"Religiöse Gruppierung mit politischen Ambitionen"

Historiker Dr. Daftary über die Gemeinschaft von Alamut

Im Interview äußert sich der Historiker Dr. Farhad Daftary über die von Hasan-e Sabbah gegründete Gemeinschaft.


ZDFonline: Dr. Daftary, wie definieren Sie die Gemeinschaft von Alamut? Als Sekte, als Orden oder als politische Reformbewegung?



Dr. Farhad Daftary: Hasan-e Sabbah gründete die Gemeinschaft von Alamut im Jahr 1090. Es war eine religiöse Gruppierung der Schiiten - mit politischen Ambitionen. Seit Mitte des 9. Jahrhunderts, wenn nicht schon früher, lebten Ismailis im Iran. Unter Hasan-e Sabbah erhielt die Gemeinde eine neue Ausrichtung. Hasan selbst war ein da'i, ein geistlicher Führer oder Missionar, doch er betrieb mehr oder weniger seine eigene, unabhängige Politik. Er plante, eine flächendeckende Revolte gegen die Seldschuken, anzuzetteln. Die türkischen Fremdherrscher wollten das Fatimiden-Kalifat stürzen, das in jener Epoche die Imame der Ismailis stellte. Ein Umstand, den Hasan nicht dulden konnte. Zudem hassten die meisten Perser aus allen sozialen Schichten ihre Besatzer von Herzen. Das erklärt die frühe Popularität und den großen Erfolg von Hasans Bewegung.

Die Übernahme von Alamut im Jahr 1090 markiert den Beginn des ismailischen Staates in Persien. Hasan forderte von Anbeginn, dass der von den Ismailis anerkannte Imam gemäß ihrer Doktrin die Botschaft des Koran auslegt und als einziges religiöses Oberhaupt anerkannt wird. Das schwächte natürlich die Position des abbasidischen Kalifen in Baghdad, der sich selbst als einziger geistlicher Führer und Sprecher aller Muslime betrachtete. Das war einer der Gründe für die Feindseligkeit des sunnitischen Establishments gegenüber den Ismailis und ihrer Lehre.

Wirtschaftlich blühende Gemeinschaft


ZDFonline: Wie war die Gemeinschaft um Hasan-e Sabbah organisiert?


Daftary: Hasans Staat konzentrierte sich auf wenige Gebiete in Persien. Die Ismailis besaßen eine stattliche Anzahl von Bergfestungen und kontrollierten einige Städte. Wir müssen aber auch bedenken, dass es eine wirtschaftlich blühende Gemeinschaft war. Die Ismailis betrieben sehr aktiv Landwirtschaft und Handel. Die Umgebung ihrer Trutzburgen, speziell das Tal von Alamut, ist noch heute sehr fruchtbar. Wir wissen, dass sich Hasan schon früh intensiv um den Ausbau des Bewässerungssystems gekümmert hat und viele Bäume pflanzen ließ.


Alles war sehr effizient organisiert. Jede Region unterstand einem lokalen Chef, das Oberkommando jedoch führte Hasan. Der ismailische Staat hat sogar eigene Münzen geprägt und offizielle Chroniken schreiben lassen. In Alamut und anderen Hauptfestungen wurden umfangreiche Bibliotheken eingerichtet und wissenschaftliche Instrumente gesammelt. Auf der Burg von Alamut selbst lebten schätzungsweise 200 bis 300 Männer, der Rest der Gemeinschaft wohnte in den umliegenden Dörfern. In Zeiten der Gefahr fanden die Verfolgten aber Zuflucht auf dem steilen Felsen von Alamut.


ZDFonline: Woher weiß die Nachwelt das alles, zumal Alamut ja in Schutt und Asche unterging und fast nichts erhalten blieb?


Daftary: Die Ismailis machten ihre Lehre auch Außenstehenden zugänglich, das heißt: anderen schiitischen Gruppen, aber auch Sunniten oder gar jüdischen Wissenschaftlern. Einige von ihnen verbrachten sogar längere Zeit in der Gemeinschaft und benutzten die Bibliotheken der Ismailis - entweder in Alamut selbst oder hauptsächlich in Khorasan im östlichen Iran. So zum Beispiel lebte Tusi, der bekannteste muslimische Gelehrte seiner Zeit, dreißig Jahre unter Ismailis, davon auch längere Zeit in Alamut. Es wurde seine produktivste Periode. Damals schrieb er zahlreiche Werke über Theologie, Philosophie, Mathematik und Astronomie. Tusi hinterließ eine Autobiographie, in der er bekennt, dass er freiwillig konvertierte, weil ihn die ismailische Lehre über die Maßen fasziniert habe.


ZDFonline: Wir wissen zwar nicht viel über Hasan-e Sabbah, doch wie würden Sie ihn charakterisieren?


Daftary: Es blieben nur wenige Teile seiner Autobiographie erhalten, die später durch andere Quellen ergänzt und kommentiert wurden. Das Original ging leider verloren. Aufgrund der sehr begrenzten Informationen, die wir haben, scheint es, dass er ein sehr ernsthafter und asketischer Mann war. Er widmete sein ganzes Leben der Mission und dem Ziel, die ismailische Lehre zu verbreiten und die Gemeinschaft zu schützen. Die Quellen sagen, dass er während der dreißig Jahre seiner Herrschaft in Alamut seine Klause nur zweimal verlassen habe. Vermutlich ist er auf das Dach des Gebäudes gestiegen, um die Gestirne zu beobachten. Den Rest der Zeit verbrachte er damit, die Angelegenheiten seines kleinen Staates zu regeln und Missionsbotschaften zu verfassen.

Flucht in den Untergrund


ZDFonline: Was passierte nach der Zerstörung Alamut durch die Mongolen im Jahr 1256?


Daftary: Die Mongolen setzten dem ismailischen Staat in Persien ein Ende. Sie brachten zahllose Ismailis um, doch die Gemeinschaft wurde nicht total ausgelöscht, wie sunnitische Berichte behaupten. Wie in schweren Zeiten ihrer langen Geschichte üblich, flüchteten sich die Gläubigen in den Untergrund. Viele, die den mongolischen Schwertern entkommen waren, siedelten sich in Afghanistan, Indien oder anderswo in Zentralasien an. Sie schlüpften offiziell in die Rolle von Sunniten oder Sufis, um in einer feindlichen Umwelt zu überleben.


Über die Gemeinschaft in den 200 Jahren nach der Eroberung Alamuts wissen wir nur sehr wenig. Ab Mitte des 15. Jahrhunderts richteten die ismailischen Imame, die bis dahin im Verborgenen gewirkt hatten, ihr Hauptquartier wieder im Iran ein - in einem kleinen Dorf in der Mitte des Landes. Es war der Beginn einer Renaissance sowohl der Missionierung als auch der umfangreichen literarischen Aktivitäten der Gemeinschaft. Doch erst seit 1930 werden Originalhandschriften der Ismailis in Afghanistan, Iran, Yemen oder Zentralasien systematisch gesammelt und wissenschaftlich bearbeitet. So kann allmählich ein neues Image der Ismailis die Legenden und Missverständnisse des Mittelalters ausräumen.

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