Rätselhafte Herkunft

Suche nach der Identität

Der Druck der Öffentlichkeit steigt, endlich Licht ins Dunkel der wahren Existenz Kaspar Hausers zu bringen. Manche halten den Jungen nur für einen gewitzten Betrüger, der eine ganze Stadt und seinen Magistrat zum Narren hält. Der Gerichtspräsident Anselm von Feuerbach nimmt sich des Falles an.

Feuerbach unterzieht den Gefangenen einer Anzahl kleinerer Versuche und schon bald steht für ihn Folgendes eindeutig fest: Kaspar ist nicht nur kein Betrüger, er ist - so notiert Feuerbach - "weder in Blödsinn noch in Wahnsinn verfallen. Seine Seele, und auch manche seiner Sinne scheinen in gänzlicher Erstarrung zu liegen, und nur allmählich erwachend den Außendingen sich zu öffnen.".

Eindeutige Spur nach Baden

Feuerbach ist der oberste Kriminologe des Königreichs Bayern. Seine Aufzeichnung über Kaspar mit dem Titel: "Verbrechen am Seelenleben des Menschen" wird das erste grundlegende Werk über den Findling, die Erstauflage erscheint 1832. Feuerbach geht den Gerüchten um Kaspars adelige Abstammung nach. Warum wird Kaspar von niemandem vermisst? Und er folgert, "... dass ein verschlepptes Kind nur dann nicht als verschollen gilt, wenn es für tot gehalten wird. Will man also Kaspars wahre Identität herausfinden, so muss man ihn unter den Verstorbenen suchen."

Feuerbach ahnt ein entsetzliches Verbrechen: Kaspar wird in der Wiege mit einem todkranken Kind heimlich vertauscht, das kurz darauf stirbt. Feuerbach geht zurück bis in das Jahr von Kaspars Geburt, 1812, und forscht in den Stammbüchern aller europäischer Fürstenhäuser nach Fällen von Kindstod. Eine eindeutige Spur führt nach Baden. In Karlsruhe regiert seit Generationen das Geschlecht der Zähringer das wohlhabende Großherzogtum.

Am 29. September 1812 wird im Schloss zu Karlsruhe ein Junge geboren. Es ist eine komplizierte Geburt. Die Großherzogin von Baden, Fürstin Stephanie de Beauharnais, erholt sich nur langsam. Die Freude über den Erbprinz von Baden, Stammhalter und künftiger Thronfolger seines Vaters, Großherzog Karl von Baden, ist groß. Nur wenige Wochen nach seiner Geburt, in der Nacht des 16. Oktobers, erkrankt das Kind unerwartet. Die herbeigerufenen Hofärzte sind machtlos, der Säugling stirbt. Ursache unbekannt. Baden ist wieder ohne Thronfolger.

Noch in der selben Nacht bewegt sich der Trauerzug nach Pforzheim zur Familiengruft in der Schlosskirche von Sankt Michael. Hier werden seit dreihundert Jahren alle Angehörigen aus der Zähringer-Linie dieses Fürstenhauses zur letzten Ruhe gebettet. Auch der Kindersarg des namenlos getauften Sohns steht hier aufgebahrt. Doch liegt darin auch wirklich der Thronfolger? Nein! So die Antwort Feuerbachs. Nicht der Erbprinz sei gestorben und liege hier begraben, sondern ein heimlich untergeschobenes, sterbenskrankes Kind. Wer könnte dieses andere Kind gewesen sein? Die Lösung des Geheimnisses ruht in dieser Gruft. Aber der Zutritt dazu wird vom Hause Baden bis heute niemanden gewährt.

Verdacht eines Erbfolgestreits

Die Suche nach der Identität des fremden Kindes führt ins Generallandesarchiv nach Karlsruhe. Hier werden alle Geburten, Taufen, Eheschließungen und Sterbefälle Badens seit Hunderten von Jahren gesammelt und aufbewahrt. Stimmt die Theorie vom vertauschten Prinz, dann gibt es einen Jungen, gleichaltrig mit dem Prinzen, dessen Eltern in Beziehung zum Karlsruher Hof gestanden haben. In den Geburtenregistern der Jahrgänge ab 1812 findet sich ein Kind: "Johann Ernst Jakob Blochmann, im Jahre 1812 in hiesiger großherzoglicher Residenzstadt Carlsruhe in der Gemeinde Klein Carlsruhe geboren". Das genaue Geburtsdatum lautet auf den 26. September - drei Tage vor der Geburt des Prinzen im Karlsruher Schloss. Der Vater war Arbeiter bei Hofe und stand im Dienst einer gewissen Gräfin Luise Karoline von Hochberg. Ein Blick auf die Familiengeschichte des Haus Baden untermauert den Verdacht eines Erbfolgestreits.

Ein eindeutiges Motiv hat die ehrgeizige Gräfin Hochberg: Ihre Ehe als zweite Frau des Markgrafen Carl Friedrich ist nicht standesgemäß. Folglich hatten Ihre Söhne keinen Anspruch auf den Thron. Das ist allein den männlichen Nachkommen aus der ersten Ehe des Markgrafen vorbehalten. Es sei denn, diese Nachkommen der ersten Linie stürben. Und tatsächlich, alle männlichen Erbfolgeberechtigten der linken, der Zähringer-Linie sterben: sieben Tote aus vier Generationen. Damit ist der Weg frei für die Hochberg-Linie und ihren Sohn Leopold.

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