auch an einen ökonomischen Nutzeffekt ab: Das vernehmliche Pupsen könnte Fischern die Ortung der wertvollen Schwärme erleichtern.

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