Reich der tausend Götter

Die gut geschützte Metropole der Hetither zählt 31 Heiligtümer

Die Residenz der Krieger erstreckte sich nahe der nördlichen Reichsgrenze - umgeben von hohen Bergen. Im Süden bildete die Gebirgskette des Taurus eine natürliche Barriere zum Mittelmeer, Syrien und Mesopotamien. Für ein Imperium nicht gerade ideal.

Prozession aus Steinfiguren Quelle: ZDF

Für eine Großstadt war der Ort sehr abgelegen und nur schwer zu erreichen. Im Altertum entstanden Metropolen meist an den Haupt-Handelsrouten, an schiffbaren Strömen oder nahe der Küste. Hattusa aber liegt mehr als 70 Kilometer vom nächsten Fluss entfernt am Ende eines langen Tals.

Praktisch uneinehmbar

Das steil aufragende Plateau, auf dem die Festung thronte, erklärt die Wahl des Standorts. Die Fläche inmitten des endlosen Berggürtels war praktisch uneinnehmbar. Mit Bruchsteinquadern legten die Architekten die Fundamente ihrer Stadt, sogar durch die Schlucht eines Baches. In die schweren Brocken bohrten sie Löcher für Holzstämme. Eine Hilfskonstruktion, um das Material auch in entlegene Winkel zu schaffen. Selbst gefährliche Felsvorsprünge dienten als Baugrund.

Einzigartige Mauerkonstruktion

Ein mehr als sechs Kilometer langer äußerer Wall mit Wehrtürmen umgab die weitläufige Siedlung. Das Bollwerk verlief über Berg und Tal. Der Verteidigungsring aus ungebrannten Lehmziegeln riegelte das Gelände lückenlos ab. Die Türme brachten es immerhin auf 13 Meter Höhe, die Mauern dazwischen auf etwa acht Meter. Ein Hochsicherheitstrakt - und in jener Epoche eine verteidigungstechnische Glanzleistung.
In regelmäßigen Abständen weist die Kastenmauer eine Neuerung in Form von seltsamen Kammern auf. Sie machen die Mauer einzigartig für die antike Welt. Die Aussparungen sollten der Mauer mehr Stabilität verleihen. Steinsplitter und Erde wurden in Lagen in die Kammern verfüllt und festgestampft. Eine Spezialmischung, die hart wird wie Beton, erfunden im 16. Jahrhundert vor Christus. Auf die verstärkten Fundamente schichteten die Arbeiter Millionen von handgefertigten Lehmziegeln. Anschließend legten sie den Putz wie eine Haut über die Wände. Die Wehrtürme im Abstand von 15 bis 25 Metern standen auf eigenen Sockeln. Eine gelungene Verbesserung der Statik.

Mauerkonstruktion der Hethiter Quelle: ZDF

Die überdimensionalen Ausfalltore sind für die Forscher ein Highlight. Sie sind wie ein Gewölbegang konstruiert, der nachts mit zwei Holztüren abgeriegelt wurde. Direkt vorgelagert eine befestigte Rampe, die vielleicht als Schleuse diente. Vom Turm aus konnten ungebetene Gäste rechtzeitig erspäht werden. Die Besonderheiten der Mauer deuten auf ein Verteidigungssystem, das allen Waffen der damaligen Zeit standhielt. Doch aus Furcht vor den Nachbarn im Norden verbesserten die Hethiter ihre Verteidigungsanlage.

Animation zusätzlicher Befestigungsring Quelle: ZDF

Über 50.000 Einwohner

Im 14. und 13. Jahrhundert vor Christus führten die Hetither im Süden des Areals die Erweiterungsarbeiten durch. Der neue Befestigungsring um die Oberstadt vergrößerte die Fläche von Hattusa um mehr als das Doppelte. In jener Zeit lebten vermutlich weit über 50.000 Menschen in der Metropole. Immer wieder bedrohten innere Unruhen das Staatsgefüge. Für den amtierenden König Grund genug, seinen Palast mit einer Extramauer einfrieden zu lassen. Obwohl seine Lage auf einer Bergkuppe den Komplex vom Rest der Stadt abschirmte.

Die Abgeschiedenheit der Residenz im trockenen und kargen Hochland warf die Frage auf, wie sich so viele Menschen ausreichend Trinkwasser beschaffen konnten. Bei den umfangreichen Grabungen fanden die Archäologen die überraschende Antwort. Die Bewohner von Hattusa verfügten über ein ausgeklügeltes Versorgungssystem. Frischwasser stand jedem an öffentlichen Zapfstellen zur Verfügung. Die Abwässer wurden von den Häusern durch Rohre direkt in eine Kanalisation geleitet. Die geniale Technik aus der Bronzezeit konnten die Forscher anhand von eindeutigen Fundstücken nachweisen.

Sieben künstliche Seen

Die Ingenieure des Altertums machten sich die Quellen in den umliegenden Bergen zunutze. Um das stadtweite Netz zu speisen, lenkten sie das kostbare Nass über Leitungen aus Ton in mehrere große Reservoirs innerhalb der Mauern. Die Hethiter stellten es ziemlich schlau an, das Quellwasser sogar zum höchsten Punkt der Stadt zu leiten, wo sie Teiche angelegt hatten. Vor Ort rekonstruierten die Archäologen insgesamt sieben künstliche Seen. Die Speicher garantierten die Wasserversorgung für wenigstens ein Jahr. Selbst bei einer hartnäckigen Belagerung gab es in jedem Viertel genügend Nachschub. Ob Krieg oder Frieden - Hattusa blieb autark.


Hattusa heißt auch das "Reich der tausend Götter". Bis heute zählen die Forscher 31 Heiligtümer. Davon allein 29 in der Oberstadt. Das größte Sakralbauwerk aber liegt in einer großzügigen Senke, mitten in einem Wohnviertel der Unterstadt. Rund 200 Magazine umgeben das Allerheiligste sowie Kultkammern und Lagerräume für die geweihten Utensilien.

Großer Erdwall Quelle: ZDF

Weithin sichtbare Lankmarke

Am südlichen Rand der monumentalen Stätte unterhalb der Residenz errichteten die Hethiter eine seltsame Konstruktion: einen Erdwall - 250 Meter lang, 80 Meter breit und 30 Meter hoch. Ein Kalksteinmantel machte die Befestigung zu einer weithin sichtbaren Landmarke. Über 100 Stufen führten auf die Bastion, die wie ein massiver Block in die Stadtmauer integriert war. Genau in der Mitte prangte ein Doppeltor mit überdimensionalen Sphingen. Der unterirdische Tunnel mit einer Öffnung nach außen gibt bis heute Rätsel auf. Möglicherweise wurde er militärisch oder rituell genutzt.

Animation Blick auf die Königsburg Quelle: ZDF

Seit Jahrzehnten untersuchen die Ausgräber vom DAI auch die Königsburg. Ein schwieriges Unterfangen, denn keine der 30.000 Texttafeln gibt näher Auskunft. Allein die archäologischen Befunde helfen bei der Rekonstruktion. Der Palast hoch oben auf einem Felsrücken war das politische Zentrum des Reiches. Eine eigene Stadt mit Bauten für die Herrscherfamilie, die Höflinge und die Hundertschaft an Personal. Anhand der Fundamente erstellen die Spezialisten ein Modell der Zitadelle. Hinter dem Haupttor öffnen sich Kolonnaden gesäumte Innenhöfe, an die sich die Audienzhalle des Herrschers anschließt. Im oberen Burghof - vor Eindringlingen bestens geschützt - lagen auch ein eigenes Wasserbecken, die Vorratsräume und die mehrstöckigen Wohnhäuser der Großkönige. Mehr als 450 Jahre regierten dort die Staatsmänner von Hattusa, die auch stets die Rolle des Obersten Priesters übernahmen.

Glaube an die Allmacht der Götter

Nur anderthalb Kilometer vom großen Tempel entfernt erstreckt sich ein geheimnisvolles Felsheiligtum. Die Ausgräber verstehen es als Sinnbild des Glaubens an die Allmacht der Götter von Hattusa. Unter freiem Himmel präsentieren zwei Kulträume eine Prozession in Stein. Die wichtigsten Mitglieder des Pantheon, Männer und Frauen streng voneinander getrennt, begleiten das Zusammentreffen des Wettergottes mit seiner Gemahlin, der Sonne. Immer zum Jahreswechsel trugen die Einheimischen die Statuen aus den vielen Tempeln an den stillen Ort, um die erhabene Begegnung der Unsterblichen zu feiern. Die meisten der in Hattusa geborgenen Keilschrifttafeln sind religiöse Regieanweisungen. Sie beschreiben den genauen Ablauf der Festrituale. Nur ihre korrekte Ausführung sicherte den Bestand der Natur, des Staates und der jeweiligen Dynastie.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet