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Raubgräber im Irak zerstören kulturelles Erbe der Menschheit

Hehler machen Milliardengeschäfte mit illegalem Antikenhandel

Archäologische Funde belegen: Im Irak liegt die Wiege unserer Zivilisation. Doch dieses kulturelle Gedächtnis ist in Gefahr. Während die Ausgrabungen in Uruk, bewacht von Beduinen, von Erosion bedroht sind, werden andere archäologische Stätten von Raubgräbern regelrecht umgepflügt. Der illegale Antikenhandel ist ein Milliardengeschäft - und Deutschland spielt dabei eine Schlüsselrolle.

Beduine bewacht Ausgrabungsstätte
Beduine bewacht Ausgrabungsstätte Quelle: ZDF

"Wie eine Mondlandschaft - ein Krater neben dem anderen." So beschreibt der Archäologe Michael Müller-Karpe das traurige Bild der zerstörten archäologischen Stätten im Süden des Irak. Räuber haben hier das Gelände systematisch umgegraben auf ihrer Suche nach antiken Stücken. Auf dem internationalen Markt werden Rollsiegel oder Statuen für tausende oder gar zigtausende Euro gehandelt.

Stücke verlieren wissenschaftlichen Wert

Doch schlimmer als der Verlust der Objekte ist, dass das Umfeld der Fundstücke zerstört wird. Ohne zu wissen, wo ein Gegenstand gefunden wurde, ohne die Hinweise auf seinen Gebrauch oder seine Bedeutung ist ein antikes Stück aus wissenschaftlicher Sicht weitgehend wertlos. "Das heißt, dass wir mit den Informationen aus der Region nichts mehr anfangen können", sagt Margarete van Ess vom Deutschen Archäologischen Institut. "Das ist natürlich bitter."

Anders in Uruk: Bis zum Ausbruch des Krieges hat die Archäologin dort ein Projekt betreut. Jetzt leitet sie die "Außenstelle Bagdad" kommissarisch von ihrem Büro in Berlin aus. Von dort aus hält sie Kontakt zur Verwaltung in Bagdad und zu dem Beduinenstamm, der die Stätten in Uruk seit Jahrzehnten zuverlässig bewacht - ein echter Glücksfall für die Wissenschaftler. Doch auch hier drängt die Zeit: Die freigelegten Ruinen sind von Erosion bedroht.

Banden schmuggeln Funde nach Europa

Wie es in anderen Regionen aussieht, mag sich Margarete van Ess gar nicht ausmalen. "Eine amerikanische Kollegin hat Satellitenbilder für den gesamten Südirak ausgewertet und rechnet im Moment mit knapp 20 Quadratkilometern, die umgepflügt werden." Die Raubgräber sind oft bitterarme Bauern, die die harten Strafen nicht abschrecken . "Aber den Transport erledigen organisierte Banden", so Michael Müller-Karpe, Irak-Experte beim Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz. "Die bringen die Sachen über die Grenze nach Saudi-Arabien oder Jordanien und von dort nach Europa. Doch die eigentlichen Täter sind diejenigen, die solche Dinge kaufen!"

Von Raubgräbern umgepflügte Stätte
Von Raubgräbern umgepflügte Stätte Quelle: Carabinieri T.P.C. Italia

Und das ist - glaubt man den Experten - in Deutschland gar nicht so schwierig. "Wenn Sie bei eBay suchen, dann stolpern Sie ganz gewaltig darüber", sagt van Ess. Auch das irakische Nationalmuseum dokumentiert auf seinen Internetseiten, wie einige der bei den aufsehenerregenden Plünderungen 2003 geraubten Objekte bei ebay wieder auftauchten. Auch große Auktionshäuser haben den Experten zufolge Stücke aus Raubgrabungen im Angebot.

Gesetzeslücken machen Handel möglich

Legal ist der Handel mit antiken Gegenständen ungeklärter Herkunft nicht - eine UN-Konvention und eine EU-Verordnung, die das irakische Kulturgut schützen sollen, sind seit 2003 in Kraft. "Man darf damit überhaupt nicht handeln", betont van Ess. Doch die Vorgaben sind leicht zu umgehen: Eine bei Versteigerungen beliebte Strategie ist zu behaupten, der Fund befinde sich seit Jahrzehnten in einer alten Schweizer Sammlung oder im Besitz einer adligen englischen Familie. "Den Nachweis erbringt der Händler in der Regel nicht", sagt Müller-Karpe.

Erst kürzlich sei in Paris eine 4000 Jahre alte Bronzefigur aus dem Irak versteigert worden, auf der bereits bei der Anfertigung der Name des Königs und des Tempel-Standortes vermerkt worden sei. "So ein sensationelles Ausnahmestück kann man unmöglich lange geheim halten - das stinkt doch gewaltig - das ist ein frischer Raubgrabungsfund!", empört sich der Experte.

Deutsche Gesetze unzureichend?

"Das Problem ist, dass solche Straftaten nicht verfolgt werden", meint Müller-Karpe. Die zuständigen Behörden seien total überlastet. Außerdem sorge eine finanzstarke Lobby auch mit juristischen Mitteln dafür, dass der illegale Antikenhandel nicht ins Stocken gerate. Unesco und FBI schätzen den Umsatz aus diesem Geschäft auf sechs bis acht Milliarden Dollar jährlich. "Die Lobby kommt dann mit großen juristischen Knüppeln. Wer sich da als Richter auf die Hinterbeine stellt, kann sich großen Ärger einhandeln."

Dass in Deutschland nach wie vor kräftig mit Raubgrabungsfunden gehandelt wird liegt auch an der deutschen Umsetzung des Unesco-Übereinkommens zum Kulturgüterschutz von 1970. Das sei ein "Raubgrabungsförderungsgesetz" und eine "Farce" empört sich Müller-Karpe. Als eines der letzten Länder hat Deutschland die Konvention im vergangenen Jahr in ein nationales Gesetz überführt - allerdings in einer eigenwilligen Interpretation.

Schutz nur für bereits bekannte Funde

Als schützenswert gilt nur, was vorher der Bundesregierung in einer "Liste individuell identifizierbare Objekte" gemeldet und im "Bundesanzeiger" veröffentlicht wurde. Müller-Karpe: "Im Umkehrschluss heißt das, alles was nicht veröffentlicht ist - und Raubgrabungsfunde können natürlich nirgendwo gelistet sein - ist nach Definition dieses Gesetzes nicht schützenswert und können völlig frei in Deutschland verkauft werden."

Der Wissenschaftler hofft jetzt, dass es auf EU-Ebene gelingt, dem illegalen Antikenhandel Einhalt zu gebieten. "Wir brauchen ein Gesetz, das den Handel mit archäologischen Bodenfunden unbekannter Herkunft klipp und klar verbietet." Dann könnte das eintreten, was Margarete van Ess sich sehnlich wünscht: "Wenn es in Europa keine Nachfrage geben würde, dann würde man auch nicht plündern."

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