Qumran als Wirtschaftszentrum

Handelsmetropole einer fruchtbaren Region

Die strategisch günstige Lage von Qumran beflügelt Forscher zu einer These, die weltweit immer mehr Befürworter findet: Die Siedlung mit ihrem mächtigen Turm war ein Wirtschaftszentrum mit weit reichenden Handelsbeziehungen.

Etwa zehn Kilometer weiter südlich hoben Archäologen den antiken Hafen Mazin aus dem Sand. Längst liegt er auf dem Trockenen.

Vergleichbare Architektur

Gut erhalten ist die Mole, an der einst die Schiffe anlandeten. Forscher datieren das Bauwerk auf das 1. Jahrhundert vor Christus - in die Blütezeit von Qumran. Hier wie dort ein wuchtiger Turm mit Blick auf das Ufer. Schon aus der Ferne ein gut sichtbares Wahrzeichen.
Nur zwei Kilometer von Mazin entfernt befinden sich die Ruinen einer weiteren Siedlung: Ain et-Turabe. Wie nicht anders zu erwarten, fanden Ausgräber dort Überreste eines festungsähnlichen Turms. Die vergleichbare Architektur der drei Plätze spricht dafür: Qumran war weder einsam noch einzigartig, sondern lag in einer dicht besiedelten Region. Bekannt ist: Auf den Wassern vom Toten Meer herrschte in der Antike reger Schiffsverkehr.

Die Bewohner von Qumran waren nach Meinung der Forscher Einwanderer und zogen aus dem fruchtbaren Jordantal in die Region am Toten Meer. Den Grund für den Ortswechsel offenbart die Festung Masada - das imposante Bollwerk des Herodes im Süden der ausgedehnten Küstenzone.

Grüne Insel

73 nach Christus eroberten die Römer die Burg mit Hilfe einer gigantischen Rampe - aufgeschüttet aus Steinen und Erde, unterfüttert mit Baumstämmen. Darunter Tamarisken, Zypressen und sogar Pappeln. Holz, das in der Nähe gewachsen sein muss. Die Bodenproben, die der deutsche Anthropologe Olav Röhrer-Ertl und sein Team sorgfältig analysierten, bestätigen: Vor 2000 Jahren lag Masada inmitten einer grünen Insel.

Das Gebiet um Jericho bis zum Nordrand des Toten Meeres galt schon seit jeher als eine der lukrativsten Anbauflächen Palästinas. Nicht zufällig erschmeichelte sich die schöne Kleopatra von ihrem Geliebten Antonius den fruchtbaren Landstrich als Geschenk. Die ägyptische Königin hatte damit nicht nur Zugriff auf den wichtigen Dattelanbau, der hohe Gewinne brachte. Noch eine andere, überaus wertvolle Pflanze wuchs damals in der Gegend: Der Balsamstrauch. Zur Zeit Qumrans war Balsam eine überaus teure Handelsware. Sein duftendes Harz - Grundstoff für Medizin und Kosmetika, für Parfum und Räucherwerk.

Zusätzliche Geldquelle

Eine zusätzliche Geldquelle hatte die Salzsee zu bieten - den seltenen und daher kostbaren Naturasphalt. Für die alten Ägypter unersetzlich bei der Mumifizierung ihrer Toten. Der Rohstoff diente aber auch zum Kalfaltern von Schiffen, als Potenz- und Heilmittel. Nicht nur Kleopatras Terrain, sondern der gesamte Uferstreifen war im Altertum eine landwirtschaftliche Goldgrube.

Fazit der Experten

Unweit der Oase En Gedi stieß der israelische Archäologe Yigael Yadin 1961 auf einen alten Korb mit Gegenständen aus dem Jahr 132 nach Christus. Das Wichtigste darin war ein Bündel Papyri. Die Unterlagen gehörten einer Frau mit dem Namen Babtha oder Babatha. Ein wissenschaftliches Kleinod. Die Urkunden belegen: Babatha verfügte über ausgedehnte Dattelplantagen am Südostufer des Toten Meeres.


Das Fazit von Experten lautet: Der gesamte Landstrich war ein bedeutsamer Wirtschaftsfaktor. Rund um Qumran, entlang der Ufer am Toten Meer, trieben Menschen Handel und verdienten Geld. Die Infrastruktur ermöglichte den Export zu Lande und zu Wasser. Allein neun Häfen und Ankerplätze sind durch Grabungen nachgewiesen. Wer auch immer zwischen 150 vor und 68 nach Christus auf dem Hochplateau wohnte, lebte in einem fruchtbaren Grüngürtel. Eine Wüste wie heute existierte damals dort nicht.

Im Licht jüngster Forschung wandelt sich das Anwesen vom einsamen Kloster zum geschäftigen Betrieb. Die "essenische Bibliothek" also eher ein Lagerraum für Datteln und andere Agrar-Produkte. An dem berühmten "Essener-Tisch" saßen nicht fromme Einsiedler, sondern viel eher Plantagenverwalter - zuständig für Löhne und Verkauf. Nicht biblische Texte, sondern Ertragslisten und Rechnungen schrieben fleißige Hände in den Stuben. Scherzende Arbeiterinnen sortierten getrocknete Datteln in Vorratskrüge.

Archäologischer Befund

Der archäologische Befund jedenfalls lässt - ohne die Rollentexte als Grundlage - auf eine ganz normale jüdische Bevölkerung schließen. Darunter vielleicht auch Essener - wie in jener Epoche überall in Judäa. Die rituellen Tauchbäder waren Bestandteil jeder Siedlung. Aber die Mehrzahl der Becken hatte wahrscheinlich eine andere Funktion. Statt edler Schreibpergamente produzierten die Bewohner vielmehr Dattelwein oder kostbare Balsam-Parfums für die Highsociety in Jerusalem und anderswo.

Ungeklärt bleibt weiterhin, woher die Schriftrollen kamen. Denkbar, dass sie aus der Tempelbibliothek in Jerusalem stammen. Vielleicht brachten die Juden beim Vormarsch der Römer die heiligen Texte ans Tote Meer. Denn seit Menschengedenken dienten die Höhlen als sichere Verstecke. Welche Gemeinschaft auch die Manuskripte den Krügen anvertraute - die Inhalte bleiben die kostbarsten und ältesten Zeugnisse jüdischer Religion.

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