Reise nach Venedig

Die Geschichte des Kartographen Heinrich Schuder (1)

Heinrich Schuders Leidenschaft ist die Erkundung und Beschreibung der Welt. Er ist Karthograph, unterwegs in geheimen, mitunter gefährlichen Missionen: Zunächst soll er in Venedig für die Stadt Nürnberg Seekarten kopieren, denn der Rat will zusammen mit den Portugiesen in den Indienhandel einsteigen.

"Im Jahre des Herrn 1492 verschlug es mich nach Venedig: Ich sollte Informationen und neuestes Kartenmaterial über Handelswege nach Indien für den Rat meiner Heimatstadt Nürnberg beschaffen. Es waren noch Rechnungen zu begleichen."

Neues auf dem Rialto

"Schon oft war ich Bote und Kundschafter mit riskanten Aufträgen gewesen. Aber selten ließ ich mich aus der Ruhe bringen. Ich gebe mich einfach als Reisender. Aber es war auch mein Interesse, die Welt zu erkunden. Daher wollte ich sehen, was es Neues gab, auf dem Rialto."

"Doch nicht nur Fortschritt gab es zu berichten. Viele Menschen in Venedig waren dem Tode nie so nah wie in diesen Tagen. Es war am Tag der Santa Marta. Leichenträger waren ein alltägliches Bild in Venedig. Aber irgendetwas ließ mich stutzen. Aus allen Häusern holten sie Tote. Der schwarze Tod ging um. Häuser wurden versiegelt, die Pest war wieder einmal ausgebrochen. Ich hatte in Padua Medizin studiert, aber Pestkranke hatte ich noch nie gesehen. Schlimmes hatte ich gehört. Es war das Grauen."

Zeichen des Todes

"Die Pest verbreitete sich in Windeseile. Nur wenige Ärzte hielten sich an den Eid des Hippokrates und waren bereit, zu helfen. Viele waren vor der Pest geflohen. Ich hatte mein Mundtuch in Rosenwasser getränkt. Es soll vor dem verpesteten Atem der Kranken schützen. Die Pestdoktoren reinigen die Beulen der Ärmsten mit Essigtüchern und lassen sie zur Ader. Aber wer die Pest hat, ist dem Tode geweiht. Ein Lufthauch genügt, um sich anzustecken. Bei mir auch? Angst ergriff mich. Es dauert einige Tage, bis die Zeichen des Todes erscheinen."

"Ich packte meine sieben Sachen und verließ Venedig, denn ich hatte genug von dem Elend. Die Gefahr war zu groß. Mein Auftrag längst erfüllt. Es war Zeit. In Nürnberg wartete man schon auf die Karten. Die ganze Stadt war vom Pesthauch durchzogen. Viele waren rechtzeitig geflohen. Wer jetzt noch die Stadt verließ, dem drohte die Todesstrafe. Aber ich musste es wagen."

Flucht über die Alpen

"Doch am Stadttor blieb ich hängen, es wurde vor meiner Nase verschlossen. Ich saß in der Falle. Es sollte mit dem Teufel zugehen. Ich bot einem Gondoliere viel Geld. Für das Risiko war es ihm zu wenig. Ich gab ihm alles geben, was ich hatte. Bei Sonnenaufgang entkam ich und nahm den Weg über die Alpen. Ich reiste allein, denn wenn man erfuhr, dass ich aus dem verpesteten Venedig kam, war ich meines Lebens nicht sicher. Am Arlbergpass konnte ich endlich aufatmen. Ich dachte an die Worte Petrarcas: 'Und es gehen die Menschen, zu bestaunen die Gipfel der Berge.* Dort ist das Ende aller Dinge und des Weges Ziel.' "

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